Fachkräftemangel in Stuttgart Stuttgarter Agentur bietet Wohnung zum Job

Von Tilman Baur 

Wohnung mit Blick auf die Innenstadt: Um Mitarbeiter zu gewinnen, setzt Sebastian Bosch, Geschäftsführer einer Werbeagentur, auf einen besonderen Anreiz. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Wohnung mit Blick auf die Innenstadt: Um Mitarbeiter zu gewinnen, setzt Sebastian Bosch, Geschäftsführer einer Werbeagentur, auf einen besonderen Anreiz. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Fachkräftemangel bringt die Stuttgarter Werbeagentur Mosaiq in Zugzwang – und auf eine kreative Idee. Sie bietet eine Ein-Zimmer-Wohnung an und denkt sogar über eine besondere WG nach.

Stuttgart - Ein unbefristeter, gut bezahlter Job, obendrauf eine Wohnung in bester Lage: Auf der Suche nach geeignetem Personal beschreitet die Stuttgarter Werbeagentur Mosaiq ganz neue Wege.

Im online abrufbaren Stellenangebot als „PHP Backend Developer“ wirbt sie nicht nur mit „anspruchsvollen, namhaften Kunden“, „tollen Kollegen“ oder der „sehr fairen Bezahlung“, sondern mit einem besonders knappen Gut: Wohnraum.

Im Absatz unter der üblichen Stellenbeschreibung heißt es darin: „Ebenso steht dir zu Sonderkonditionen eine 1,5-Zimmer Maisonette-Wohnung zur Verfügung. Neubau-Standard, ca. 45 qm, mitten in Stuttgart am Charlottenplatz. Mit Blick auf die Innenstadt.“

Der ungewöhnliche Ansatz sei aus der Not geboren, sagt Mosaiq-Geschäftsführer Sebastian Bosch. Die Agentur spüre den Fachkräftemangel schmerzlich, könne viele Projekte mangels geeigneten Personals nicht stemmen. Besonders ausgeprägt sei der Engpass im Bereich Web-Entwicklung.

Aus zwei Nöten entstand eine Idee

„Wir tun uns schwer, gute Leute zu finden, das betrifft kleine Agenturen und große Unternehmen gleichermaßen“, so Bosch. Den Grund kennt er auch: „Die Leute werden in ihren Firmen gut bezahlt und gut behandelt, es besteht für sie kein Grund, den Job zu wechseln.“ So entstand aus zwei Nöten eine Idee: „Es gibt den Fachkräftemangel und den Wohnungsmangel. Wir haben uns gefragt, wie wir beides im Stellenangebot verbinden können“, so Bosch.

Der Agenturchef wundert sich, dass offenbar niemand vor ihm auf die Idee gekommen ist – dabei liege sie doch auf der Hand. Man biete den Bewerbern eine „Traumwohnung im Jugendstilgebäude“, sagt Bosch. Die Agentur hat sie schon länger angemietet, für Mitarbeiter stand sie bislang jedoch nicht zur Verfügung.

Die Idee scheint zu fruchten. „Das Angebot kommt sehr gut an. Es verschafft uns Aufmerksamkeit und Wahrnehmung“, sagt Bosch. Man habe in diesem Zuge drei tolle neue Mitarbeiter gefunden, auch wenn jeweils zufällig kein Bedarf an der Wohnung bestanden habe. „Wir suchen aber weiter erfahrene Web-Entwickler und haben die Wohnung nach wie vor zu vergeben“, ergänzt der Geschäftsführer.

Auf dem will Mosaiq aufbauen. Denn die Agentur besitzt noch eine weitere Wohnung, in der Sebastian Bosch wohnt. „Noch“, betont er. „Man könnte daraus eine Zweier- oder Dreier-WG machen für Bewerber, die direkt nach der Uni zu uns kommen.“ Freilich könnte man auch weitere Wohnungen anmieten, sollte sich die Bewerbungsmethode bewähren.

Eine Blaupause für andere Arbeitgeber?

Die Wohnung als Zuckerl obendrauf – eine Blaupause für andere Arbeitgeber? Zumindest das Interesse ist geweckt. „Das ist in der Tat eine interessante Maßnahme, und ich halte sie persönlich für erfolgsversprechend, wenn man Bewerber ins Ländle locken will“, sagt Pedro Sola, Geschäftsführer der Internetagentur Andersundsehr.

Selbst habe man den Schritt noch nicht gewagt. „Ein Mietzuschuss in irgendeiner Form ist aber auch für uns in Zukunft durchaus denkbar“, so Sola. Ähnlich sieht es Ronald Hajdo, Chef der Internetagentur Verdure. „Bei der Wohnungsknappheit halte ich das für eine smarte Möglichkeit, vor allem Bewerbern von außerhalb die Chance zu bieten, in Stuttgart schneller Fuß zu fassen“, so Hajdo.

Der Arbeitsbeginn eines neuen Mitarbeiters wäre so nicht mehr von der Zusage für eine Wohnung abhängig. Für Hajdo steht fest: „Heute muss man vor allem als kleiner Arbeitgeber mehr bieten als nur einen Job“. Sonst sehe es schlecht aus im sogenannten „War of Talents“, im „Krieg um Talente“ also.

Die großen Stuttgarter Player sind noch nicht an Bord. Man biete den Mitarbeitern zahlreiche Zusatzleistungen – das Stellen einer Wohnung gehöre bislang aber nicht dazu, lässt Daimler-Sprecherin Kathrin Schnurr wissen. Das scheint bislang auch nicht nötig: „Wir können alle Stellen mit hoch qualifizierten Mitarbeitern besetzen.“

Mahle-Sprecherin Margarete Dinger verweist auf einen ganzen Strauß an attraktiven Konditionen für Mitarbeiter – Wohnungen beinhaltet er nicht.

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