Außerhalb der Altstadt entsehen in Marrakesch immer mehr Radwege. Foto: pma

Eine Reise nach Marrakesch ist immer zu empfehlen. Spannend wird es dann, wenn man die nordafrikanische Metropole aus etwas anderer Perspektive erfährt: vom Rad aus.

Marrakesch - Wenn es Nacht wird über dem Djemaa el-Fna, dem zentralen Platz am Rande der Medina von Marrakesch, dann kann man in etwa erahnen, wie es hier früher zuging, als Karawanen ankamen, Waren getauscht wurden und unter dem Sternenhimmel allerlei feilgeboten wurde. Auch heute noch lassen die Gaukler Kobras nach Flötenklängen aus Körben emporsteigen, und die Geschichtenerzähler scharen Menschen um sich. Das von Dutzenden Ständen angebotene Essen – Schneckensuppe, Schafkopfeintopf oder gegrillte Sardinen – ist gelebte Tradition. Der Platz, der zu Zeiten der Sultane vor allem als Hinrichtungsstätte genutzt wurde, ist unbedingt zu empfehlen, wenn es darum geht, einen ersten Eindruck von Marrakesch zu gewinnen.

Marokkos König will das Land für die Zukunft fit machen

König Mohammed VI. lässt es da deutlich ruhiger angehen. Der heutige Herrscher gilt als weltoffen, westlich orientiert und liberal. Zwar ist er mit der Bewerbung für die Fußball-WM 2026 gescheitert – die findet nun in den USA, Kanada und Mexiko statt –, doch das hält ihn und sein Volk nicht davon ab, den nordafrikanischen Staat für die Zukunft fit zu machen. Weit oben auf dem Maßnahmenkatalog steht der Umweltschutz, für den sich der König persönlich engagiert. Da passt es ins Bild, dass das Fahrrad eine Renaissance erlebt. Höchste Zeit also, sich davon vor Ort selbst ein Bild zu machen.

Holländerin etabliert Fahrrad-Projekt in Marrakesch

Morgens um 9 Uhr am Rande der Medina. Der Verkehr ist enorm, Mopeds, Roller, Autos, Eselskarren überall. Ein geordnetes System ist dabei nicht zu erkennen. Jeder fährt da, wo es eben möglich ist. In den verwinkelten Gassen wuselt es, alle sind irgendwohin unterwegs. Auch beim Fahrradverleih Pikala Bikes ist schon gut Betrieb. Mechaniker schrauben in einer umfunktionierten Lager­halle an Fahrrädern, daneben wird eine Gruppe junger Frauen von einer bereits ausgebildeten Tourführerin in die Feinheiten der Ansprache von Urlaubsgästen eingeführt. Weiter hinten stellt die Niederländerin Cantal Bakker ihr Projekt vor.

Die 26-jährige ehemalige Kunststudentin kam vor rund drei Jahren nach Marrakesch, verliebte sich in die Stadt und blieb. Irgendwann kam ihr die Idee, doch mal mit dem Rad eine Runde durch die Stadt zu drehen – was ihre Perspektive grundlegend veränderte. Sie konnte in kürzerer Zeit mehr von Marrakesch sehen und lernte, sich zurechtzufinden. So entstand die Idee für ihr Projekt.

Nachhaltiger Tourismus und Umweltschutz sollen gefördert werden

Wenig später waren aus Holland 250 ausrangierte Räder unterwegs nach Nordafrika, Pikala Bikes (Pikala ist Marokkanisch für Fahrrad) war geboren. Die Idee: nachhaltigen Tourismus fördern und Ausbildungsmöglichkeiten für Jugendliche schaffen. Heute, etwa zwei Jahre später, hat sie etwa 90 junge Marokkaner in ihr Projekt involviert, die als Radmechaniker oder Tourguides für sie arbeiten oder in der Ausbildung dafür sind.

Einer davon ist Issam Facil. „Yalla!“ (auf geht’s!), ruft der 22-jährige Englischstudent und radelt einfach los. Der Gruppe bleibt nichts anderes übrig, als zu folgen. Mitten rein in das Getümmel. Und wirklich – innerhalb kürzester Zeit ändert sich die Per­spektive, und die Befürchtung, dass der erste Unfall nicht lange auf sich warten lassen würde, erweist sich als falsch. Im Gegenteil. Fast scheint es so, als würde auf die Radfahrer besonders achtgegeben. Es geht vorbei am alten Königs­palast, in das Nobelviertel Gueliz, vorbei an der Koutoubia-Moschee, streckenweise sogar auf erst kürzlich eingeweihten Radwegen, die die Altstadt umrunden. Doch Issam zeigt auch „sein Marrakesch“.

Die Expansionspläne von Pikala

Auf den Rädern geht es durch die engen Gassen der Souks, zu Marrakeschs ältestem Hammam oder einer Bäckerei, die nur Eingeweihte kennen. Gute vier Stunden dauert die zwölf Kilometer lange Tour, immer wieder unterbrochen von Pausen, die Issam nutzt, um viel Information weiterzugeben. „Der Job war das Beste, was mir passieren konnte. Ich mag es, fremde Menschen und Kulturen kennenzulernen“, erzählt er stolz.

Seine Chefin will sich mit dem Erfolg in Marrakesch nicht zufriedengeben. „Jede afrikanische Metropole sollte ein Pikala-Projekt haben. Gerade in Afrika ist das Fahrrad doch die perfekte Alternative zu Bussen, Autos oder Mopeds und ein idealer Hebel, der allgegenwärtigen Umweltverschmutzung entgegenzuwirken“, so Bakker. Unterstützt wird sie bei ihren Expansionsplänen von der marokkanischen und niederländischen Regierung, aber auch von internationalen Sponsoren wie der Tui Care Foundation, die weltweit Bildung und Ausbildung von jungen Menschen sowie Umweltschutz in Urlaubsregionen fördert.

Dass die Expansion gelingt, daran hat Bakker keine Zweifel. Sie ist sehr gut vernetzt, kennt die richtigen Leute und wird von Politik und Verwaltung auf Augenhöhe wahrgenommen. Doch vorerst heißt es, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. „Yalla!“, ruft Issam – und radelt mit der nächsten Gruppe los.

Hinkommen, unterkommen, rumkommen

Anreise:

Etwa mit TAP (www.flytap.com) ab Stuttgart mit Zwischenstopp in Lissabon nach Marrakesch, von Frankfurt aus fliegt der Billigflieger Air Arabia Maroc ohne Stopp (www.airarabia.com/de). Ab 28. Oktober fliegt Ryanair nonstop von Stuttgart nach Marrakesch (www.ryanair.com).

Unterkunft:

Hotel Riu Tikida Garden ist eine All-inclusive-Anlage mit guter Anbindung an das Zentrum, großem Garten und mehreren Pools, teils mit Animation, DZ ab 95 Euro/Nacht, www.tui.com.

Das Riad du Rabbin ist im klassischen Stil wunderschön restauriert und wird von einer Stuttgarterin geführt, DZ ab 140 Euro/Nacht mit Frühstück, www.riad-du-rabbin.com

Das Riad Pierre de Lune liegt zentral und hat eine Dachterrasse mit Blick über die Altstadt, DZ ab 37 Euro/Nacht mit Selbstversorgung, buchbar über www.airbnb.com.

Angebote für Radtouren:

Die vierstündige Tour mit Pikala Bikes kostet etwa 23 Euro. Maximal acht Personen bilden eine Gruppe, dazu kommen zwei Guides. Die Fahrräder sind auf ihre Sicherheit hin überprüft. Für Unfälle wird nicht gehaftet (www.pikalabikes.com).

Partner von Pikala Bikes ist die Tui Care Foundation. Die vom Tourismuskonzern Tui gegründete Initiative fördert die Bildung und Ausbildung von jungen Menschen sowie Umweltschutz in Urlaubsregionen und unterstützt etwa 30 Projekte rund um den Globus.

Alternativer Anbieter für Radtouren ist Baja Bikes, das eine dreistündige Tour zu den Highlights der Stadt für 35 Euro im Programm hat (www.bajabikes.eu). Wer sich ganz ohne Unterstützung die nordafrikanische Metropole erradeln möchte, kann auch Afrikas erstes Bikesharing nutzen, Tagespass: rund 12 Euro (www.medinabike.ma).

Allgemeine Informationen
: Marokkanisches Fremdenverkehrsamt

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