Wie können dringend benötigte Fachkräfte nach Deutschland gelockt werden? Es braucht sehr attraktive Angebote, meint Berlin-Korrespondent Norbert Wallet.
Vielleicht hat die Verhaltensforschung dem Bereich der Politik bislang zu wenig Beachtung geschenkt. Für die Erforschung der klassischen Konditionierung hätte Iwan Pawlow jedenfalls nicht erst auf die Hundewelt blicken müssen. In der Politik funktioniert sie in der Regel zuverlässiger als bei störrischen Dackeln. Ein Schlüsselreiz – und die üblichen Verdächtigen sind getriggert. Kein eidgenössisches Uhrwerk könnte präziser arbeiten.
Die Ampelkoalition denkt darüber nach, wie ausländische Fachkräfte wirkungsvoller nach Deutschland gelockt werden können. Eine Idee ist dabei, den Zuwanderern eine auf einige Jahre befristete Erleichterung bei der Einkommensteuer zu gewähren.
Populisten von rechts und links wollen billige Punkte sammeln
Jetzt kommt die klassische Konditionierung. Kaum ist der Vorschlag in der Welt, versuchen Populisten von rechts und links billige Punkte zu sammeln. Sahra Wagenknecht nennt das Vorhaben „rücksichtslos“ gegenüber den einheimischen Beschäftigten, die AfD sieht „einen Schlag ins Gesicht der fleißigen deutschen Arbeitnehmer“. Und traditionell weniger reflexionsgeneigte Kreise in der Union stimmen ein: CSU-Generalsekretär Huber sieht eine „skandalöse Bevorzugung“ und Julia Klöckner (CDU) gar eine „Inländer-Diskriminierung“.
Es wäre sinnvoll gewesen, wenn die Diskutanten vor der rituellen Empörung einen Blick auf die Sachlage geworfen hätten: Experten schätzen, dass bis zum Jahre 2035 rund sieben Millionen Menschen aus Altersgründen aus dem Berufsleben ausscheiden. Die aufrückenden Jahrgänge sind längst nicht so stark wie die ausscheidenden. Das Ergebnis: Wir brauchen allein aus demografischen Gründen eine jährliche Zuwanderung von 400 000 Menschen. Der Mangel ist schon heute ein Wachstumshemmnis. Nach einer frischen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) kosten unbesetzte Arbeitsplätze der Wirtschaft jedes Jahr 49 Milliarden Euro.
Schwere Sprache ist ein Hindernis für die Zuwanderung
Deutschland hat aber zusätzlich ein Sonderproblem: Mindestens aufgrund der schweren Sprache, aber auch wegen eines nicht gerade fremdenfreundlichen Klimas machen qualifizierte Kräfte um Deutschland eher einen Bogen. Um unser Land für sie attraktiv zu machen, braucht es sehr starke Anreize.
Man kann argumentieren, dass Steuererleichterungen das falsche Mittel sind, obwohl mehrere europäische Staaten bereits genau diesen Weg gehen. Aber es mag schon richtig sein, dass der Weg über Steuern Unfrieden in die Belegschaft und in die Gesellschaft trägt. Nicht alles, was in der Sache richtig ist, ist auch klug.
Auf dem Spiel steht die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft
Es mag andere Instrumente geben: direkte Zuwendungen, Baukredite, großzügige Nachzugsregeln. Nichts davon wäre unumstritten. Aber alle Kritiker müssen diese Regel bedenken: Je länger wir warten, umso massiver müssen die Angebote ausfallen. Sonst verlieren wir nicht nur unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch die Funktionsfähigkeit einer Gesellschaft, die nicht mehr genügend Ärzte, Ingenieure oder IT-Techniker hat.