Steffi Saul rennt von Welzheim zur Arbeit nach Schorndorf und abends zurück. Foto: Stoppel

Steffi Saul aus Welzheim rennt zur Arbeit – hin und zurück täglich rund 30 Kilometer weit, über Stock und Stein, über Wiesen und durch Wälder. Die Ausdauersportlerin hält Vorträge und plant einen Benefiz-Lauf in ihre alte Heimatstadt Jena.

Welzheim/Schorndorf - Ein kalter Wintertag in Welzheim: 6.30 Uhr, es ist noch stock finster. Steffi Saul ist startklar. Sie steckt in warmen Sportklamotten, trägt eins ihrer vielen Laufschuhpaare und auf dem Kopf eine Mütze sowie eine Stirnlampe. Die 33-jährige Mutter verabschiedet sich von ihren zwei Mädchen – acht und zehn Jahre alt – und rennt hinein in den Sonnenaufgang, rund 15 Kilometer weit zur Arbeit bis nach Schorndorf. Steffi Saul ist eine Laufschuh-Pendlerin. Sie rennt fast jeden Tag hinunter ins Remstal, macht ihren Fulltime-Job in einem Büro und joggt dann wieder zurück nach Hause. Ein Tag, an dem sie nicht zur Arbeit rennen kann, ist ein eher schlechter. An solchen Tagen versucht sie, am Abend, wenn die Mädchen längst im Bett liegen, eine längere Runde um Welzheim herum zu drehen oder sich sonst wie sportlich zu betätigen.

Steffi Saul hieß kürzlich noch Steffi Praher. Als Frau Praher hat sie Schlagzeilen gemacht. Sie hat viele Extremläufe absolviert, ist zum Beispiel im August 2015 einmal um den Bodensee herum gerannt und dann auf die Zugspitze, fast ohne zu schlafen. Mit ihren Läufen habe sie bis dato rund 35 000 Euro für krebskranke Kinder gesammelt, sagt die Frau, die wieder ihren Mädchennamen angenommen hat. Jetzt sitzt sie an diesem sonnigen, aber eiskalten Spätnachmittag in einem Café in Schorndorf. Gleich wird sie sich auf den Heimweg machen – hinein laufen in den Sonnenuntergang. Den Berg hoch bis nach Welzheim brauche sie etwas länger als am Morgen hinunter, gut eineinhalb Stunden.

2009 hat der Exzess begonnen

Morgens rufe sie von unterwegs immer ihre Kinder an, um diese daran zu erinnern, pünktlich in die Schule zu kommen. Die beiden Mädchen kennen ihre Mama nur als Extremsportlerin, dabei war die Steffi früher „der faulste Mensch der Welt“. Sie habe kaum mehr Strecke gemacht als von Sofa zum Kühlschrank und zurück. Sagt’s und lacht ihr schönstes Lachen. Dann indes habe sie aufgehört zu rauchen und deshalb angefangen, ein kleines bisschen zu joggen.

Doch erst 2009 hat Steffi Saul so richtig losgelegt mit dem Sport. Manche Freunde sagen, damals habe bei ihr der Exzess begonnen. Vor knapp acht Jahren ist die gelernte Bürokauffrau zum ersten Mal bei einem ziemlich durchgeknallten Hindernislauf gestartet, beim Strongman-Run in Weeze. Auf einem ehemaligen Militärgelände hat sie sich durch zehn Grad kaltes Wasser gequält, ist durch Schlamm gerobbt und hat 40 Hindernisse überwunden. Sie hat lange als Fitnesstrainerin im Schorndorfer Oscar-Frech-Bad gearbeitet, ist bei Ultraläufe mit möglichst vielen Höhenmetern gestartet. Ein Marathon? „Laufe ich ohne Muskelkater“, hat sie schon damals lächelnd erklärt. Als sie vor gut einem Jahr dann beschlossen hat, in ihren alten Beruf wieder einzusteigen, haben viele Freunde und Wegbegleiter gedacht, sie hören nicht richtig. Die Steffi den ganzen Tag auf einen Bürostuhl? Unmöglich!

Der neue Chef wusste, auf wen er sich einlässt

Mit der Turnschuh-Pendelei hat sie nun ganz offenkundig einen Weg gefunden, das Geldverdienen auf nahezu ideale Weise mit ihrem Sport zu verbinden. Und was sagen die Kollegen? Alles ganz entspannt, antwortet Steffi Saul. Sie könne vor der Arbeit zwar nicht duschen, habe aber immer Waschlappen, Handtuch, Deo und frische Kleidung im Rucksack. Bis dato habe sich noch keiner beschwert. Ihr neuer Chef sei ein ehemaliger Nachbar, „der kannte mich“ – wusste also auf was beziehungsweise auf wen er sich mit der neuen Mitarbeiterin da einlässt. Die Sportlerin rennt bei Wind und Wetter. Man müsse sich nur die zur Witterung passende Kleidung anziehen. Keine Bedenken, wenn es heftig schneit? Nein, gar nicht, „dann freu ich besonders, auf die glitzernde Landschaft bei Minusgraden“.

Steffi Saul sagt, fast jeder könne zu Fuß zur Arbeit pendeln, selbst in größeren Städten gebe es schöne Schleichwege. Klar habe sie sich schon mal verlaufen. Aus solchen Missgeschicken versuche sie das Positive zu ziehen. Neulich habe sie auf so einem ungewollten Umweg einen super schönen Pfad entdeckt. Laufen ist halt ihre Passion. Auf ein paar Kilometer mehr kommt es nicht an. Immer wieder renne sie an Wochenenden zu privaten Terminen, bis zu 100 Kilometer weit. „Sport macht den Kopf frei“, sagt Steffi Saul, „ nach dem Lauf arbeitet es sich viel besser.“

Sie will Menschen motivieren, die Komfortzone zu verlassen

Diese Erfahrungen vermittelt sie neuerdings in Vorträgen ihren Zuhörern. Sie will auch ein Buch schreiben über das Thema, „will die Menschen motivieren, die Komfortzone zu verlassen und Ziele zu erreichen“. Ihr persönliches Ziel für das neue Jahr ist eine weiterer Spendenlauf, wieder für krebskranke Kinder, diesmal von Welzheim in ihre alte Heimatstadt Jena – geschätzt 350 Kilometer weit.

Letzte Frage vor Steffi Sauls Start von Schorndorf hinauf bis nach Welzheim: Lohnt sich die Turnschuh-Pendelei eigentlich auch finanziell? Die Sportlerin stutzt, muss kurz überlegen und sagt dann: „Ein Paar Laufschuhe ist nach gut drei Monaten hinüber.“ Das sei aber immer noch preiswerter als Autofahren.

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