In Deutschland herrscht ein Fachkräftemangel. Ohne Hilfe aus dem Ausland wird es nicht gehen. Hoffnungen ruhen dabei nun auf Indien. Foto: pa/Himanshu Sharma

Baden-Württemberg kann den Bedarf an Fachkräften kaum aus eigener Kraft sicherstellen. Die Regierung plant eine neue Behörde.

Im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf des Jahres 2000 versuchte der CDU-Politiker Jürgen Rüttgers mit der Parole „Kinder statt Inder“ zu punkten, was ihm am Ende aber nicht bekam. Er verlor die Wahl. Im Jahr zuvor hingegen hatte sein Parteifreund Roland Koch in Hessen mit einer Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft die Landtagswahl gegen den SPD-Amtsinhaber Hans Eichel gewonnen.

 

Rüttgers reagierte seinerzeit auf einen Vorstoß des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD), der IT-Spezialisten ins Land holen wollte, um die Digitalisierung der Wirtschaft voranzutreiben. Solche Fachleute waren damals besonders zahlreich in Indien zu finden. Die Stadt Bangalore im Bundesstaat Karnataka galt als Hotspot der Programmierer. Der damalige Jenoptik-Chef Lothar Späth (CDU) und vormalige Ministerpräsident von Baden-Württemberg bezeichnete Rüttgers Äußerung indes als den „größten Schwachsinn“.

Krankenstände hoch, Teilzeit beliebt – bei den Deutschen

Das Beispiel zeigt, dass der Zuzug von Arbeitsmigranten seit jeher umstritten ist – und auch nicht gefeit ist vor politischer Instrumentalisierung. Damals ging es um Computerfachleute, von denen es in Deutschland zu wenige gab. Jeder, der ein bescheidenes Computerprogramm zu schreiben vermochte, galt als verehrungswürdige Autorität. Inzwischen herrscht in Deutschland aufgrund der Alterung der Gesellschaft ein allgemeiner Fachkräftemangel, der auf die Ausbildungsberufe übergegriffen hat, zumal im Handwerk. Dort fehlen nicht nur Arbeitskräfte, sondern auch Betriebsnachfolger. In Kliniken mangelt es an Personal, Busse und Bahnen fallen aus, mitunter stellt sich auch die Frage, ob tatsächlich keine Mitarbeiter zu finden sind oder einfach nur gespart wird. Die Krankenstände sind hoch, Teilzeit ist beliebt. Aber irgendjemand muss die Arbeit machen, denn die Produktionszuwächse fallen in der aktuellen Phase der kapitalistischen Entwicklung zu gering aus, um die Lücke zu schließen.

In Baden-Württemberg fehlen derzeit mindestens 400 000 Fachkräfte. Auf ganz Deutschland bezogen, ist bis in zehn Jahren mit einer Lücke von sieben Millionen Fachkräften zu rechnen. Was tun? Zwar hat die grün-schwarze Landesregierung erkannt, wie wichtig das Thema Weiterbildung ist. Beschäftige, die im Zuge der industriellen Transformation ihre Jobs verlieren, sollen umgeschult werden. Doch das wird nicht immer funktionieren – aus individuellen Gründen, und weil auch die Arbeitgeber mitziehen müssen.

Auch will die Landesregierung endlich entschiedener ein Problem angehen, das schon lange bekannt ist: Das Land leistet sich viel zu viele Bildungsverlierer. Reformen kamen nicht zustande, weil sich Grüne und CDU gegenseitig blockierten. Dazu bestimmen Lehrerverbände das Feld, denen es mehrheitlich um die Verteidigung eigener Besitzstände geht. Immerhin tut sich jetzt etwas im Hinblick auf den vorschulischen Erwerb der deutschen Sprache und die Grundschulausbildung.

Dennoch: Ohne Hilfe aus dem Ausland wird es nicht gehen. Hoffnungen ruhen dabei auf Indien. Die offiziellen Kontakte dorthin sind bewährt und auch belastbar. Stuttgart unterhält eine Partnerschaft mit Mumbai, der Hauptstadt der baden-württembergischen Partnerregion Maharashtra. Karlsruhe ist mit der Millionenstadt Pune verbunden, wo die Badener ein Kontaktbüro eröffneten, das seit 2015 als offizielle Repräsentant des Landes fungiert und von Iris Becker geleitet wird. Das Büro dient als Anlaufstelle für Unternehmen, Verbände oder auch Hochschulen in Maharashtra.

Es kommen Menschen, nicht nur Arbeitskräfte

Die Landesregierung will nun mit einer neuen Landesagentur für die Zuwanderung von Fachkräften die Vermittlung von ausländischen Migranten beschleunigen. Staatsminister Florian Stegmann, der Amtschef in der Regierungszentrale, versteht die neue Landesagentur auch als Projekt, das als Vorbild für andere Bundesländer dienen kann. „Wir streben ein Verfahren aus einer Hand an“, sagt er. „Dafür schaffen wir eine Behörde, die auf das beschleunigte Verfahren spezialisiert ist und in der Willkommenskultur gelebt wird.“ Das ist auch notwendig. Die indische Lebensweise und Kultur unterscheidet sich in vielem von den deutschen Verhältnissen. Stegmann hat deshalb Shemaja Eisele (32) ins Staatsministerium geholt. Der Hessigheimer hat deutsch-indische Wurzeln und verfügt daher über hilfreiche kulturelle Kompetenz. Zuvor hatte er dem indischen Honorarkonsul Andreas Lapp zugearbeitet.

Denn es reicht nicht, die Arbeitskräfte einfach anzuwerben. Wenn es schlecht läuft, führt das nur dazu, dass sie in Deutschland einsam in ihrem Zimmer sitzen – und nach kurzer Zeit nach Hause reisen. „Die ersten drei Monate nach der Anreise sind wichtig“, sagte Deepak Vasant Kesarkar, der Erziehungsminister des Bundesstaats Maharashtra, dieser Tage bei einem Besuch in Baden-Württemberg. Kontakte im beruflichen Umfeld und in Vereinen sind wichtig. Ebenso Hilfe in den bürokratischen Belangen. Noch immer ist das Diktum des Schriftstellers Max Frisch zu bedenken, der über die sogenannten Gastarbeiter sagte: „Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.“