Fahri Yardim sucht in der Natur auch nach sich selbst, geht in den Wald, in Höhlen und Gletscher. Warum macht er das? „Der eigentliche Grund war ein narzisstischer Wunsch nach Selbstheilung“, sagt Yardim im Interview. Foto: Eric Anders / Fotograf/Eric Anders / Fotograf

Raus aus der Großstadt, rein in die Natur. Der Schauspieler Fahri Yardim erklärt, warum er Bäume umarmt, Regenwürmer anschreit und sich eine neue Männlichkeit wünscht.

Stuttgart - Der Schauspieler Fahri Yardim ist auf der Suche nach sich selbst – und geht dafür in die Natur. Wir haben viele Fragen: Hat es ihn von seiner Handysucht geheilt? Was hat er gelernt? Und wie geht er mit schlechten Nachrichten um?

 

Herr Yardim, welches Tier mögen Sie lieber: den Regenwurm oder die Kegelrobbe?

Für eine klare Entscheidung bin ich zu harmoniebedürftig. Beide haben ihre Vor- und Nachteile. Der Regenwurm, der arme Wicht oder die arme Wichtin, der beziehungsweise die ist ja nach Bedarf beides, ist auch noch taub und blind. Ich kann mich nicht entscheiden. Oberkörper Regenwurm, untenrum Kegelrobbe, das wäre mein Traum.

In Ihrer Dokuserie „SaFahri“ erfahren Sie Neues von beiden Tieren. Den Regenwurm schreien Sie an.

Das ist ein eigentlich verzweifelter Schrei. So scheint es einigen Menschen zu gehen, wenn Sie wissenschaftliche Fakten erfahren, die ihnen zuwiderlaufen. Das ist wie dieses trotzige Treten aufs Gaspedal, wenn jemand von Tempolimit spricht. Ich erfuhr in diesem Moment, dass der Regenwurm nicht sehen kann und taubstumm ist. Ich hoffte durch Gebrüll, eine Vibration zu erzeugen, die ihn erreicht. Die Rolle des Regenwurms für den Boden ist doch so immens. Ich wollte ihm dafür danken. Ein verzweifeltes Grölen war das einzige Mittel, das ich hatte.

Sie reisen mitten in die Natur, begeben sich in Wälder, Höhlen und auf Gletscher. Warum?

Der eigentliche Grund war ein narzisstischer Wunsch nach Selbstheilung. Das habe ich dem Team natürlich nicht verraten. Vordergründig ging es um die Natur. Heimlich aber wollte ich meine Handysucht loswerden. Dieses matschige Selbstgefühl eines Großstädters. Letztendlich bin ich aber doch in der Natur gelandet und habe gemerkt, dass man der Natur heute nicht mehr nicht ambivalent gegenübertreten kann. Ihre Wunden und zugleich ihre Wunder drängen sich regelrecht auf. Auch wenn es pathetisch und kitschig klingt. Ich bin dort gelandet, wo wir Menschen der Natur Schaden zufügen. Wenn man in einem Krater eines ehemaligen Gletschers steht, der einmal ein gigantischer Süßwasserspeicher war, wird es fassbarer, was wir Menschen der Natur antun. Insofern war es auch eine Reise zum Schmerz der Natur, gleichzeitig blieb immer ein Staunen. Ich kann es nicht ohne Pathos sagen. Letztendlich wollte ich meiner Entfremdung durch das Fremde entfliehen.

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Ihre Handysucht könnten Sie auch ohne Kameras bei einer Detox-Woche in einem Wellness-Ressort bekämpfen. Hat es denn etwas gebracht?

Ich bin noch genauso süchtig wie zuvor. Aber es hat mir die Abhängigkeit noch mal deutlicher gemacht. Das Verhältnis zu diesem Gerät ist wirklich der Quell vielen Übels. Es klingt so popelig, hat aber einen immensen Einfluss auf mein Selbstwertgefühl. Insofern fand ich das Detoxen in der Natur auch mit Kameras spannend. Dass so ein entfremdeter, handysüchtiger Großstädter loszieht und auf die Natur prallt, hat zum einen etwas Plumpes, ist aber andererseits auch eine Einladung für Menschen außerhalb der ökologischen Echokammer, die ähnlich weit weg sind von ihrer eigenen Natur.

Sie haben Bäume umarmt. Hatten Sie keine Angst, sich lächerlich zu machen? Nicht mehr der coole, lässige Typ aus dem Fernsehen zu sein?

Diese Lässigkeit, die ich in meinen Rollen bediene, ist bloße Fassade. In jedem Grundschultextzeugnis stand zum Schluss regelmäßig: „ein wenig Gelassenheit würde ihm guttun“. Ich bin das Gegenteil von cool, auch wenn ich gerne so tue. Das Bild des Bäume-Umarmens ist zwar abgegriffen, aber am Ende ist es eine reine Geste der Kontaktaufnahme. Was ich mir beibehalten habe, ich berühre beim Spazierengehen immer mal wieder einen Baum. Auch wenn einen schnell der Hauch von verwirrter Esoterik umweht, ist es für mich ein freundliches Ritual geworden, auch wenn es uncool und für manche Perspektiven unmännlich scheint. Ich erlaube mir damit eine Zärtlichkeit, die in der Verhärtung dieser Leistungsgesellschaft gerne verpönt ist. Mir sind diese Zuschreibungen inzwischen glücklicherweise aber völlig egal.

Sind Sie auf der Suche nach einer neuen Männlichkeit?

Ich bin auch nur Teil eines neuen, aufkeimenden Bewusstseins. Ich war eher offen und bin weniger in eine Widerstandshaltung gegangen, als die berechtigte Empörung über toxische Männlichkeit lauter wurde. Im Gegenteil, es gab einiges zu entdecken, zum Beispiel dass dieses Patriarchale und die toxische Männlichkeit natürlich auch in mir zu finden sind, weil ich eben in dieser patriarchalen Gesellschaft sozialisiert bin. Ich reproduziere genauso. Nur ein Beispiel: Ich habe gemerkt, wie oft ich Frauen unterbrochen habe, wie schlecht ich zuhören konnte. Und das sind nur die oberflächlichsten Merkmale. Es ist spannend, sich dem zu stellen. Mit dem Eingeständnis beginnt die Emanzipation. Nicht nur für betroffene Frauen, auch für mich selbst empfinde ich es als ersten Schritt einer Befreiung.

In der Serie „Jerks“ mit Christian Ulmen leben Sie eine laute, dumpfe Männlichkeit aus. Der Humor der Serie ist zum Teil peinlich. Sie nannten es in einem Interview einmal auch „Hodenhumor“. Sind Sie Feminist?

Selbstverständlich. Feminismus bedeutet für mich erst mal das Anerkennen, dass es eine enorme Diskrepanz in der Rechteverteilung gibt. Es ist das Eingeständnis, dass das Machtverhältnis nicht stimmt, dass Macht geschichtlich bis heute ungerecht verteilt ist. Und darunter leiden Menschen. Vor allem eben Frauen. Nach dem Eingeständnis kommt die Bereitschaft, einen Prozess in Gang zu setzen. Wenn man Humanist und Demokrat ist, bleibt einem eigentlich keine andere Wahl, als Feminist zu sein. Es ist für mich Teil eines ethischen Selbstverständnisses. Gleichzeitig aber, und da unterscheide ich mich vielleicht von einigen, gestehe ich mir ein, dass der Abgrund auch in mir vorhanden ist, im Unbewussten tief verankert. Der alte weiße Mann ist sicherlich ein verfehlter Begriff, aber er ist ein Symbol für all jene, denen keine Mittel, außer Bockigkeit bleiben, wenn es um die Anerkennung dieser offensichtlichen Ungerechtigkeit geht. Aber Selbstforschung muss sein. Wir unterschätzen kollektiv unser Unterbewusstsein und sind eben nicht Herr im eigenen Haus. Unser Handeln und Denken entspringen tieferen Mustern, sie zu reflektieren ist ein Anfang. Und wenn es milde Wege sind, um raus zu finden, der Prozess bleibt notwendig, auch wenn er schmerzt.

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Das Leben im Widerspruch beschäftigt Sie. Wenn es um die Natur geht, dann ereilen uns jeden Tag neue Schreckensmeldungen. Wälder brennen, die Erde wird immer wärmer, Gebiete werden überschwemmt. Wie gehen Sie mit den Nachrichten um?

Es ist teilweise so bedrückend, dass es mich hemmt. Dann wiederum gibt es Momente der Motivation. Es brennt die Frage, wie komme ich trotz meiner Widersprüche ins Handeln? Ich will mich von Schuldgefühlen nicht bremsen lassen. Ambivalenz schließt ja kein moralisches Handeln aus. Ich bin noch auf der Suche, wo mein Beitrag am stärksten ist.

Sie haben schon vor mehr als 15 Jahren mal das Experiment gewagt, dass Sie sich nackt auf einer dänischen Insel aussetzen haben lassen. Das klingt außergewöhnlich.

Was ist so verrückt daran? Der eigentliche Wahnsinn ist doch, dass wir es nicht ständig machen. Wenn man so eine Erfahrung macht, merkt man im Nachhinein, in was für einer verhärteten Welt wir leben. Ich bin eher erschreckt darüber, was wir Normalität nennen. Ich war mir selbst selten näher, als nach zwei Tagen und Nächten nackt an einem Platz ohne Essen und Trinken.

Sie sind in Hamburg aufgewachsen, wohnen im gentrifizierten Berliner Prenzlauer Berg. Wie groß ist die Gefahr, dass man es sich in dieser privilegierten Situation zu bequem macht?

Meine Komfortzone ist endlos weich. Mit Airbag, Plüschteppich und Fernseher mit Lagerfeuerfunktion. Im Fluffigen verkümmert das Lebendige. Ich kann diese Sehnsucht nach Bürgerlichkeit ja durchaus nachvollziehen. Gerade in Zeiten, die von derart vielen Schreckensnachrichten geprägt sind. Trotzdem, ich verspecke da regelrecht – nicht nur körperlich.

Was ist Ihr Ausweg aus dem Dilemma?

Ich versuche zu meditieren, gehe auf Friedhöfen spazieren. Wenn ich mich mit der Vergänglichkeit beschäftige, spüre ich Anbindung. Da öffnet sich eine Friedlichkeit, die zugleich unglaublich traurig ist. Mein Wunsch ist es, die eigene Verletzlichkeit mehr zulassen zu können. Auch wenn das hier zum zweiten Mal sehr schmalzig klingt.

Haben Sie denn noch Hoffnung, wenn Sie den Zustand der Welt betrachten?

Ohne Hoffnung könnte ich nicht leben, auch wenn ich nicht immer genau weiß, woher sie kommt. Wahrscheinlich aus dem frommen Wunsch der Selbsterhaltung. Und es gibt ja durchaus viele wundervolle Projekte, die hoffnungsvoll stimmen. Bei meiner Reise bin ich vielen Menschen begegnet, die sich in ihrer Arbeit der Natur hingeben, die der Zerstörung etwas entgegensetzen, die Teil der Lösung sind.

Schauen Sie optimistisch auf die Bundestagswahl?

Die hat schon etwas Richtungsweisendes. Natürlich zittere ich mit, was da kommen wird. Wir sollten diese Wahl dennoch nicht überstrapazieren. Unabhängig wer Kanzlerin oder Kanzler wird, geht es am Ende doch um viel mehr.

Zur Person

Fahri Yardim
geboren am 7. August 1980 in Hamburg als Sohn türkischer Eltern. Studierte zuerst Germanistik, Erziehungswissenschaften und Ethologie, dann Schauspiel am Bühnenstudio der darstellenden Künste in Hamburg. Bekannt ist er vor allem durch Rollen im „Tatort Hamburg“, verschiedene Kinofilme und die Comedy-Serie „Jerks“. An der Seite von Christian Ulmen spielt er sich quasi selbst. Eben ist die vierte Staffel auf Joyn Plus+ gestartet. Auf Sky ist er vom 9. September an in der Dokuserie „SaFahri – Eine Reise zu den Elementen“ zu sehen.