Extremismusexpertin Stefanie Beck „Rassismus prägt unser Denken“

Von Marta Popowska 

Stefanie Beck weiß, dass  man  Stereotypen  zwangsläufig beigebracht kriegt. Foto: Horst Rudel
Stefanie Beck weiß, dass man Stereotypen zwangsläufig beigebracht kriegt. Foto: Horst Rudel

Rechte Parolen erwischen einen oft eiskalt. Besonders Menschen in der Flüchtlingsarbeit bekommen diese oft zu hören. Wie man darauf reagieren kann, weiß Stefanie Beck vom Team meX der Landeszentrale für politische Bildung. Ihr Team hilft Menschen, die richtigen Worte zu finden.

Esslingen - Rechtsextremistischen Sprüchen steht man häufig sprachlos gegenüber. Damit man die richtigen Worte findet, schult das Team meX der Landeszentrale für politische Bildung Jugendliche und bürgerschaftliche Engagierte, wie etwa am 3. Dezember in Esslingen, mit einem Argumentationstraining. Wie das gelingt und wie man eigene Vorurteile hinterfragt, erklärt die zuständige Fachreferentin für Extremismusprävention, Stefanie Beck.

Frau Beck, das wird man ja wohl hoffentlich noch sagen dürfen, aber nach Deutschland kommen doch fast nur junge Männer. Das sind doch Wirtschaftsflüchtlinge und keine echten Asylbewerber.
(überlegt) Das ist ein schönes Beispiel. Bei dem, was wir als rechte Sprüche bezeichnen, wird oft sehr stark mit Pauschalisierung gearbeitet, also der Unterstellung von einem Motiv, wie zum Beispiel: die sind gar nicht bedroht, die wollen hier nur ein besseres Leben. Wenn man mit sowas konfrontiert wird, ist man im ersten Moment oft sprachlos. Das ging mir gerade auch so.
Warum ist man bei solchen Sprüchen oft so sprachlos?
Es gibt eine inhaltliche Ebene, die wir gerade angerissen haben. Meistens handelt es sich um einen sehr komplexen Sachverhalt, der total verkürzt in einem pauschalen Satz vorgebracht wird. Allein der Redeanteil, der nötig wäre, um das sachlich zu entkräften, steht in keinem Verhältnis zum Spruch. Dafür braucht man viel inhaltliches Wissen. Die Situation kann hilflos machen. In dem Moment, in dem eine Person merkt, dass sie ein ernsthaftes Gespräch führen wollen, springt sie einfach zum nächsten Thema. Und dann geht es wieder von vorne los.
Seit etwa neun Monaten bieten Sie bürgerschaftlich Engagierten in der Flüchtlingsarbeit, Argumentationstrainings gegen rechte Sprüche an. Welchen Ansatz haben die Schulungen?
Was wir in den Trainings nicht machen, ist, ein Geheimrezept mitzugeben, mit dem man alles ganz gut parieren kann. Wir versuchen, Leute in ihrer Haltung und bezüglich der eigenen Werte zu stärken.
Wie gelingt das?
Die Trainings bestehen aus drei Teilen. Zunächst geht es darum, Menschen für ihre eigenen Vorurteile zu sensibilisieren. Jeder Mensch hat Vorurteile und es ist gut, sich die zunächst bewusst zu machen. Im zweiten Teil geht es darum, Wissen zu vermitteln, wie etwa: was ist überhaupt die rechte Szene in Baden-Württemberg? Welche Gruppierungen sind bei uns aktiv? Welche Aktionsformen nutzen sie? Wir sprechen auch über die Verbreitung von Vorurteilen und den Zusammenhang zur extremen Rechten. Die agiert nicht etwa in einem luftleeren Raum, sondern besetzt Themen, die in der Bevölkerung auf eine gewisse Resonanz stoßen.
Zum Beispiel?
Viele Menschen befürworten traditionelle Familienmodelle. Dafür gehen einige sogar auf die Straße. Hier gibt es eine inhaltliche Schnittmenge, auf die die extreme Rechte ganz gezielt, wie etwa bei den Bildungsplan-Demos, zugreift, und Allianzen sucht.
Werden Menschen so instrumentalisiert, ohne es zu merken?
Ja. Gerade beim Thema Geflüchtete ist das oft passiert. Aber auch beim Thema EU-Kritik oder Politiker-Bashing. Ein ganz beliebtes Thema bei der extremen Rechten ist Umweltschutz und Heimatschutz. Oder die Forderung nach härteren Strafen für Kinderschänder – auch ein häufiger Slogan.
Die Workshop-Teilnehmer sollen aber auch Praktisches an die Hand bekommen?
Im dritten Teil des Trainings schlüpfen die Teilnehmenden sowohl in die Rollen derer, die diese Parolen sagen als auch in die der Konfrontierten. Das ist eine interessante Erfahrung, was für ein Machtgefühl mit dem Äußern von Parolen einhergeht. Sie üben zu reagieren und erarbeiten gemeinsam mit uns Strategien.
Können Sie eine Situation nennen?
Nehmen wir eine öffentliche Situation, wo viele Menschen dabei stehen und jemand sagt: „Der Islam gehört nicht nach Deutschland.“ Sie wissen, es sind viele Muslime im Raum. Dann ist ihre Strategie nicht, sich mit der Person in ein Gespräch zu begeben, um diese zu überzeugen. Stattdessen geht es darum, die angegriffenen Leute zu schützen und zu zeigen, dass nicht alle im Raum so denken und damit ein Gegengewicht herzustellen.
Das heißt, ich spiele den Ball zurück, anstatt mich in eine defensive Haltung zu begeben?
Ja. Besser man antwortet mit einem Statement. Wie etwa: ‚Für mich herrscht hier in Deutschland Religionsfreiheit, hier darf jeder seinen Glauben leben und zeigen.’ Hier kann man durchaus konfrontativ auftreten. In einem Zweiergespräch würde man dagegen damit nicht weit kommen. Da muss man erstmal überlegen: Warum sagt mein Gegenüber das? Dabei ist es sinnvoll, die Ängste und Wünsche der Person abzufragen, um dann wieder mit den eigenen Idealen in ein Gespräch zu kommen.
Haben Aggressionen gegen bürgerschaftlich Engagierte zugenommen?
Meiner Einschätzung nach ja. Ehrenamtliche in der Flüchtlingsarbeit sind nicht mehr nur mit Vorurteilen gegenüber Geflüchteten konfrontiert. Sie werden auch in ihrer Funktion als Ehrenamtliche stark angegangen. Auf den Facebook-Seiten von Flüchtlingskreisen werden sie öffentlich angegriffen. Ehrenamtliche werden dargestellt, als seien sie total naiv und würden sich mit ihrem Engagement ihr eigenes Grab schaufeln. Slogans wie „Heute Gutmensch, morgen tot“ kursieren. Da werden Fälle erfunden, die so gar nicht stattgefunden haben.
Die Angriffe auf Ehrenamtliche geschehen aber auch direkt?
Von vielen Menschen, die sich engagieren, haben wir gehört, dass sie sich im Freundeskreis und in der Familie rechtfertigen müssen. Das eigentlich humanitäre Engagement wird als politisches Statement gedeutet. Für viele tut sich da ein Spannungsfeld auf, da sie Teile der Asylpolitik selbst kritisch sehen, den Menschen aber beistehen wollen. Gleichzeitig werden sie von außen als Vertreter dieser politischen Linie gesehen. Das kann sehr schwierig sein.
Wie viel Rassismus steckt denn in den Deutschen oder ist das vielmehr ein menschliches Problem?
Das Denken in Stereotypen und Vorurteilen ist sicherlich ein menschliches Problem. Man braucht Kategorisierungen um mit der Welt kognitiv umzugehen. Rassismus halte ich aber nicht für menschlich. Er prägt jedoch unser Denken, weil er über Jahrhunderte gewachsen ist. Es halten sich Bilder von Überlegenheit, die noch aus der Kolonialzeit stammen. Wer in Deutschland oder Europa aufwächst, kriegt zwangsläufig diese Stereotype beigebracht, weil sie weiterleben.
Begriffe wie Negerkuss oder Mohrenkopf scheinen stark festgesetzt, sind aber rassistisch konnotiert. Macht es da noch Sinn zu argumentieren? In großer Runde ist man schnell die Spaßbremse.
Mich stört in dieser Frage das „noch“. Ich glaube, es macht immer Sinn, besonders wenn von Rassismus Betroffene anwesend sind. Aber bis der Rassismus verschwunden ist aus unserer Gesellschaft, wird es noch viele Jahre dauern. Es kann hilfreich sein, sich das klarzumachen und sich zu sagen: Ich muss nicht in jeder Situation die Kämpferin sein. Lieber nehme ich mir in einem ruhigen Moment die Person zur Seite und suche nochmal das Gespräch.
Ist es realistisch, dass Rassismus ganz verschwindet?
Man braucht ja Visionen (lacht).

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