Erzieherinnen und Erzieher sind gesucht wie nie. Renata Śmigierska, die langjährige Leiterin einer Stuttgarter Eltern-Kind-Gruppe, erzählt, was ihren Beruf ausmacht und wie er sich verändert hat.
Stuttgart - So weich und melodisch können nur Polen den Nachnamen von Renata aussprechen. „Śmigierska“, sagt sie, und nach einem vergeblichen Versuch: „Sagen Sie einfach Renata zu mir. Hier rufen sich sowieso alle beim Vornamen.“ Hier heißt in der Eltern-Kind-Gruppe Feuerbach, einer privaten, von der Elternschaft getragenen Kita im Heimberg, einer waldnahen, idyllischen Lage. Renata Śmigierska leitet sie.
Familienfreundliches Arbeitszeitmodell
Die Frau mit der Kurzhaarfrisur und einer Liebe zu bunten Ketten ist seit 20 Jahren examinierte Erzieherin und verlässliche Größe der Feuerbacher Gruppe. In Polen hat sie ein Sozialpädagogik-Studium begonnen, dann aber führten private Pläne sie nach Deutschland. „Als mein Sohn neun Jahre alt war, suchte ich nach einer Möglichkeit, eine Ausbildung zu machen. Erzieherin in Teilzeit zu werden war da sehr praktisch“, erzählt sie. Donnerstags, freitags und samstags habe sie die Schule besucht, die anderen Wochentage seien zur freien Verfügung gewesen – außer während der Blockpraktika.
Berufseinstieg in Teilzeit
Nach ihrem Examen und mit der staatlichen Anerkennung ist Renata Śmigierska gleich zu 100 Prozent in den Beruf eingestiegen. „Teilzeit kann sich in jungen Jahren eine Alleinstehende nicht leisten“, sagt sie, wegen der höheren Steuerklasse und weil die Einstiegsgehälter halt nicht so hoch seien, obwohl die Gehälter angehoben worden sind im Lauf der Zeit. „Allein, weil die Mieten so steigen, finde ich die finanzielle Unterstützung durch Leistungszulagen, wie sie hier in Stuttgart üblich sind, sehr wichtig.“ Dass ein Beruf auskömmlich ist, hält sie für einen großen Motivationsfaktor. Schließlich ist er ja anspruchsvoll. Im Jahr 2000, nach der ersten Pisa-Studie, hat das Kultusministerium den Orientierungsplan für Kitas eingeführt und damit Bildungsanforderungen an die Einrichtungen gestellt. Neue Methoden zur Dokumentation der Lernfortschritte sind Standard, die Beobachtung der geistigen und körperlichen Entwicklung der Kinder ist Pflicht in Stuttgart. „Die administrative Arbeit hat auch ohne Corona sehr zugenommen“, sagt die Erzieherin.
Bildung hat großen Stellenwert
Attraktive Rahmenbedingungen
Für viele Frauen und Quereinsteigerinnen ist der Beruf wegen der zahllosen Teilzeitmöglichkeiten attraktiv, die Eltern-Kind-Gruppe Feuerbach kann mit sehr moderaten Arbeitszeiten punkten. Die Kita öffnet um 8 Uhr, ist an zwei Tagen nur bis 13 Uhr und an drei Tagen bis 15 Uhr geöffnet. Im Vergleich dazu: Viele andere Einrichtungen haben schon ab 6.30 Uhr eine Frühbetreuung und bis in den Abend hinein geöffnet.
Eltern sind mit im Boot
Dafür ist die Arbeit mit Eltern in Eltern-Kind-Gruppen sehr eng. Renata Śmigierska muss alle drei Wochen am Abend Zeit für einen Elternabend ranhängen, sich nach 15 Uhr Zeit nehmen für Elterngespräche und Rücksicht nehmen auf die veränderten Lebenswelten. „Die Eltern haben völlig andere Arbeitszeiten als vor 20 Jahren, deshalb haben wir die Öffnungszeiten am Nachmittag ausgedehnt und bieten ein Mittagessen an“, erzählt die 58-Jährige.
Die Eltern sind ihre Arbeitgeber, kümmern sich um Gehälter, Personal, um Kochdienste. „Früher waren Mütter oder Väter täglich im Gruppendienst, das können sie heute nicht mehr leisten, denn auch ihre Arbeit hat heute eine andere Intensität.“ Als Krankheitsvertretung würden Eltern aber nach wie vor kurzfristig einspringen. Trotz attraktiver Arbeitszeit sei die Personalsuche für Eltern-Kind-Gruppen problematisch. „Ich höre immer wieder, dass Erzieher diese Nähe zu den Eltern nicht haben möchten“, sagt Renata mit Bedauern.
Personalmangel verschärft die Platznot
Wegen des großen Mangels haben Erzieherinnen und Erzieher die Wahl. Allein in Stuttgart können derzeit 1200 Kitaplätze beim städtischen Träger nicht belegt werden, weil zu wenig Fachkräfte da sind. Aus demselben Grund ist an 60 Prozent der städtischen Kindertageseinrichtungen das Betreuungsangebot im Früh- oder Spätdienst eingeschränkt. Doch von den Fachschulen kommen nicht so viele Erzieherinnen und Erzieher wie nötig, denn dort herrschen Raumnot und Lehrermangel. Laut der Bertelsmann-Studie benötigt Baden-Württemberg rund 41 000 zusätzliche Fachkräfte bis 2030 für die Betreuung von Kindern bis zum Schuleintritt.
Damit auch Fachkräfte mit Hochschulabschluss wie Kindheitspädagogen der Kita nicht den Rücken kehren, fordern Fachleute entsprechende Stellen, zum Beispiel in der Beratung von Kitas. Denn bis jetzt kämen höher Qualifizierte oft nur als reguläre Erzieherinnen oder Gruppenleiterinnen zum Zug – eine Funktion, die sie auch ohne Studium einnehmen könnten.
Mit Geduld und Erfahrung zum Ziel
Sollte es weitere Werbung für den Beruf brauchen, Renata Śmigierska wäre eine gute Botschafterin: „Der Beruf ist sehr vielfältig, kreativ und wunderschön. Jeden Tag habe ich die Kinder und gebe ihnen etwas mit auf den Weg. Wenn ich vergleiche, wie sie am ersten Tag waren, welche neuen Erfahrungen sie im Lauf der Jahre machen, wie sie miteinander sprechen oder Konflikte lösen – das sind alles kleine Momente und Entwicklungsschritte, die dazu beitragen, dass der Beruf Spaß macht.“ Natürlich gebe es auch Konflikte, mal zwischen den Kindern, mal zwischen Eltern und Erziehern. „Ich habe inzwischen eine gewisse Gelassenheit, Geduld, Erfahrung, um Konflikte zu lösen“, sagt sie. Wie das gelingt? „Miteinander sprechen, keine Schuld zuweisen, den Blick auf eine gute Lösung richten.“
Der Weg in den Beruf
Schulabschluss
Mit dem mittleren Bildungsabschluss sind zwei Ausbildungswege möglich: zwei Jahre an einer Fachschule für Sozialpädagogik plus Anerkennungsjahr und Berufspraktikum oder drei Jahre Praxisintegrierte Ausbildung (Pia). Pia wurde 2012 als Schulversuch, ab 2017 regulär eingeführt. Pia-Azubis verbringen zwei bis drei Tage in der Schule, den Rest der Woche (bezahlt) in der Kita.
Ausbilder
Allein in Stuttgart bilden 15 Fachschulen derzeit rund 1800 Erzieherinnen und Erzieher aus. Laut Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) der Fachschulen für Sozialpädagogik sind die Ausbildungskapazitäten zwar deutlich ausgebaut worden, stoßen aber wegen der Raumnot und des Lehrermangels an Grenzen. Teilweise bewerben sich fünfmal so viele Schulabgänger, wie die Schulen aufnehmen können. „Die Schulen sind der Flaschenhals“, sagt Michael Klebl von der LAG. Auch an der Hedwig-Dohm-Schule, der einzigen öffentlichen Beruflichen Schule in Stuttgart, die im sozialpädagogischen Bereich ausbildet, spüre man den Fachkräftemangel – „in der Versorgung mit Lehrkräften, insbesondere im sozialpädagogischen Bereich, weshalb ein weiterer Ausbau unserer Schularten zwar wünschenswert wäre, aber auch direkt von der Beantwortung dieser Frage abhängt“, sagt Schulleiter Sven Brockmeier.
Offene Stellen
Eine Stichprobe bei der Arbeitsagentur ergab 256 offene Arbeitsplätze für Erzieherinnen und Erzieher in den Kitas der Region. Deshalb werden vermehrt Quereinsteigerinnen rekrutiert und Fachkräfte im Ausland angeworben. Der Internationale Bund rekrutiert in diesem Dezember auf eigenes Risiko 15 Interessenten aus Italien, bringt sie zum Sprachkurs nach Stuttgart und lädt potenzielle Arbeitgeber ein, mit ihnen Bewerbungsgespräche zu führen. „Diese Leute sind motiviert, die wollen raus aus ewig befristeten Verträgen und der Arbeitslosigkeit“, sagt Regionalleiter Gerardo Cardiello.
Verdienst
In der schulischen Ausbildung werden erst im vierten Jahr (Berufspraktikum) rund 1600 Euro bezahlt, in den ersten drei Jahren kann aber ein Aufstiegs-Bafög beantragt werden – elternunabhängig und nicht rückzahlungspflichtig. Pia-Azubis verdienen in drei Jahren zwischen 1140 und 1300 Euro. Das Einstiegsgehalt liegt bei rund 3000 Euro und steigt bis auf 3800 Euro, bei langjähriger Leitungstätigkeit bis 4500 Euro. Alle Beträge sind Bruttobeträge. czi