Die Europäische Zentralbank lässt sich nicht in die Karten schauen: EZB-Präsidentin Christine Lagarde Foto: dpa/Boris Roessler

Eine erste Lockerung der Geldpolitik im Euroraum ist an den Finanzmärkten fest einkalkuliert. Aber was passiert danach?

Anleger hoffen auf sinkende Zinsen – billigeres Geld kann Konjunktur und Aktienkurse durch günstigere Kredite und erhöhte Liquidität anschieben. Die gute Nachricht für die Märkte: Eine erste Zinssenkung der Europäischen Zentralbank (EZB) gilt als ausgemacht. Die Währungshüter haben die Finanzwelt mittlerweile fest darauf eingestellt, dass die Geldpolitik nach ihrer Ratssitzung am 6. Juni gelockert wird. Der weitere Kurs ist jedoch ungewiss. Wichtige Fragen und Antworten:

 

Wie stark sollen die Zinsen nun sinken? Volkswirte rechnen in der kommenden Woche fast einhellig mit einer Zinssenkung um 0,25 Prozentpunkte. „Alles andere wäre eine riesige Überraschung, um nicht zu sagen ein ernsthafter Reputationsverlust für die Zentralbank“, meint Carsten Brzeski, Deutschland-Chefökonom der Direktbank ING, angesichts der eindeutigen Signale. Eine Reihe von ranghohen Notenbankvertretern, – darunter auch der als Verfechter einer straffen Geldpolitik bekannte Bundesbankpräsident Joachim Nagel –, stellte in den vergangenen Tagen verbal die Weichen für eine erste Leitzinssenkung.

Wie geht es danach weiter?  Das ist die große Frage, die Investoren umtreibt. War man an den Börsen zunächst davon ausgegangen, dass der Zinsschritt im Juni nur der Startschuss einer entschlosseneren Lockerungsserie sein wird, so gibt es inzwischen immer größere Zweifel daran. Anhaltende Inflationsgefahren und ein aufklarender Konjunkturausblick im Währungsraum könnten die EZB von weiteren Maßnahmen abhalten. Hinzu kommt erhöhte Ungewissheit durch geopolitische Risiken wie eine weitere Eskalation des Nahostkonflikts. Die Finanzmärkte haben ihre Erwartungen zuletzt angepasst, sie rechnen für 2024 aktuell nur noch mit zwei EZB-Zinssenkungen um je 0,25 Prozentpunkte.

Was sagen die EZB-Vertreter? Die Notenbank lässt sich nicht in die Karten schauen. Man werde sich nicht vorab festlegen und je nach Entwicklung der Wirtschaftsdaten von Sitzung zu Sitzung entscheiden, sagte EZB-Chefvolkswirt Philip Lane diese Woche der „Financial Times“. Bundesbankchef Nagel dämpfte Lockerungsfantasien indes bereits und trat Erwartungen eines raschen und eng getakteten Zinssenkungszyklus entgegen. Die EZB befinde sich nicht auf „Autopilot“, sagte er jüngst beim Treffen der G7-Finanzminister und Notenbankchefs in Norditalien.

Sind sich die Notenbanker einig? Nein. Es gibt unter den Währungshütern verschiedene Ansichten und Präferenzen, was Zeitplan und Ausmaß möglicher Zinssenkungen angeht. So machte Frankreichs Notenbankchef Francois Villeroy de Galhau Anlegern im Interview mit der „Börsen-Zeitung“ Hoffnung auf eine weitere Zinssenkung bereits im Juli und nicht erst – wie von Nagel und anderen EZB-Vertretern erwogen – frühestens im September. „Ich sage nicht, dass wir uns auf den Juli festlegen sollten, aber wir sollten hinsichtlich des Zeitpunkts und des Tempos unsere Freiheit behalten“, erklärte der französische EZB-Rat.

Hat die EZB die Inflation im Griff? Verglichen mit den historischen Höchstständen von 2022, als die Teuerungsrate im Euroraum im Oktober mit rund 10,6 Prozent den höchsten Stand seit Bestehen der Währungszone erreichte, hat die Notenbank große Fortschritte gemacht. Im April 2024 stiegen die Verbraucherpreise mit einer Jahresrate von 2,4 Prozent – das tiefste Niveau seit drei Jahren, nicht mehr weit entfernt vom EZB-Zielwert bei 2,0 Prozent. Ganz gebannt sehen Experten die Gefahr aber nicht.

Welche Teuerungsrisiken gibt es noch? „Höhere Lohnkosten schieben die Preise wieder stärker an“, warnt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. So ließen die bereits vorliegenden Tarifverträge erwarten, dass die Tariflöhne im weiteren Verlauf dieses Jahres im Mittel um mehr als vier Prozent steigen. „Die tatsächlich gezahlten Löhne dürften sogar noch kräftiger zulegen.“ Wegen der Konjunkturbelebung dürfte es Unternehmen leichter fallen, die höheren Lohnkosten an ihre Kunden weiterzugeben, sodass es zu den bei Währungshütern gefürchteten Zweitrundeneffekten kommen würde. Deshalb teilt Krämer den Inflationsoptimismus der EZB und der meisten anderen Ökonomen nicht und geht davon aus, dass sich der Preisauftrieb vorerst wieder verstärken wird. Auch in den USA zeigte sich dieses Jahr bereits, dass der Kampf gegen die Teuerung auf den letzten Metern noch einmal besonders schwer werden kann.

Um welche Zinsen geht es konkret? Ist vom EZB-Leitzins die Rede, ist meist der Hauptrefinanzierungssatz gemeint, zu dem sich Geschäftsbanken Zentralbankgeld leihen. Er stellt eine Richtschnur für das allgemeine Zinsniveau in der Wirtschaft dar und beträgt aktuell 4,5 Prozent. Angesichts der hohen Überschussliquidität der Banken hat er aber derzeit keine so große Bedeutung.

Worauf kommt es dann an? Als richtungsweisend gilt der Einlagensatz, den Geldhäuser für überschüssige Mittel erhalten, die sie bei der EZB parken. Zwischen Juli 2022 und September 2023 hob die EZB diesen Zins zehnmal in Folge um insgesamt 4,5 Prozentpunkte bis auf 4,0 Prozent an. Bis zur Zinswende wegen des Inflationsschubs im Zuge von Coronapandemie und Ukrainekrieg hatte der Einlagensatz jahrelang im negativen Bereich gelegen.