Das große Beethoven-Geburtstagsjahr ist sang- und klanglos vorübergegangen: keine Ode an die Freude, kein Sinfonien-Marathon, nichts. Die Corona-Krise hat den so gerne laut polternden Komponisten zum Schweigen gebracht. Wir haben ihn dennoch gefunden – bei Facebook.
Bonn/Wien - Sensationell: Beethoven lebt – zumindest in den sozialen Medien. Unser Chat wird zwar zuweilen gestört, aber wir erfahren sehr viel Neues.
SB Hallohallo, sind Sie das? Ludwig van?
TITAN Wer sollte sich sonst hinter diesem Namen verbergen?
SB Gustav Mahler?
TITAN Der war herzkrank. Lebte nicht lange.
SB Okay. Zeit für ein paar Fragen?
TITAN Ferdinand sagt, ich muss. Er sagt, ein Kuss für die ganze Welt ist nicht genug.
SB Ferdinand?
TITAN Ries. Mein Manager.
SB Ferdinand Ries ist Komponist.
TITAN Von wegen Komponist. Ries kann kein Piano von einem Forte unterscheiden. Die Stücke, die unter seinem Namen erschienen, habe ich geschrieben.
SB Sie klingen aber gar nicht nach Beethoven.
Kommentar JOSEPHINE B. Bist du das, Geliebter?
TITAN @ JOSEPHINE B. Schweig, Weib!
TITAN @ SB Das war leicht. Ich habe einfach bei irgendwelchen Kollegen ein paar Melodien geklaut, die nicht nur aus Tonleitern oder gebrochenen Akkorden bestehen, deshalb hatte mich keiner im Verdacht. Und ich brauchte einen Manager, weil ich es so satt war, bei den Auftraggebern um Geld zu schachern.
SB Können wir über das Beethoven-Jahr sprechen?
TITAN Hä?
SB Hören Sie schlecht?
TITAN Ja, darum schreibe ich ja in dieses moderne Konversationsheft.
SB Wie finden Sie es, dass das Beethovenjahr 2020 jetzt schon endet?
TITAN Es endet gar nicht, sondern geht in die Verlängerung bis September 2021. Mehr Torte, mehr Götterfunken! Das hat die Beethoven-Jubiläumsgesellschaft so verfügt. ;)
Lesen Sie hier: Die Person Ludwig van Beethoven
SB Hatte Ries da die Finger im Spiel?
TITAN Naja. Komplexes Thema. Wir haben halt ein paar Chinesen in Wuhan mit ein paar Tausend schwarz gepressten Beethoven-CDs geschmiert.
Kommentar KLIMPER-IGOR Aber hoffentlich nicht mit meinen.
SB Und dann hatten die die Idee mit dem Virus? OMG!
TITAN Ich gebe zu, die Sache ist ein bisschen außer Kontrolle geraten. Aber am Ende ist ja alles zu unseren Gunsten ausgegangen. Ein Genius braucht halt Raum und Zeit.
SB Und Tantiemen.
TITAN Klar. Aber ich komponiere ja auch unter anderen Namen.
SB ???
TITAN Zum Beispiel hab ich mich mal Helmut Lachenmann genannt. Aber da war mein Hörgerät noch nicht so gut eingestellt. Heute hab ich ein Teenie im Ohr, neuestes Modell.
Kommentar OHR96 Dürfen wir das auf unserer Homepage posten, TITAN?
TITAN @ OHR96 Das kostet. Aber frag Ferdinand.
SB Und außerdem? Unter welchem Namen haben Sie noch komponiert?
TITAN Hans Zimmer – hört man doch, dessen Musik hat auch mehr Rhythmus als Melodie. Hab ich aber nur wegen der Knete und der Grammys gemacht.
Kommentar JOSEPHINE B. Geliebter, bist du das?
TITAN @ JOSEPHINE B. Gleich schmeiß ich mit dem Weinglas nach dir.
JOSEPHINE B. Geht nicht auf Facebook. Außerdem bin ich unsterblich.
DER TITAN Schnauze.
SB Herr van Beethoven?
TITAN Sorry. Ich meinte nicht Sie.
SB Welches ist Ihr liebstes Werk?
TITAN „I bin a Tyroler Bua“.
SB Da bin ich sprachlos.
TITAN Gesang mit Klaviertrio. Meine knapp 200 Lieder in dieser Besetzung kennt fast keiner. Dabei zeigen sie, dass ich gar nicht immer so komplex bin, wie mich alle gern sehen wollen. Im Gegenteil, ich sehne mich nach einem Glas Heurigen, nach Einfachheit, Heimat und ab und zu auch mal nach einem saftigen Weib.
SB Ich hätte gedacht, Ihr Lieblingsstück wäre Ihre dritte Sinfonie.
TITAN Nee, mit der bin ich durch – spätestens seit Thomas Manns „Zauberberg“. Wie kann sich ein seriöser Autor nur eine Person ausdenken, die immer nur die „Erotika“ hören will?
SB Hatten Sie diese Sinfonie wirklich für Napoleon komponiert?
TITAN Jep.
SB Aber warum haben Sie seinen Namen dann so wegradiert, dass die Partitur ein großes Loch bekam?
TITAN Ach, da war gar nicht sein Name, sondern nur ein Rotweinfleck. Und ich hab die Widmung ja mit Bleistift noch mal drunter geschrieben. Können Sie bei den so genannten Musikfreunden in Wien angucken.
SB Warum haben Sie dann aber der Sinfonie einen Trauermarsch verpasst – 15 Jahre bevor Napoleon tot war?
TITAN Weil ich Künstler bin und Visionen habe. Weil mir diese tollen Zweiunddreißigstel-Schleifer in den Kontrabässen eingefallen sind. Und weil ich dann doch wütend war, als sich Napoleon zum Kaiser krönen ließ. Und für meine Wut reichte das Adagio, das vorher da stand, einfach nicht aus.
Kommentar KLIMPER-IGOR Ich habe gerade die Mondscheinsonate aus meinem Wohnzimmer gestreamt und koche jetzt Grillgemüse gegen rechts.
SB Was sind Ihre Pläne für die kommenden Monate und Jahre?
TITAN Ich komponiere jetzt endlich meine zehnte Sinfonie. Für sämtliche deutschen Rundfunkorchester, Rundfunkchöre und Christian Thielemann.
SB Mein Lieblingsstück von Ihnen ist das Streichquartett op. 131.
TITAN O Gott, da hatte ich was eingeworfen. Eine Partydroge, hat mir Carl Philipp Emmanuel geschickt. Stark dissoziierend.
SB Und die Neunte.
TITAN Was? Der erste Satz: okay. Aber den Chor und die schreienden Solisten im Finale: Das hat nur der Ries gewollt.
SB Echt?
TITAN Ja klar, Markenzeichen und so. Grenzen überwinden, Fenster aufmachen, neues Zeitalter. Musik und Literatur verbünden sich, Ludwig van schreitet ganz vorne voran, ein Held der Gesellschaft und ein Komponist, den alle toll finden, weil keiner seine Musik kapiert. Bis heute.
SB Was wünschen Sie der Welt?
TITAN Mehr Licht in der Birne, mehr Götterfunken, weniger Grillgemüse und mehr Beethoven. Jetzt muss ich aber Schluss machen. Draußen wartet der Umzugswagen.
SB Schon wieder? Zum 69. Mal? Wohin geht es jetzt?
TITAN Sie werden von mir hören.
Kommentar JOSEPHINE B. Geliebter! Stille meine Sehnsucht!
TITAN (Wutsmiley)