Kürzere Öffnungszeiten, weniger Betreuung und wenig Hoffnung auf Besserung: Der Fachkräftemangel macht Eltern, Kommunen, Kindern und Erzieherinnen schwer zu schaffen. Der Böblinger Sozialamtsleiter Klaus Feistauer tüftelt mit anderen Kommunen im Land an Lösungen – und sieht einen Weg aus der Misere.
Es ist 22 Uhr an einem Sonntag, als Koray Ates aus Holzgerlingen auf seinem Sofa eher zufällig sein Mailpostfach öffnet – und mal wieder liest, was ihn langsam aber sicher zur Verzweiflung treibt: Am nächsten Tag, schreibt die Kita seiner Zwillinge, fällt die Mittagsbetreuung aus. Nachrichten wie diese, die früher unvorstellbar waren, sind inzwischen keine Seltenheit mehr. Mal schließt die Kita früher, mal fällt die Betreuung ganz aus. Und Holzgerlingen, das weiß Koray Ates, ist kein Einzelfall: Aus allen Ecken im Kreis tönen Klagen über fehlendes Personal in Kindertagesstätten.
Kinder sollen oft einfach daheim bleiben
In Nufringen hat die Verwaltung im Februar bereits die Reißleine gezogen: Weil es zu wenig Fachpersonal gibt, müssen die kommunalen Kindertagesstätten früher schließen. Auch in neun Böblinger Kitas hat die Stadtverwaltung die Öffnungszeiten reduziert. In vielen Kommunen bittet das Kitapersonal zusätzlich immer wieder darum, Kinder – wenn möglich – erst gar nicht zu bringen, um Engpässe zu vermeiden.
Bis zu 40 000 Fachkräfte werden in Baden-Württemberg bis 2030 benötigt, hat die Bertelsmann Stiftung analysiert. Was das bedeutet, können Eltern heute schon spüren. Und auch die Träger. „Es kann vorkommen, dass wir Montagmorgens die Entscheidung treffen müssen, dass mittags die Betreuung ausfällt“, sagt Klaus Feistauer, der Sozialamtsleiter der Stadt Böblingen. Keine andere Wahl bleibt den Zuständigen, wenn zu der ohnehin angespannten Personalsituation noch ein Krankheitsfall kommt. Oder, wie in diesen Tagen, ein Streik. Der Amtsleiter findet klare Worte: „Mit den faktischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen sind die Aufgaben im Kita-Bereich nicht mehr zufriedenstellend zu schaffen.“
Bei Koray Ates in Holzgerlingen ist inzwischen seine Schwiegermutter eingezogen, die zuvor in Reutlingen gewohnt hat. Anders, sagt er, geht es nicht mehr. Kurzfristige Änderungen in den Betreuungszeiten lösen regelmäßig Stress aus: „Da machen Arbeitgeber nicht mehr lange mit“, sagt er. Als Betriebsrat bei der Sindelfinger Firma Bitzer weiß er, dass unzuverlässige Betreuungszeiten vor allem diejenigen Eltern hart treffen, die keine flexiblen Arbeitszeiten haben.
Sollen Eltern ehrenamtlich in den Kitas aushelfen?
Weil arbeitende Eltern zunehmend unter Druck stehen, wird mittlerweile immer wieder der Ruf laut, Eltern ehrenamtlich in der Kita aushelfen zu lassen. Auch in Böblinger Kitas kam dieses Modell bereits zum Einsatz. Doch die Situation sei komplexer, als sich dies viele Eltern vorstellen, erklärt Klaus Feistauer. Die Aufsichtspflicht könne mit Hilfskräften durchaus abgefedert werden, aber eben nur in einem bestimmten Umfang. Die Pädagogik dürfe nicht zu kurz kommen, Führungszeugnisse müssten angefordert werden – und vor allem alle Eltern einverstanden sein, dass auch nicht ausgebildetes Personal auf ihre Kinder aufpasst.
Für das aktuelle Kindergartenjahr gilt bereits eine Ausnahmeregelung, die eigentlich zum Ziel hat, die Personalnot durch Hilfskräfte zu lindern. Doch laut Feistauer läuft die Maßnahme ins Leere. Denn die Aufsichtspflicht müsse weiter gewährleistet sein, außerdem dürfe sich in den betreffenden Gruppen kein Kind mit Förderbedarf oder Verdacht auf Förderbedarf befinden. In Böblingen blieben so von über 100 Gruppen keine fünf übrig, in denen die Regelung angewendet werden kann.
Der Städtetag fordert mehr Freiraum für flexible Modelle
Doch welche Maßnahmen würden den Kommunen tatsächlich helfen? Bei seiner Arbeit in der AG Frühkindlicher Bildung des baden-württembergischen Städtetags geht Klaus Feistauer seit mehreren Monaten mit dem sogenannten Zukunftsparagrafen um. Dieser soll nach der Vorstellung des Städtetags im Kindertagesbetreuungsgesetz verankert werden und Kommunen die Möglichkeit geben, flexible Lösungen vor Ort zu finden. „Die Rahmenbedingungen, die uns das Land vorgibt, müssen gelockert werden, sodass wir vor Ort ausprobieren können, wie die Kita der Zukunft aussehen kann“, sagt der Fachmann aus Böblingen.
So sieht der Zukunftsparagraf interdisziplinäre Teams vor, in denen auch Quereinsteiger mitarbeiten: Förster, Bäcker – aus sämtlichen Berufssparten könnten Menschen mit den geeigneten Schulungen den Kita-Alltag bereichern und nebenbei auch einen Beitrag dazu leisten, dass das hauptsächlich weibliche Berufsfeld diverser aufgestellt wird. Doch dazu müsste das Land, das über die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Kitas entscheidet, in Aktion treten. Die Hoffnung, dass dies geschieht, ist bei Klaus Feistauer allerdings gering.