Will in Stuttgart wieder hoch hinaus: Fabian Hambüchen. Foto: Baumann

An diesem Wochenende steigt der stark besetzte DTB-Pokal in der Porsche-Arena – mit dabei ist auch wieder Fabian Hambüchen, der in Stuttgart seinen letzten Wettkampf des Jahres turnt.

- Herr Hambüchen, sind Sie bereit für rockige Karnevalsmusik in Stuttgart?
(Überlegt kurz) Ja, natürlich. Sie spielen sicher aufs vergangene Jahr beim DTB-Pokal an.
Da haben Sie quasi in der Dauerschleife zur Musik der Kölner Band Brings in der Porsche-Arena geturnt.
Ja, das war für mich als Wahl-Kölner eine tolle Sache. Das Lied „Superjeile Zick“ ist ja ein echter Klassiker. Und ich wäre sicher nicht böse, wenn in diesem Jahr wieder kölsche Lieder in der Halle für mich erklingen würden (lacht).
Worauf freuen Sie sich denn noch in Stuttgart?
Auf die gewohnt tolle Stimmung – und auf ein fachkundiges Publikum. Man spürt, dass die Leute einfach Ahnung vom Turnen haben, das gibt einem immer ein gutes Gefühl. Und dazu wird jeder Turner einfach fair ­behandelt.
Was ist Ihr Ziel in diesem Jahr, nachdem Sie im vergangenen Zweiter im Mehrkampf geworden sind?
Ein Platz auf dem Podest. Aber ich bin auch Realist, ich weiß, dass das richtig schwer wird.
Was sich schon bei der WM in Nanning gezeigt hat, als Sie im Mehrkampf Achter wurden.
Ja, die Jungen werden einfach immer stärker, und das Starterfeld in Stuttgart ist dieses Jahr stärker denn je. Und wissen Sie was?
Bitte.
Erschwerend hinzu kommt, dass sich das Turnen in den vergangenen Jahren einfach krass entwickelt hat. Schneller, höher, weiter, das ist das Motto, und das viel intensiver als zuvor.
Das heißt konkret?
Die Übungen werden immer schwieriger, vor allem die Jungen riskieren immer mehr, es wird einfach Jahr für Jahr schwerer, bei dem Tempo Schritt zu halten.
Welche Konsequenzen ziehen Sie daraus?
Ich arbeite natürlich hart im Training, aber gewisse Belastungen steckt man natürlich nicht mehr so weg wie früher. Aber das Wichtigste ist, dass mir das Turnen nach wie vor tierischen Spaß macht. Ich werde allerdings in diesem Jahr auf den Weltcup in Glasgow (am 6. Dezember, d. Red.) verzichten, weshalb der DTB-Pokal der letzte Wettkampf des Jahres für mich sein wird.
Haben Sie angesichts der Probleme mal überlegt, sich nur auf Ihr Paradegerät, das Reck, zu konzentrieren und den Rest sein zu lassen?
Nein, dafür ist mir der Mannschaftsgedanke viel zu wichtig, auch im Hinblick auf die Olympischen Spiele 2016 in Rio. Ich will fürs Team da sein und für das Team turnen, dieses Gefühl bei einem Großereignis ist einfach unbeschreiblich.
Ihr Ziel in Rio ist parallel dazu nach wie vor Ihre dritte Medaille bei Olympischen Spielen. Was kommt eigentlich danach, hören Sie auf?
Zunächst ist erst einmal alles auf Rio ausgerichtet. Mein Studium in Köln, der Trainingsalltag, die Planung der Wettkämpfe davor. Nach den Spielen in Rio werde ich sicher nicht von heute auf morgen aufhören, das geht nicht, allein schon körperlich.
Das klingt, als hätten Sie Ihr Karriereende dennoch schon im Blick.
Ich weiß es noch nicht. Ich werde mein Studium nach Rio sicher intensiver betreiben. Aber zurzeit muss ich sagen, dass mir das Turnen noch große Freude macht, und das kann auch nach den Spielen noch so sein. Das werden wir dann alles sehen.
b>Schwimmen? Bloß nicht!
Was könnten Sie sich denn in beruflicher Hinsicht vorstellen nach der Turn-Karriere? Sie studieren an der Sporthochschule Köln Sportmanagement und Kommunikation.
Ja, ich denke, das ist eine gute Basis für mich. Aber eines ist klar: Ich bin kein Schreibtischtyp, ich brauche Bewegung – auch im Berufsleben. Vieles ist möglich. Ich arbeite gerne mit Kindern zusammen, der Trainerbereich ist möglich, auch das Sportmanagement ist sicher reizvoll.
Inwieweit schaffen Sie es eigentlich zurzeit, das Turnen und das Studium unter einen Hut zu bringen?
Das klappt hervorragend – weil die Sporthochschule in Köln dafür das ideale Pflaster ist. Es gibt keine Präsenzpflicht – das heißt, dass ich nicht immer da sein muss, wenn Vorlesungen anstehen. Anders geht es auch nicht als Leistungssportler, der viel unterwegs ist.
Gibt es im Rahmen Ihres Sportstudiums etwas, das Ihnen so rein gar nicht liegt?
Oh ja! Vor dem Schwimmen hatte ich richtig Bammel – und die schlimmsten Befürchtungen haben sich bewahrheitet (lacht).
Sind Sie abgesoffen?
Nein, das nicht – aber ich wusste, dass es da gewisse Probleme geben würde. Es gibt, glaube ich, keinen Turner, der ein guter Schwimmer ist. Wir haben zu viel Muskelmasse, die liegt einfach zu schwer im Wasser, dazu sind wir im Wasser einfach zu unbeweglich.
Sind Sie durchgefallen bei der Schwimm-Prüfung?
Nein, ich hab’s gerade noch so gepackt, und die Note war mir so was von wurscht! Ich habe mir aber im Laufe der Zeit sogar eine gewisse Technik angeeignet, und darauf bin ich richtig stolz (lacht).
Ein Spitzenschwimmer wird aber nicht mehr aus Ihnen – wenn es ums Topniveau beim Turnen geht, kennen Sie sich aus. DTB-Präsident Rainer Brechtken prangerte am Rande der deutschen Meisterschaften im Sommer an, dass in Deutschland zu wenige Spitzenturner aus dem Nachwuchs hochkommen würden. Wie sehen Sie die Problematik?
Herr Brechtken hat da sicher recht. Das Problem in meinen Augen ist, dass es für Eltern und Kinder viele Probleme gibt. Entweder man schickt sein Kind schon mit sechs, sieben oder acht Jahren in ein Internat, um es dort zu fördern.
Wer will das schon?
Eben, kaum jemand, ich finde das auch nicht gut. Mir tat es so richtig gut, zu Hause aufzuwachsen, so bin ich gereift.
Wo liegt für Sie das zweite Problem bei der Nachwuchsförderung?
Das verkürzte G-8-Abitur ist Gift für die Entwicklung junger Sportler. Das ist aber quasi die einzige Alternative zum Internat. Dabei ist alles komprimiert, man muss viel schneller noch mehr lernen, hockt bis teilweise spätnachmittags in der Schule und soll sich dann noch zu einem Topleistungssportler entwickeln – das geht einfach nicht. Dabei mangelt es in Deutschland sicher nicht an Kindern, die turnen oder turnen wollen.
Rainer Brechtken kritisierte auch einige Turnregionen und Bundesländer wie Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen, dass sie sich zu wenig im Spitzensport engagieren würden.
Das sehe ich genauso – ein Problem dabei ist, dass es einfach zu wenige gut bezahlte Trainerjobs gibt. Die meisten Coaches können nicht hauptberuflich trainieren, sie müssen nebenher ganz normal arbeiten gehen, da fehlt es dann an Anreizen. Es gibt da noch viel zu tun im deutschen Turnen.
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