Der Beruf der oder des zahnmedizinischen Fachangestellten ist komplex, vielschichtig und bietet viele Fortbildungsmöglichkeiten. Dennoch sind die Bewerber auf die vielen offenen Stellen rar gesät.
Stuttgart - Im Jahr 1996 hatte sie ausgelernt. Die Berufsbezeichnung, mit der sie sich fortan vorzustellen hatte, gefiel ihr allerdings gar nicht. „Damals war ich schlicht eine Zahnarzthelferin“, sagt die 44-jährige Ida Haklaj. Und fügt hinzu: „Zu der Zeit hat die Bezeichnung zugegebenermaßen aber auch gepasst.“
Doch der Beruf habe sich seitdem „wahnsinnig entwickelt“ – und er hat folgerichtig auch einen neuen Namen bekommen: Zahnmedizinische Fachangestellte (ZFA) darf sich Haklaj inzwischen nennen. Das erfasse die Vielfältigkeit ihrer Aufgaben besser – und auch die Eigenständigkeit, mit der sie ihre Arbeit verrichtet.
Die Vergütung liegt bis heute im Ermessen des Arbeitgebers
Doch zurück an den Anfang. Ida Haklaj wusste schon als kleines Mädchen, dass sie später im medizinischen Bereich arbeiten wollte. „Ärzte waren damals Götter in Weiß für mich“, sagt sie. Sie dachte darüber nach, Psychologie zu studieren oder Apothekerin zu werden, entschied sich dann aber für Zahnarzthelferin, nachdem sie ein Praktikum bei einem Zahnarzt gemacht hatte: „Das hat mich nicht mehr losgelassen.“ Besonders beeindruckte sie, wie sehr sich die Zähne der Patienten durch die Behandlung zum Positiven veränderten: „Ich machte meine Ausbildung dann bei einem Zahnarzt, der auf Großbehandlungen spezialisiert war. Da hat man operativ gleich mehrere Zähne saniert. Immer, wenn OP-Tag war, war ich glücklich – obwohl mir anfangs schlecht wurde“, sagt Haklaj.
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Nachdem sie Mutter geworden war und eine Weile ausgesetzt hatte, wollte sie zurück in den Beruf. Damals fand sie eine Stelle in einer Praxis, in der sie „für viel zu wenig“ Geld arbeitete. Denn die Vergütung liegt bis heute im Ermessen des Arbeitgebers beziehungsweise im Verhandlungsgeschick des Arbeitnehmers. Es gibt zwar Vergütungsempfehlungen der Vertreterversammlung der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg, aber diese sind nicht bindend. Für das Jahr 2022 gibt es eine neue Empfehlung: Demnach sollte im ersten Ausbildungsjahr 950 Euro, im zweiten 1000 Euro und im dritten 1050 Euro bezahlt werden. Einer ausgelernten zahnmedizinischen Fachangestellten sollten je nach Fortbildungsstand zwischen 2200 und 3700 Euro bezahlt werden. „Im medizinischen Bereich verdienen fast alle zu wenig in Deutschland – da sollte sich was ändern“, sagt Haklaj.
Philippi sieht den Fachkräftemangel im demografischen Wandel begründet
Inzwischen arbeitet sie seit über vier Jahren in der Zahnarztpraxis von Christian Philippi im Heusteigviertel. „Ich fahre jeden Tag eine Stunde, um hierherzukommen. Aber da, wo ich wohne, bekomme ich bei meinen Gehaltsvorstellungen keinen Job, da ist Stuttgart als Großstadt besser aufgestellt.“ Ebenso wichtig wie das Gehalt sei aber das Betriebsklima. Bei Philippi stimmt dieses für Haklaj.
Philippi, der seine Praxis 2017 eröffnet hat, hat diese inzwischen personell ausgebaut: Es gibt zweieinhalb Zahnarztstellen, eine Auszubildende und sechs Angestellte, zudem arbeitet Philippis Frau mit im Team und „hält dieses zusammen“. Auch er hat die Erfahrung gemacht, dass es schwer ist, Personal zu finden. Er betont, dass die baden-württembergische Zahnärztekammer sehr viel tue, um dem entgegenzuwirken. Aber auch dieser seien Grenzen gesetzt, zumal Philippi den Fachkräftemangel – und nicht nur den in seiner Branche – vorrangig im demografischen Wandel begründet sieht. „Ich habe mir letztens erst wieder die Alterspyramide runtergeladen – und die zeigt sehr deutlich, dass der Fachkräftemangel das Resultat von zu wenig jungen Menschen ist“, sagt Philippi. Das sei politisch freilich nicht so leicht zu steuern, dennoch sei es „ein großer Fehler, dass Deutschland kein definiertes Einwanderungsgesetz hat“.
Denn als eines der attraktivsten Einwanderungsländer der Welt „könnten wir uns sonst die Rosinen rauspicken“. Ohne dass man gegensteuere, so prognostiziert Philippi, „wird es immer schlimmer und der Kampf um die jungen Menschen härter werden“.
Der Job ermöglicht es, vollkommen selbstständig zu arbeiten
Das bereitet Philippi auch persönlich Sorge, denn „ohne meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter könnte ich meine Praxis nicht führen, das Qualitätsniveau der Praxis – also sprich: wie gut der Laden läuft – hängt nicht zuletzt von ihnen ab“. Bisher konnte er immer gute Leute für sich gewinnen – wie generell in dem Job sind es vorrangig weibliche. Wie auch Haklaj, die „die Praxis mit aufgebaut hat“.
Anfangs habe sie alles gemacht, von der Prophylaxe bis zur Rezeption. Dann bekam sie eine Sehnenscheidenentzündung. Denn die Arbeit sei durchaus belastend, auch körperlich – allein die gebeugte Körperhaltung. „Zudem haben wir – anders als der Zahnarzt – keine Assistentin“, sagt Haklaj. Hinzu komme die hohe Konzentrationsfähigkeit, die der Beruf von einem abverlange, zudem „heißt es etwas, am Menschen zu arbeiten“. Oft habe man am Tag zehn bis zwölf Patienten zur Prophylaxe, „da ist man am Ende echt fertig“. Andererseits mache es auch Spaß – und vor allem wisse man, das man etwas Sinnvolles gemacht habe. „Zudem gibt der Job einem die Möglichkeit, auch ohne studiert zu haben, vollkommen selbstständig zu arbeiten.“ Das liegt daran, dass Zahnärzte etwa die Prophylaxe an Fachpersonal delegieren dürfen.
Ihre Sehnenscheidenentzündung bewegte Haklaj dazu, ein achtmonatiges Fernstudium in Praxismanagement zu absolvieren. Nun ist sie noch immer zahnmedizinische Fachangestellte, doch ihre Tätigkeit hat sich wieder einmal geändert. „Das Berufsbild ist sehr komplex – es ist eben sehr viel mehr, als nur den Sauger zu halten, wie viele immer noch meinen“, sagt Philippi.
Zahnmedizinische Fachangestellte
Der Beruf in Zahlen
Die Anzahl von zahnmedizinischen Fachangestellten (ZFA), die in Baden-Württemberg ihren Beruf ausüben, wird nicht gesondert von der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg erhoben. Die geschätzte Anzahl beläuft sich auf rund 25 000 Personen (deutschlandweit rund 222 000). Auch die Zahl fehlender ZFAs in Baden-Württemberg lässt sich nur schätzen. Als ein Indikator kann die Online-Stellenbörse der Bundesagentur für Arbeit zum Stichtag 9.12.2021 herangezogen werden, die in Summe 1126 Jobangebote für zahnmedizinische Fachangestellte in Baden-Württemberg auflistet (deutschlandweit 7000).
Ausbildung
Möchte man den Beruf der zahnmedizinischen Fachangestellten ausüben, ist eine duale Ausbildung erforderlich. Die Ausbildung dauert insgesamt drei Jahre und findet parallel in der Berufsschule und in der Arztpraxis statt.
Ausbildungsverträge
Bis zum 30.09.2021 wurden im Bereich der Landeszahnärztekammer Baden-Württemberg insgesamt 1890 neue ZFA-Ausbildungsverträge für das in 2021 beginnende ZFA-Ausbildungsjahr abgeschlossen. Für die einzelnen Bezirke stellt sich dies wie folgt dar: Freiburg: 453; Karlsruhe: 445; Stuttgart: 665; Tübingen: 327. Vergleicht man diese Entwicklung mit dem Vorjahr 2020, so ist eine deutliche Steigerung der Ausbildungszahlen zu erkennen: Damals waren es 1687 Ausbildungsverträge.
Tätigkeitsfeld
Die/der zahnmedizinische Fachangestellte assistiert bei der Behandlung, führt mundhygienische Maßnahmen durch, fertigt Röntgenaufnahmen an, trägt zum Kommunikationsfluss innerhalb des Praxisteams bei und ist in ständigem Kontakt mit den Patienten. Auch Aufgaben wie die Dokumentation von Behandlungsabläufen, die Erfassung erbrachter Leistungen für die Abrechnung, die Organisation und Optimierung von Praxisabläufen, Terminplanung oder das Erledigen des Schriftverkehrs gehören zum Arbeitsalltag. Es gibt darüber hinaus zahlreiche Fortbildungsmöglichkeiten.