Der Stuttgarter Marktplatz in der Zukunft? Diese Szene wurde für den Bildband „Zukunftsbilder 2045“ von Reinventing Society erstellt. Foto: Reinventing Society/Render Vision, CC BY-NC-SA 4.0

Die Landeshauptstadt könnte laut Prognosen zur heißesten Stadt Deutschlands werden. Um die Hitze in Zukunft aushalten zu können, muss Stuttgart saugfähiger werden.

An diesem Nachmittag unter der Woche sind nur Tauben auf dem Schützenplatz unterwegs und picken in den neu angelegten Beeten wie die Hühner. Um zu zeigen, wie sich Stuttgart auf die Folgen des Klimawandels vorbereitet, hat sich Jürgen Mutz an dem Ort in Stuttgart verabredet. Denn was der Leiter des Tiefbauamts hier unter seinen Schuhsohlen hat, ist ein Stück Zukunft.

 

In der Zukunft wird es darauf ankommen, Regenwasser dort, wo es auf den Boden prasselt, zu speichern, statt es wie heute noch vielerorts üblich über die Kanalisation abrauschen zu lassen. Städte brauchen das Wasser in den Zukunftssommern dringend zur Kühlung an Ort und Stelle. Laut einer Umfrage unter Kommunen spüren bereits heute mehr als 95 Prozent die Folgen der Klimakrise, 90 Prozent erwarten das auch in der Zukunft, aber nur etwa zehn Prozent haben ein Anpassungskonzept. Das sagte Ellinor von der Forst vom Kompetenzzentrum Klimawandel Ende März bei einem Webinar für Kommunen und Fachleute. „Da ist einiges an Luft nach oben.“

Wie ist Stuttgart auf die Folgen des Klimawandels vorbereitet?

Es gibt Prognosen, die Stuttgart auf dem besten Weg zur heißesten Stadt Deutschlands sehen. Das liegt zum einen an der topografischen Lage, die die kalte Frischluft in den Sommern im Talkessel zum raren Gut macht. Es liegt aber auch an Straßen und Gebäuden, die erstens kein Wasser aufsaugen und sich zweitens aufheizen. Keine gute Kombination. Wie ist die Landeshauptstadt angesichts dieser Szenarien vorbereitet? Was ist geplant? Am Schützenplatz will Jürgen Mutz exemplarisch zeigen, was sich bereits tut. Der Platz war bis vor wenigen Jahren eine Art großer Parkplatz. Heute ist es ein Platz für Menschen, vier helle Holzbänke und 14 Bäume laden zwischen den hohen Häusern zum Verweilen ein, offizielle Einweihung ist am 6. Mai. Gerade eben waren die Elektriker bei der Trinkwassersäule; die läuft noch nicht, soll aber künftig den Durst von Passanten stillen. In Stuttgart plätschern zwar 100 Brunnen mit Trinkwasser, aber die Säule am Schützenplatz ist bisher einmalig. „Das ist ein Prototyp“, sagt Mutz.

Schützenplatz als Vorbild für die ganze Stadt

Viel wichtiger, was man aber nicht auf Anhieb sieht: dass sich der Schützenplatz in einen Schwamm verwandelt hat. Die Stadt hat Sickerpflaster verlegt, darunter 80 Zentimeter Schotter. Während die Arbeiter zum Beispiel an der Kreuzung Berg-/Libanonstraße Pflaster verlegen, bei dem selbst die Steine ordentlich Wasser speichern können, haben sie sich am Schützenplatz für ein weniger großporiges und dafür ebeneres Produkt entschieden. „Ein normaler Regen wird hier aber aufgenommen“, sagt Mutz. Damit das Wasser später verdunsten und die Umgebung kühlen kann.

Beläge wie der am Schützenplatz sollen ab sofort der Standard in Stuttgart sein, sie sollen die Stadt nach und nach saugfähiger machen. Wird irgendwo gebaut, soll die Schwammstadt mitgedacht werden, erklärt Mutz. Dafür werden an manchen Stellen in der Stadt auch unterirdische Zisternen angelegt. Zudem setzt die Stadt auf helle Beläge, die sich weniger aufheizen. Freilich könnte und sollte das Tiefbauamt noch weit mehr machen, doch es fehle an Geld und Personal.

Im Zusammenhang mit der Schwammstadt ist immer öfters von blau-grünen Maßnahmen die Rede; gemeint ist die Kombination von Wasser und Pflanzen. Hans Müller sagt gleich als erstes: Das gehört untrennbar zusammen. „Die Schwammstadt muss mit Vegetation gedacht werden.“ Dass heute oftmals mit Trinkwasser gegossen werde, sei eigentlich nicht mehr zu vertreten. Sein Sohn Jonathan und er begrünen mit ihrer Kornwestheimer Firma Helix Pflanzensysteme Städte in ganz Deutschland. Das Geschäftsmodell fokussiere sich zusehends auf Fassadengrün, sagt der Gärtnermeister Hans Müller. Sein Sohn ist Hochbauarchitekt, sie ergänzen sich bestens.

Grüne Wand in Stuttgart-Möhringen

Die Kornwestheimer haben schon Parkhäuser „eingepackt“, wie Hans Müller dazu sagt, beispielsweise in Köln, Kiel oder Bamberg. In Stuttgart wurde im vergangenen Jahr ein Büro-Neubau in Stuttgart-Möhringen mit einer grünen Wand der Müllers eröffnet. Das Geschäft laufe gut bei Helix. „Wir können uns vor Anfragen kaum retten“, sagt der 61-Jährige. Es sei zu spüren, dass der Druck steige.

Wovor viele noch zurückschrecken: Grüne Fassaden wollen gepflegt sein. Auch das gehört zum täglichen Tun von Hans Müller. „Es klingt komplizierter, als es ist.“ Die Bewässerung werde von Kornwestheim aus gesteuert. Abgesehen davon fordert er, „dass die Ökosystemleistungen monetarisiert werden“. Was er meint: Zwar kostet eine grüne Fassade erste einmal mehr Geld, aber sie bringe ja auch was. Doch den Wert dieser Gegenleistung hätten viele nicht auf dem Schirm. Das nennt er einen „Webfehler“. Abgesehen von dieser Hürde ist Hans Müller überzeugt, dass die Städte der Zukunft blau-grüner sein werden. „Wir glauben, dass da das Business ist“, und er erhofft sich eine neue Wertschätzung für seinen Berufsstand. Als Stadtkühler.

Klimaanpassung und Klimaschutz

Kombination
Städte und Gemeinden sollten Klimaschutz und Klimaanpassung gleichermaßen im Blick haben. Denn selbst wenn die Klimaziele erreicht werden, werden die Auswirkungen des bisher ausgelösten Klimawandels zu spüren sein. Inzwischen werden deshalb nicht nur Jobs für kommunale Klimaschutzmanager ausgeschrieben, sondern auch für Klimaanpassungsmanager.

Prognose
Laut der Klimawirkungs- und Risikoanalyse des Bundes (KWRA) sind die deutlichsten Veränderungen bei der Häufigkeit von Hitzeperioden pro Jahr bis zur Mitte und bis zum Ende des 21. Jahrhunderts entlang des Oberrheingrabens und in Teilen Ostdeutschlands zu erwarten. Stuttgart gilt allerdings als besonders hitzegefährdet aufgrund seiner topografischem Lage. ana