Die Europäische Zentralbank zeigt sich unbeirrt von den Verwerfungen auf den Finanzmärkten um Credit Suisse und Silicon Valley Bank. Dies signalisiert eine Stabilität des Bankensystems, meint Matthias Schiermeyer.
Wieder eine neue Hiobsbotschaft – und wieder nur ein Einzelfall? Oder ist die Ansteckungsgefahr doch so groß, dass noch eine neue Bankenkrise in Europa droht? Die Krisen von Credit Suisse und der Silicon Valley Bank haben offensichtlich nicht so viel Sprengkraft, dass sich die Hüter des Euro zum Umsteuern genötigt sehen. Wie seit Wochen erwartet, wird der zentrale Leitzins um 0,5 Punkte auf 3,5 Prozent angehoben.
Die Europäische Zentralbank zeigt sich also unbeirrt von den jüngsten Verwerfungen. Das ist gut und schlecht: Einerseits vermeidet sie den Eindruck von Dramatik und versucht, das Vertrauen in ein solide aufgestelltes europäisches Bankensystem zu festigen – andererseits vermittelt sie nicht das Gefühl von kurzfristiger Handlungsfähigkeit. Ob die hochnervösen Märkte auf diese Weise beruhigt werden, muss sich zeigen.
Beispielloser Drahtseilakt in der Schweiz
Schlechte Nachrichten vom vermeintlich sicheren Schweizer Finanzhafen senden zwangsläufig Schockwellen aus. Dennoch haben sich die eidgenössischen Aufseher eineinhalb Tage Zeit gelassen, um der Credit Suisse über Nacht Boden unter den Füßen zu verschaffen – ein beispielloser Drahtseilakt in hektischen Börsenzeiten. Die Großbank ist ein skandalumranktes Sorgenkind mit altbekannten Problemen. Der Verdacht liegt nahe, dass die Aufsichtsbehörden dem Treiben zu lange tatenlos zugesehen haben. Beruhigend und bedenklich zugleich ist da die Absicht der Nationalbank, der Credit Suisse bis zu 51 Milliarden Euro zu leihen. Ein echter Einschnitt: Erstmals seit der Weltfinanzkrise muss eine global systemrelevante Bank nach dem großen Rettungsring greifen.
Ein Fanal? Könnten bald weitere Dominosteine fallen? Wenn Regierungen und Zentralbanken als Feuerwehr zu Hilfe eilen müssen, um Manager-Fehlleistungen zu korrigieren, so zeigt dies vor allem, auf welch brüchigem Fundament der Bankensektor 15 Jahre nach dem weltweiten Gau noch immer steht. Das europäische Kreditwesen ist noch nicht so reguliert, dass Einzelfälle keine Beben mehr auslösen. Wirksamere Kontrollmechanismen, die bisher auch von der Finanzlobby verhindert wurden, sind nötig.
Die deutschen Banken sind weiter gut aufgestellt
Die gute Nachricht ist, dass die jüngsten Einschläge die deutschen Banken allem Anschein nach nicht ernsthaft berühren. Sie haben genügend Eigenkapital aufgebaut, um ungünstige Zinsgeschäfte abzusichern. Anders als nach dem Lehman-Crash lauern auch nicht gigantische Bonitätsrisiken in den Büchern. Es ist reichlich Liquidität vorhanden, und ein massiver Geldabfluss wie bei Credit Suisse oder Silicon Valley Bank ist nicht erkennbar. Kritisch beäugt werden sie von den deutschen Aufsichtsbehörden. Folglich müssen sich die Anleger um ihre Einlagen hierzulande keine Sorgen machen – die demonstrative Gelassenheit der Bundesregierung scheint berechtigt zu sein.
Allerdings werden nun alle Banken weiterhin mit dem Zinserhöhungstempo zu kämpfen haben. Die EZB verzichtet auf eine Atempause, nachdem sie noch bis Mitte vorigen Jahres viel zu zögerlich agiert hatte. Für die Börsen mag dies zunächst eine Enttäuschung sein. Auch dürfen die Nachteile höherer Zinsen für das Wirtschaftswachstum und die Staatshaushalte nicht unterschätzt werden. Die Perspektiven für die deutsche Bauwirtschaft und den Immobiliensektor etwa haben sich schon radikal verschlechtert.
Die Zeit des billigen Geldes muss enden
Doch ist die Inflationsrate mit 8,5 Prozent im Euroraum noch immer so exorbitant hoch, dass die Zentralbank jetzt nicht nachlassen darf. Geldwertstabilität ist ihre wichtigste Aufgabe. Immerhin mehren sich die Anzeichen, dass die Teuerungsrate und damit auch die Zinsen bald wieder sinken könnten. Vom billigen Geld loszukommen ist ein unumgänglicher Prozess – auch wenn der Weg mit einigen Risiken gepflastert ist.