Die Explosion einer Benzinpipeline in Mexiko hat mindestens 79 Tote gefordert. Foto: dpa

In Mexiko sterben Dutzende Menschen bei der Explosion einer illegal angezapften Pipeline. Die Regierung will nun konsequent gegen den organisierten Benzin-Diebstahl vorgehen.

Mexiko-Stadt - Ein ohrenbetäubender Knall, dann schlugen die Flammen an der Benzinpipeline mehrere Meter hoch in den Himmel und griffen auf die Menschen über. Mindestens 79 Tote und 74 Verletzte zählten die Rettungskräfte bis zum Sonntag in Tlahuelilpan im Bundesstaat Hidalgo, nahe Mexiko-Stadt. Es war ein Inferno, das vor allem dadurch zu erklären ist, dass sich zum Zeitpunkt des Unglücks Hunderte Menschen an der Pipeline Tuxpan-Tula befanden und illegal Sprit abzapften. Sie alle traf die volle Wucht der Explosion.

Es ist ein Unglück, das den Blick auf ein Problem lenkt, das Mexiko schon seit Jahren in Atem hält. Benzinraub, Diebstahl auf Bohrplattformen, Demontage von Heliports. Mexikos Mafia macht Milliarden im Öl- und Benzinmarkt. Allein drei Millionen Dollar täglich gehen dem Staatskonzern Petróleos mexicanos (Pemex) und damit der Staatskasse durch illegales „Melken“ der Benzin-Überlandleitungen verloren. Der neue, linksgerichtete Präsident Andrés Manuel López Obrador hat der Organisierten Spritkriminalität jetzt den Kampf angesagt.

Die Mafia beherrscht das Geschäft

Anfang des Jahres ließ die Regierung viele vom Benzinklau betroffene Pipelines stilllegen und postierte Zehntausende Soldaten an den neuralgischen Punkten. Tausende Tankwagen sollen nun die Versorgung übernehmen. Aber die Kesselwagen können die Nachfrage an den Tankstellen nicht annähernd befriedigen. Zudem sabotiert offenbar die organisierte Kriminalität den Transport. Die Folgen sind Benzinknappheit in der Metropole Mexiko-Stadt und Städten in rund einem Drittel der 32 Bundesstaaten, lange Schlangen an den Tankstellen, eine murrende Bevölkerung und zürnende Oppositionspolitiker. Selbst López Obrador räumt ein, dass die Regierung die logistischen Herausforderungen unterschätzt habe. Aber der Präsident bleibt hart: „Es geht darum, den Mafias und Korrupten die Stirn zu bieten“, sagt der 65-Jährige.

Das Unglück vom Wochenende macht verständlich, warum sich der Präsident die Benzinmafia für die erste Machtprobe im Kampf für ein Mexiko ausgesucht hat, in dem das Recht der Gesetze Vorrang vor dem Recht des Stärkeren hat. Nach Angaben der Investigativjournalistin Ana Lilia Pérez organisiert ein tief verwurzeltes und gut organisiertes Netz den Benzinraub, in das die Drogenkartelle, aber auch Mitarbeiter von Pemex involviert sind. „Es gibt den Energiekonzern Pemex und es gibt den Konzern des organisierten Verbrechens Pemex“, sagt die Journalistin, die mehrere Bücher über die dunklen Machenschaften des Unternehmens geschrieben hat.

Die Diebe montieren sogar ganze Hubschrauberlandeplätze ab

Wie groß und anscheinend lukrativ das Geschäft mit dem Energiesektor für die Mafia ist, belegen Zahlen, die das Finanzministerium Ende der Woche veröffentlicht hat. Demnach wurden in den vergangenen sechs Wochen 400 Verdächtige festgenommen, 1831 Ermittlungsverfahren eingeleitet und die Konten von 42 Unternehmen blockiert, unter denen sich mehrere Franchise-Nehmer von Pemex befinden.

Zum Benzinraub kommt der weit verbreitete großflächige Diebstahl von Infrastruktur auf den Förderplattformen. Die Diebe montieren in Komplizenschaft mit Sicherheitsdienst und Pemex-Mitarbeitern Kräne ab und vermieten diese dann wieder an private Firmen, die selbst im Ölgeschäft tätig sind. Erst im November „wurden auf dem Förderkomplex Tsimin gleich drei Hubschrauberlandeplätze abmontiert“, sagt die Journalistin, die wegen ihrer Recherchen immer wieder bedroht wird.

Die aktuelle Situation sei für Präsident López ­Obrador eine gute Gelegenheit, sein Wahlkampfversprechen der Legalität in die Tat umzusetzen, so Analystin María Novoa. Es sei jetzt die Zeit, hart zu bleiben und eine klare und effektive Botschaft zu senden, dass eine solche Verquickung von Staat und ­organisiertem Verbrechen nicht geduldet werde.

López Obrador ist gewillt, den Kampf trotz aller Widerstände auszufechten. Auch wenn die Bilder der Toten vom Pipelinebrand schmerzten, sagte der Präsident am Samstag: „Aber er zeigt nur, wie dringend wir diese Praktiken beenden müssen.“

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