Anhänger von Extinction Rebellion bei den Protesten in Berlin Foto: dpa/Jeremy Piper

Nach seinem Aufruf zum Plastikverzicht im Juni ist der Getränkehändler Hans-Peter Kastner aus Stuttgart-Vaihingen zum Medienliebling avanciert und im Internet als Held gefeiert worden. Nun kritisiert er die Extinction Rebellion und muss einiges aushalten.

Vaihingen - Lange hat Hans-Peter Kastner hin und her überlegt, ob er sich zu den Aktionen äußern soll oder nicht. Dass er den drohenden Klimawandel, das prognostizierte Aussterben vieler Arten und die zunehmende Umweltverschmutzung ernst nimmt, dass wird wohl niemand in Frage stellen. Das hat der Vaihinger Getränkehändler mit seiner Entscheidung deutlich gemacht: In seinem Markt im Gebiet Unterer Grund in Vaihingen verkauft er keine Einwegflaschen aus Plastik mehr. Dieser Entschluss und sein Mitte Juni auf Facebook publizierter offener Brief zum Thema Müllvermeidung machten den Familienvater binnen kurzer Zeit zu einem Medienstar. Er reiste quer durch Deutschland, war bei Stern TV, in der ARD-Tagesschau, bei ZDF heute und natürlich auch in der SWR-Landesschau.

Doch das, was die Anhänger der Extinction Rebellion, kurz XR, machen, das kann Kastner nicht gutheißen. Die Mitstreiter der Rebellion gegen das Aussterben, was ihr Name übersetzt bedeutet, sehen sich als Teil eines weltweiten Klimaaufstands. Mit ihren Aktionen wollen sie Städte lahmlegen. Sie halten „zivilen Ungehorsam“ – also Gesetzesübertretungen wie beispielsweise Blockaden – für legitime Mittel des Protests.

Klimaschützer schütteten Kunstblut über eine Treppe

In Deutschland ist die Bewegung noch relativ klein und friedlich. In Hamburg schütteten Anhänger kürzlich bei einem Trauermarsch angesichts der Kreuzfahrtschiffe Kunstblut über eine Treppe. In London dauerten Blockaden auch schon mal länger als eine Woche, Hunderte wurden festgenommen. In Berlin leben Demonstranten seit dem Wochenende in einem angemeldeten Camp auf der Wiese vor dem Kanzleramt und diskutieren über Klimapolitik. Die Mitglieder von XR fordern die Ausrufung des Klimanotstands, eine Null-Emissionspolitik bis 2025 und eine Bürgerversammlung für Klimaschutzmaßnahmen, nach deren Beschlüssen sich Regierungen richten müssten.

„Ich habe überlegt, ob ich was sagen soll oder nicht, aber ich denke, es muss gesagt und gezeigt werden“, schreibt Kastner nun auf seiner Facebook-Seite. Klimademos seien ja in Ordnung, „aber diese Form von Radikalismus ist nicht zu akzeptieren und wirft den Umweltschutz um Welten zurück“. Kastner spricht von „Provokationen“ und fügt hinzu: „Es würde mich nicht wundern, wenn die Lage in den nächsten Tagen eskaliert.“ Demos seien nicht zielführend. „Das globale Klimaproblem lösen wir durch Handeln, durch Tun“, so seine Meinung. Mit dem Finger auf andere zeigen und zum Teil unmögliche Forderungen aufstellen, helfe nicht weiter und spalte die Gesellschaft. „Ich persönlich distanziere mich von dieser Art von Umweltaktivisten und hoffe, ihr tut es auch“, so Kastners Fazit.

Heftige Kritik an Kastners Facebook-Post

Mit dieser Stellungnahme hat Kastner einen regelrechten Shitstorm im Internet ausgelöst. „Wir sollten wirklich dankbar sein, dass es Leute gibt, die was dagegen tun und sich das nicht mehr lange anschauen wollen“, kommentiert zum Beispiel Memo Torfilli. Nicholas Joachim Ehlers meint: „Ich bin sehr enttäuscht von diesem Urteil. Auch Demonstrieren ist Handeln. Viele Wege führen zum Ziel.“ Steffi Wind sieht es ähnlich: „Erst informieren, dann Urteil fällen. Die sind friedlich. Nicht nur ein Weg führt zum Ziel“, schreibt sie im Internet. Und Fritz Mielert fügt hinzu: „Niemand muss sich von etwas distanzieren, das er oder sie nicht in irgendeiner Weise mitverantwortet. Dieser Post ist mehr als kontraproduktiv.“

Die Liste lässt sich fortsetzen. Insgesamt sind es mehr als 70 Kommentare. Zwölfmal wurde Kastners offener Brief geteilt. Der Getränkehändler hat viel Zeit investiert und viele Posts beantwortet. „Ich bin dankbar über jeden, der was tut“, schreibt er und ergänzt: „Solange alles bleibt, wie es ist, ist alles gut. Vielleicht habe ich mich getäuscht, aber dann habe ich auch kein Problem zu sagen, dass ich falsch lag. Wichtig ist, dass wir weiter an einem Ziel arbeiten.“ Dafür bekommt Kastner von manchen Internetnutzern Zuspruch. So schreibt zum Beispiel Timo Hommers: „Du sprichst mir und ich glaube vielen anderen aus der Seele! Danke!“

Die Rebellion gegen das Aussterben spaltet nicht nur die Internetgemeinschaft, sondern die ganze Gesellschaft. Jüngst äußerte sich Tübingens grüner Oberbürgermeister Boris Palmer kritisch zu der Bewegung. Hans-Peter Kastner ist skeptisch, weil er befürchtet, dass die Umweltschutzbewegung so in immer mehr Gruppen zerfällt und damit schwächer wird. Insbesondere wenn sich die Extinction Rebellion radikalisieren sollte, wie in anderen Ländern bereits geschehen, würde das eher den Klimawandelleugnern in die Karten spielen. „Die warten doch nur darauf, dass Umweltschützer Fehler machen“, sagt Kastner. Enttäuscht wegen der vielen negativen Kommentare zu seinem Facebook-Post ist er nicht. „Ich bin ein Mensch, der sich gern mit anderen Meinungen auseinandersetzt. Das gehört für mich zur Demokratie dazu“, sagt er auf Nachfrage unserer Zeitung.

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