Das Risiko fährt auch in Stuttgart mit – ohne Helm auf dem Fahrrad. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Die Unfallbilanz 2017 ist ein Warnsignal: Die Zahl der verletzten Radfahrer in Stuttgart ist stark gestiegen. Fahrer von Elektrofahrrädern sind offenbar besonders gefährdet.

Stuttgart - Plötzlich gibt es ein Drama auf den Höhen des Schnarrenbergs. Irgendwo in dem Gartengebiet zwischen Münster, Zuffenhausen und dem Neckar liegt ein Radfahrer, schwer verletzt, orientierungslos. Offenbar hatte der 29-Jährige auf der stark abschüssigen Strecke zu spät gebremst, war auf Schotter gerutscht und kopfüber vom Rad gestürzt. Mit dem Handy kann er einen Notruf absetzen. Die Suchaktion läuft an, ein Polizeihubschrauber steigt auf. Wo steckt der Verletzte?

Der Zwischenfall gehört zu den spektakulärsten Fahrradunfällen der letzten Tage in Stuttgart – und für die Polizei zu den typischen Fällen. Der 29-Jährige zählt zu den 36 Prozent der verunglückten Radler, die ohne Helm unterwegs waren. Das sei nach wie vor ein großes Problem, wie Polizeipräsident Franz Lutz jüngst bei der Vorstellung der Unfallstatistik feststellte: „Nur 33 Prozent der verunfallten Radfahrer“, so Lutz, „haben den Helm richtig genutzt.“ Schwacher Trost: Im Jahr davor waren es gar nur 31 Prozent.

Mehr Helmverweigerer unterwegs?

Der 29-Jährige, der auf dem Schnarrenberg auf die suchenden Retter wartet, hat schwere Kopfverletzungen erlitten. Einen Helm hat er nicht getragen. Warum auch immer: Peter Beckmann, Kreisgeschäftsführer des Allgemeine Deutsche Fahrrad-Clubs (ADFC), hat den Eindruck, „dass die Zahl der Helmverweigerer zugenommen hat“. Dies habe wohl auch optische Gründe. Man brauche Helme, so Beckmann, die „nicht wie Baustelle“ aussehen.

Kaum besser sieht es bei den Elektrofahrrädern aus – auch bei den Nutzern von E-Bikes und Pedelecs ist die Quote der Helmträger mit 39 Prozent ausbaufähig. Ein 33-Jähriger stürzte vor einigen Tagen mit seinem Pedelec in der Schickhardtstraße im Stuttgarter Süden. Der Mann hatte keinen Helm – und kam schwer verletzt ins Krankenhaus.

Tödliches Drama am Gleisüberweg

Die Unfallbilanz 2017 ist ein Warnsignal: Die Zahl der verletzten Radfahrer in der Stadt ist stark gestiegen – von 348 auf 384. Ein Plus von zehn Prozent. Auch die E-Bike-Fahrer werden öfter Unfallopfer – die Zahl der Verletzten stieg von 33 auf 54. Dabei ist für E-Biker das Verletzungsrisiko erheblich höher als für die Fahrer eines normalen Rads. Das Statistische Landesamt stellt in seiner jüngsten Bilanz zu Fahrradunfällen fest, dass das Risiko eines tödlichen Unfalls „bei Nutzern von Elektrofahrrädern doppelt so hoch liegt wie bei Fahrradnutzern“. In Baden-Württemberg wurden 51 Radler getötet, auf E-Bikes waren es 109.

In Stuttgart spielte sich ein tödliches Drama im Juni 2017 ab: Ein 70-Jähriger wollte mit seinem E-Bike einen Gleisüberweg am Kursaal in Bad Cannstatt überqueren. Dabei übersah er eine herannahende Stadtbahn. Der Mann ohne Helm wurde von der Bahn erfasst und mitgeschleift. Er starb noch an der Unfallstelle. Alter schützt vor Unfall nicht: Die Statistiker des Landes stellen in ihrer Analyse fest, dass jeder vierte verunglückte Radfahrer älter als 60 Jahre ist.

Nicht anders sieht es in der Region aus: In Weil im Schönbuch (Kreis Böblingen) und Burgstetten (Rems-Murr-Kreis) stießen zwei Pedelecfahrer im Alter von 78 und 80 Jahren mit Autos zusammen, als sie schnell die Straße kreuzen wollten. Beide kamen ums Leben.

Vieles bleibt im Dunkeln

Wie die Unfallgefahren eindämmen? Der ADFC fordert neben sicheren Radwegen „auch elektronische Warnsysteme, die vor Radfahrern oder Fußgängern im toten Winkel warnen, mehr Kontrollen an Kreuzungen und mehr Tempo-30-Zonen“. Der Radverkehr nimmt zu, das zeigen automatische Zählungen des Tiefbauamts. Auf der König-Karls-Brücke über den Neckar nach Bad Cannstatt waren letztes Jahr knapp 830 000 Radler unterwegs, das sind 2,2 Prozent mehr. In der Böblinger Straße im Süden waren es knapp 250 000 – ein Plus von fast zehn Prozent.

Für die Polizei ist bedenklich, dass laut ihrer Statistik etwas mehr als die Hälfte der Radler den Unfall selbst ausgelöst haben. Allerdings bekommt die Polizei nur einen kleinen Teil der Unfälle mit. Studien, unter anderem eine des Gesamtverbands der Versicherer, haben über den Abgleich mit Krankenhausfällen festgestellt, dass 70 Prozent der Unfälle im polizeilichen Dunkel bleiben.

Wo Licht ist, hat das Statistische Landesamt einen Trost parat: Das Radfahren in Stuttgart ist sicherer als im Landesschnitt. Rechnerisch verunglücken auf 10 000 Einwohner hochgerechnet nur 6,2 Radler. Im Land sind es 7,8 Radfahrer. Landesweit am besten schneidet Stuttgart ab, wenn es um getötete oder schwer verletzte Fahrradfahrer geht. Nur 4,9 Opfer auf 10 000 Einwohner gibt es in keinem anderen Landkreis. Mit Werten zwischen 6,2 bis 7,1 Betroffenen sind Ludwigsburg, der Rems-Murr-Kreis, Esslingen und Böblingen ebenfalls mit am wenigsten belastet. Traurige Höchstwerte gibt es im Main-Tauber-Kreis und in Baden-Baden.

Ein gutes Ende am Schnarrenberg

Doch was sind Statistiken, wenn es hohe Hecken gibt? Eine solche behinderte kürzlich die Sicht an der Einmündung zweier Feldwege im Gewann Streitäcker in Degerloch. Ein 49-jähriger Radfahrer erkannte einen von rechts kommenden elfjährigen Radler zu spät, beide stießen heftig zusammen. Und beide mussten schwer verletzt in Krankenhäuser eingeliefert werden.

Im Krankenhaus landete letztlich auch der hilflose 29-Jährige auf dem Schnarrenberg. Am Ende hat ihn nicht der Hubschrauber entdeckt. Eine Streifenwagenbesatzung war schneller – und fand den Mann nach einer Viertelstunde auf einem Weg am oberen Freienstein. Ob er sich nach dieser Erfahrung einen Helm kaufen wird, ist nicht bekannt.

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