Fachkräftemangel beim Kinderkriegen Die Hebammensuche ist eine schwere Geburt

Von Gerlinde Wicke-Naber 

Die Besuche der Hebamme Simone Müller-Roth (rechts) geben Müttern wie Ira Klas Sicherheit in den ersten Tagen mit dem Neugeborenen. Foto: factum/Granville
Die Besuche der Hebamme Simone Müller-Roth (rechts) geben Müttern wie Ira Klas Sicherheit in den ersten Tagen mit dem Neugeborenen. Foto: factum/Granville

Viele Frauen finden keinen Platz in einem Geburtsvorbereitungskurs. Auch im Wochenbett bleiben Mütter ohne Betreuung durch eine professionelle Entbindungspflegerin.

Sindelfingen - Alles ist gut gegangen. Ira Klas ist glücklich. Im Arm der 40-Jährigen schlummert selig ihr Sohn Lennart. Fünf Wochen ist er nun alt. Dass er eine Woche nach dem errechneten Geburtstermin zur Welt kam, dafür ist ihm seine Mutter dankbar. „Lennart hat mir ermöglicht, den Geburtsvorbereitungskurs zu Ende zu besuchen“, sagt Ira Klas. So fühlte sie sich optimal vorbereitet.

Selbstverständlich war es nicht,dass die Erstgebärende einen Platz in einem Kurs gefunden hat. „Bereits Anfang Januar haben wir angefangen zu suchen.“ Ende Juli war der Geburtstermin. Die Suche erwies sich trotz des frühen Starts als äußerst schwierig. Eine Erfahrung, die Klas mit vielen Schwangeren teilt. „Ich weiß von anderen Frauen, dass sie 20 Hebammen abtelefoniert und keine gefunden haben, die Zeit für sie hatte.“

20 Hebammen abtelefoniert – und keine gefunden

Die Sindelfingerin Ira Klas kam bei Simone­ Müller-Roth unter. Sie betreut seit mehr als 20 Jahren Schwangere vor und frischgebackene Mütter nach der Geburt. Als Sprecherin der Hebammen im Kreis Böblingen kann sie die Erfahrungen von Ira Klas bestätigen: „Wir haben viel zu wenige­ Hebammen.“ Jede Woche muss Müller-Roth mehrere Frauen abweisen, weil die Plätze in ihren Geburtsvorbereitungskursen voll sind. Gleiches berichten ihre Kolleginnen im Kreis. Noch gravierender sei, dass auch Hebammen für die Nachsorge der jungen Mütter fehlten, sagt Müller-Roth. Sie hat deshalb gemeinsam mit einigen­ Kolleginnen vor zwei Jahren die Hebammensprechstunde im Böblinger Gesundheitsamt ins Leben gerufen. Dorthin können sich Frauen wenden, wenn sie nach einer Entbindung Fragen oder Probleme haben. Immer donnerstags steht – nach vorheriger Anmeldung – eine Hebamme im Gesundheitsamt zur Verfügung. Doch Müller-Roth weiß auch: „Viele Frauen schreckt das ab, so kurz nach einer Entbindung sich und das Kind anzuziehen und sich auf den Weg nach Böblingen zu machen.“

Dabei sei der Bedarf für eine Nachsorge groß, berichtet die Hebamme. „Gebären ist heute nichts Selbstverständliches mehr. Die Frauen sind verunsichert. Viele halten mit Mitte 30 zum ersten Mal ein Baby im Arm.“ Auch Ira Klas ist froh, dass Simone Müller-Roth nach der Entbindung bei ihr vorbeischaute. 72 Stunden nach der Geburt verließ sie das Krankenhaus – so ist es heute Standard. Dann sind die Eltern allein mit einem Neugeborenen – und es ergeben sich viele Fragen. „Die Hebamme hat meine Fragen zum Stillen beantwortet und mir gezeigt, wie ich mein Kind am besten halten kann“, erzählt Klas. In den ersten zwei Wochen nach einer Entbindung steht jeder Frau ein täglicher Besuch der Hebamme zu. Danach noch bei besonderen Problemen. Zehnmal war Müller-Roth bei Ira Klas. Und diese weiß: „Wenn irgendwas ist, kann ich Frau Müller-Roth jederzeit anrufen. Das gibt mir Sicherheit.“

Pro Hausbesuch bleibt nur eine halbe Stunde

Nur eine halbe Stunde hat Simone Müller-Roth für jeden Hausbesuch. „Die Zeit reicht vorne und hinten nicht“, so die Erfahrung. „Ich schaue nach der Frau, dem Nabel des Kindes, kontrolliere das Gewicht des Neugeborenen – und dann möchte die Mutter meist noch viel wissen.“ Eine Stunde sei da schnell vorbei. Bezahlt wird von der Krankenkasse aber nur eine halbe Stunde. Die schlechte Bezahlung sei ein Grund für den eklatanten Hebammenmangel im Land, sagt Müller-Roth. Die ungünstigen Arbeitszeiten – oft ohne freie Wochenenden – ein weiterer.

Allein im Raum Böblingen/Sindelfingen suchen laut der Erhebung des deutschen Hebammenverbands im Moment 86 Frauen eine Hebamme für die Nachsorge. 25 haben keinen Platz in einem Geburtsvorbereitungskurs gefunden. Im Raum Herrenberg sind 20 Frauen ohne eine Betreuung im Wochenbett. In anderen Kreisen sieht es kaum besser aus. In und um Ludwigsburg suchen fast 200 Frauen nach einer Nachsorge nach der Geburt, 24 warten auf einen Platz zur Geburtsvorbereitung. In Stuttgart sind laut der Statistik sogar 439 Frauen im Wochenbett ohne Betreuung.

Die Situation könnte sich in zehn bis 15 Jahren aber noch deutlich verschärfen. Dann gehen viele Hebammen in Rente. „In Sindelfingen sind alle Hebammen um die 50 Jahre alt. Jüngere gibt es momentan nicht“, sagt Müller-Roth. Sie wünscht sich, dass ihre Arbeit und die ihrer Kolleginnen besser gewürdigt wird – auch finanziell. Damit es auch in 15 Jahren noch Hebammen gibt. Denn die 53-Jährige kann sich keinen schöneren Beruf vorstellen. „Es ist einfach schön, beim Beginn eines neuen Lebens dabei zu sein.“

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