Großbritannien – hier ein Blick auf den berühmten Glockenturm Big Ben – ist ein wichtiger Markt für Handwerksbetriebe im Südwesten. Viele Briten beauftragen in großem Umfang deutsche Meister. Foto: dpa

Vor allem in Baden-Württemberg ist die Abhängikeit vom Export bei Handwerkern überraschend. Großbritannien ist für sie der viertwichtigste Markt.

Brüssel - Für das deutsche Handwerk steht beim Brexit mehr auf dem Spiel, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Die Leistung von Handwerkern wird auf der Insel nämlich durchaus nachgefragt. Vor allem im Südwesten ist der Exportanteil hoch: Im Jahr erzielen Handwerksbetriebe aus Baden-Württemberg mit dem Export insgesamt einen Umsatz von 3,7 Milliarden Euro. Für Betriebe im Südwesten ist Großbritannien dabei das viertwichtigste Exportland nach der Schweiz, Frankreich und Österreich.

Stark im Export sind auch Messebauer

Und die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Exportgeschäft ist bei den Handwerkern im Südwesten größer als anderswo. Sie machen etwa 50 Prozent mehr Umsatz mit dem Export als Handwerksbetriebe im Bundesschnitt. Dies geht aus Zahlen von Handwerk International in Stuttgart hervor, die Organisation begleitet Betriebe beim Schritt jenseits der Landesgrenzen. Stark im Export sind Handwerker etwa beim Messe-, Laden- und Innenausbau sowie in der Medizin.

Wendelin Becherer aus Elzach bei Freiburg ist ein Unternehmer, der seit Jahren Geschäfte in Großbritannien macht. In seinen Möbelwerkstätten arbeiten rund 50 Mitarbeiter. Das Familienunternehmen versteht sich auf den „wertigen Innenausbau“, wie der Chef sich mit einem Anflug von typisch britischer Zurückhaltung ausdrückt. Becherer vertreibt seine Möbel zusammen mit einem Handelspartner in Großbritannien. „Bislang merken wir nichts vom Brexit“, sagt Becherer im Gespräch mit unserer Zeitung. Die Geschäfte liefen unverändert gut. Doch viele Handwerksunternehmen machen sich Sorgen. Laut einer Umfrage des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks (ZDH) befürchten 42 Prozent in der Branche, dass die Umsätze zurückgehen, wenn Großbritannien die EU verlässt. Diese Zahl überrascht, zumal das Handwerk nicht so stark im Exportgeschäft tätig ist wie etwa Auto- oder Maschinenbauer. Je nach Branche variiert die Exportabhängigkeit: Bei gewerblichen Zulieferern aus dem Handwerk etwa beträgt der Auslandsanteil aber immerhin knapp acht Prozent.

Handwerker als Zulieferer

Die Abhängigkeit vom Export ist im Handwerk tatsächlich noch größer, als die Zahlen auf den ersten Blick hergeben. Wenn laut Statistik die Handwerksbetriebe im Südwesten im Export einen Umsatz von 3,7 Milliarden Euro erzielt haben, so ist dies nur die eine Seite der Medaille. Es handelt sich dabei nur um die direkten Exporte, also Waren und Dienstleistungen, die die Betriebe direkt auf die Insel liefern. Hinzu kommen die indirekten Exporte, das heißt Produkte und Dienstleistungen, die Handwerker als Zulieferer in Deutschland erbringen, die dann aber etwa in Autos exportiert werden. Aline Theurer von Handwerk International schätzt, dass die indirekten Exporte noch einmal mit 3,7 Milliarden Euro Umsatz im Jahr zu Buche schlagen. Ende Mai werden die Scheidungsverhandlungen zwischen London und Brüssel losgehen.

Alles deutet darauf hin, dass die Trennung nicht einvernehmlich verläuft. Die britische Premierministerin Theresa May will einen harten Brexit, strebt also den Austritt aus dem Binnenmarkt an. Die Meister, die im Exportgeschäft tätig sind, wissen, dass Ungemach droht. Heute ist es recht leicht, einen Handwerker aus Stuttgart zum Abarbeiten eines Auftrags nach London zu schicken. Wenn es etwa darum geht, eine kaputte Maschine zur reparieren, muss die Servicekraft auch binnen 24 Stunden vor Ort sein. Das könnte künftig schwierig werden. Schlimmstenfalls wird am Kanal Visumpflicht eingeführt. Becherer warnt: „Es wäre für uns eine massive Einschränkung, wenn sich an der Personenfreizügigkeit etwas änderte und wir etwa bei Montagearbeiten vorher zeitaufwendig Einreise- und Arbeitspapiere für unsere Mitarbeiter beschaffen müssten.“

Deutsche Schreiner liefern Möbelteile

Im Großraum London boomt der Wohnungsbau, über eine Million Wohnungen sollen in den nächsten Jahren entstehen. In der englischen Hauptstadt hat sich herumgesprochen, dass deutsche Schreiner Möbelteile in hoher Qualität in Deutschland vorproduzieren und vor Ort einbauen können. Eigentlich sind das gute Aussichten für Handwerker. Doch der Brexit schafft Risiken. Schwierig wird ein Austritt aus der Zollunion, den May anpeilt. „Die Einführung von Steuern und Zöllen wäre ein herber Dämpfer und würde unsere Geschäfte negativ beeinflussen“, so Theurer.

Handwerk als Exporteur


7,3 Prozent der baden-württembergischen Handwerksbetriebe waren 2015 im Ausland tätig. Fast zwei Drittel der exportierenden Unternehmen handeln mit der Schweiz, 48 Prozent mit Frankreich, 46 Prozent mit Österreich. An vierter Stelle kommt Großbritannien. Im Südwesten erwirtschafteten die Betriebe 2015 rund 4,4 Prozent des Umsatzes im Export. Damit ist der Exportanteil Baden-Württembergs deutlich höher als bei Handwerksbetrieben im Bundesdurchschnitt. Hier lag der Exportanteil beim Umsatz 2014 – aktuellere Zahlen liegen nicht vor – bei drei Prozent. In der Regel haben größere Handwerksbetriebe auch einen höheren Exportanteil. Branchen
Als exportstarke Branchen gelten der Messebau, Ladenbau, Innenausbau sowie die Medizintechnik. In Autos, die in höherem Umfang nach Großbritannien exportiert werden, sind Teile enthalten, die von Handwerkern erstellt wurden. Auch im Baubereich erbringen Handwerker Dienstleistungen, die zum indirekten Export zählen.


http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.bayern-studie-viele-handwerker-wollen-ihre-preise-erhoehen.dbf7ebd2-cf9e-4e05-b9ae-3eca59b9b885.html " title=" " class="system-pagebreak">
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