Matthias Baumann fast am Ziel – im Hintergrund sieht man den Mount Everest Foto: Baumann

Menschen brauchen Träume, um leben zu können. Matthias Baumann hat einen Traum. Er will auf den höchsten Punkt der Erde. Dieser Traum ist zweimal jäh geplatzt. Doch aus diesem vermeintlichen Scheitern wird schließlich ein großer Gewinn.

Stuttgart - Der Sieg ist lustvoll. Sportler wissen das. Nichts befriedigt mehr, als über sich hinauszuwachsen. Wer auf diese Weise die Niederungen des Lebens verlässt, weiß, was Glück bedeutet. Es sind Gipfelgefühle. Wer einmal davon gekostet hat, der will diesen Geschmack immer wieder. Am besten potenziert.

Höher, weiter, schneller.

Da liegt es nahe, in diesem Gefühl den höchsten Gipfel der Welt ins Visier zu nehmen. 8848 Meter. Mount Everest.

Mount Everest ist ein Kindheitstraum

Das war der Kindheitstraum von Matthias Baumann (44). Und als 2011 das Angebot, als Expeditionsarzt mit aufzusteigen, kam, musste der Vollblut-Sportler nicht lange überlegen: „Da wollte ich unbedingt mit. Plötzlich war dieser Traum greifbar.“

Für Baumann, der in Stuttgart-Botnang aufgewachsen ist und in Tübingen lebt, hätten sich mit dem Gipfelsturm viele Sehnsüchte erfüllt. Auch das Gefühl, etwas vollendet zu haben. Und das des ultimativen Naturerlebnisses. Wer als Bub auf der Schwäbischen Alb zu klettern anfängt, die Alpen kennt und über die Gipfel Südamerikas im Himalaja landet, der will auch den letzten Schritt gehen. Ganz nach oben.

Dennoch plagen ihn zunächst Zweifel. „Kommt man da als normaler Bergsteiger überhaupt hoch?“, fragt er sich. Doch die Erstbegeher des Everest machten ihm Mut. „Man muss kein fantastischer Held sein“, sagen sie, „man kann ein ganz normaler Kerl sein, der genügend motiviert ist, eine Herausforderung zu meistern.“

Ganz oben wird die Luft dünn

Auf 7500 Meter über dem Meeresspiegel können die leichtesten Dinge zur Herausforderung werden. Die Luft ist dünn. Eine Sequenz aus Baumanns Filmarchiv, das er zuletzt bei einer Veranstaltung bei Breuninger präsentiert, zeigt, wie dünn. Der durchtrainierte Athlet keucht in diesem Film wie ein 800-Meter-Läufer beim Endspurt vor dem Ziel. Puls von 160. Atemfrequenz eines Sprinters. Dabei bewegt sich der frühere Ringer in Schrittgeschwindigkeit.

„Die Höhe und das einzigartige Gefühl da oben“, sagt Baumann, „und alles will irgendwie kein Ende nehmen. Man ist unglaublich langsam unterwegs.“ Aber die Sache wird noch härter. Auf 8300 Meter Höhe muss er in einem Zelt nächtigen, das im 45-Grad-Winkel schief im Wind steht. „Da kannst du nicht richtig schlafen, sondern nur ausruhen.“

8600 Meter. Das Ziel ist vor seinen Augen. Aber in dieser Höhe geht ohne Sauerstoffflasche nichts mehr. Die letzten 248 Meter und letzten zwei Stunden braucht er die gepresste Luft, die ein Sherpa bis hierher für ihn geschleppt hat. Dann kommt der Schock. Die Flasche ist leer. Ein Missgeschick des Sherpas. Enttäuschung steigt in Bauman hoch. Er fühlte sich wie im falschen Film: „Ich musste bei bestem Wetter wieder absteigen, während meine Freunde weiter zum höchsten Punkt der Erde aufsteigen.“

Der Traum war geplatzt – und lebte doch weiter.

Baumann operiert Tag und Nacht

Bis 2014. Das nächste Angebot flatterte ins Haus. Der Unfallchirurg an der Uniklinik in Tübingen reichte zwei Monate Urlaub ein und reiste nach Kathmandu. Über die Südseite sollte es nach oben gehen. Über waagrechte Leitern kriecht er zeitweise auf allen vieren im Schneckentempo über tiefe Gletscherspalten nach oben. „Ein falscher Schritt – und alles wäre aus gewesen.“

Doch alles geht gut – bis zum 18. April 2014. Matthias Baumann kampierte im Basislager und freute sich auf den Aufstieg. Bis ihn im Morgengrauen ein gewaltiges Donnern aus dem Schlaf reißt. „Ein Gletscherblock hat sich gelöst und eine Lawine ausgelöst“, berichtet Baumann.

In diesem Moment weiß er noch nicht, welches Ausmaß das Grollen hat. Weiß nicht, dass die Lawine 16 Sherpas unter sich begräbt. Es ist das größte Unglück in der Geschichte des Bergsteigens am Mount Everest. Matthias Baumann ahnt, dass dies gleichzeitig das Ende seiner zweiten Expedition bedeutet. Aber in diesem Moment denkt nicht der Bergsteiger. Jetzt handelt der Arzt. Er versorgt die Verletzten „und funktioniert den ganzen Tag wie ein Roboter“. Erst am Abend realisiert er das Ausmaß der Tragödie: „Wir waren alle wie gelähmt von Trauer.“

Ehrgeizige Sportler neigen dazu, allen Widrigkeiten zu trotzen. Selbst solchen. Die Spiele müssen weitergehen. Immer weiter. Denn Aufgeben bedeutet Schwäche. Doch in diesem Jahr besteigt kein Mensch mehr den höchsten Punkt der Erde. Der Respekt vor den Toten verbietet es. Und in Baumann dämmert die Gewissheit: Auch derjenige, der scheitert, kann gewinnen. Der Stuttgarter gewinnt nun die Herzen der Hinterbliebenen und neue Einsichten über das Leben. Er besucht alle 16 Familien der verunglückten Sherpas, lässt jeweils 300 Euro zur ersten Linderung der Not dort und ist seitdem beseelt von einer karitativen Energie. Sie ist stärker als das, was Baumann bisher als Bergsteiger angetrieben hat. Höher als alle Gipfel im Himalaja. Er begreift: „Man muss bereit sein umzukehren, um noch größere Ziele zu erreichen.“ Zurück in Deutschland initiiert er eine Spendenaktion zugunsten der Opferfamilien.

Natürlich „juckt es“ den Sportler noch. Wer zweimal die Welt von dort oben gesehen hat, „dieses spezielle Licht“ gesehen hat und die Urgewalt der Natur samt der eigenen Grenzen erlebt hat, will den letzten Schritt gehen. Der Berg ruft weiter. Auch Baumann will diese Krönung irgendwann noch einmal genießen. „Der Traum bleibt“, sagt er , „aber mein Vater hat mich nach der Rückkehr bestätigt.“ Der alte Herr sagte: „Matthias, der Mount Everest war ein erstrebenswertes Ziel, aber mit deinem Hilfsprojekt hast du viel mehr erreicht.“ Der Berg sei ein egoistisches Ziel, Menschen zu helfen dagegen ein altruistisches.

Wen wundert es da, dass Baumann die Katastrophe in Nepal nicht kalt lässt. 9000 Menschen sterben bei dem Erdbeben in diesem Jahr. Als Matthias Baumann auf dem Weg in den Urlaub davon erfährt, kehrt er sofort um und fliegt nach Nepal. Er operiert dort rund um die Uhr, versorgt Verletzte auf der Straße, tröstet und sammelt Spenden. Für Schulen und erdbebensichere Häuser. Bis heute. 200 000 Euro sind schon zusammengekommen. „Aber das ist nicht genug“, sagt er. Trotz der Demut, die er an diesem Berg lernte, bleibt er ein Sportler mit Siegermentalität. Sein Credo lautet weiterhin „immer weiter, immer weiter“.

Aber seit seinen schicksalhaften Erlebnissen auf dem Dach der Welt haben diese Worte einen anderen Klang.

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