Nach dem gelungenen Verkehrsversuch in der Sigmaringer Straße soll nun der Abschnitt der Mühlstraße bis zum Sportgelände Neckarau speziell markiert werden.
Ein weißes Fahrrad in einem blauen Kreis: Dieses Verkehrszeichen und ein entsprechendes Piktogramm auf dem Asphalt weisen die Sigmaringer Straße in Nürtingen als Fahrradstraße aus. Besonders ins Auge stechen die großflächigen roten Markierungen an den Einmündungen. Das alles soll signalisieren: Hier haben Radfahrende grundsätzlich Vorrang vor dem motorisierten Verkehr.
Sie dürfen, selbst in Gruppen, auf der gesamten Fahrbahnbreite nebeneinander fahren. Der Autoverkehr ist in der Straße zwar erlaubt, die Fahrer müssen aber besondere Rücksicht nehmen und dürfen höchstens Tempo 30 fahren. Parken ist nur auf ausgewiesenen Flächen erlaubt.
Projekt geht sprichwörtlich in Verlängerung
Im vergangenen Sommer wurde in Nürtingen die erste Fahrradstraße in Betrieb genommen – nach langem Ringen. Schon im Jahr 2011 wurde über die Sigmaringer Straße als Fahrradstraße diskutiert, zehn Jahre später machte der Gemeinderat schließlich den Weg dafür frei. Die Erfahrungen sind laut Stefan Maul, dem städtischen Fahrradkoordinator, durchweg positiv. Die Fahrradstraße erhöhe die Verkehrssicherheit besonders für die zum Gymnasium radelnden Schülerinnen und Schüler sowie für Studierende der HfUW merklich. Deshalb geht es nun in die Verlängerung: Die Fahrradstraße, die bislang auf den Bereich zwischen der Mühlstraße und der Steinenbergstraße beschränkt ist, wird in beide Richtungen verlängert.
Nachdem die Bauarbeiten in der Mühlstraße abgeschlossen sind, soll jetzt der Abschnitt der Mühlstraße bis zum Sportgelände Neckarau als Radfahrstraße ausgewiesen werden. Wie Maul jüngst bei der Einwohnerversammlung informierte, sollen die Markierungen und Beschilderungen Ende Mai, Anfang Juni erledigt werden. Darüber hinaus soll die Steinenbergstraße bis zum Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) als Fahrradstraße ausgewiesen werden. Der Planung des Nürtinger Radverkehrsbeauftragten zufolge ist eine solche Nutzungsänderung ebenso in der Kalkoferstraße vorgesehen.
Umwidmung von Straßen erleichtert
Das Einrichten von Fahrradstraßen hat der Gesetzgeber 2021 durch eine Änderung der Straßenverkehrsordnung für Kommunen erleichtert. Bis dahin konnten nur Straßen ausgewiesen werden, wenn der Radverkehr dort die vorherrschende Verkehrsart war. Jetzt reicht es aus, wenn künftig eine hohe Fahrradverkehrsdichte erwartet wird. Die Umwidmung einer Straße ist auch möglich, wenn sie eine große Bedeutung für ein gutes Fahrradwegenetz hat.
Fahrradstraßen können laut dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) die Akzeptanz für das Rad als tägliches Verkehrsmittel steigern. Der Interessenverband fordert daher die Städte und Gemeinden auf, möglichst viele Straßen so zu gestalten, dass sie zum Radfahren einladen. Schließlich soll der Anteil der Radfahrenden von 41 Prozent im Jahr 2019 auf 60 Prozent im Jahr 2030 steigen. So ist es im Nationalen Radverkehrsplan als Leitziel formuliert.
Allerdings gibt es in Deutschland bislang keine allgemeingültigen Leitlinien für die Gestaltung von Fahrradstraßen, wodurch ein Potpourri verschiedener Varianten entstanden ist. Zudem haben Studien in der Vergangenheit belegt: Obwohl es Fahrradstraßen bereits seit 1997 gibt, kennen vor allem Autofahrer die Verkehrsregeln nicht.