An modernen Swingerclubs, die junge Menschen ansprechen, fehlt es, weiß Expertin Grietje Semar. Foto: imago/Depositphotos

Swingerclubs befinden sich in der Krise. Doch an der fehlenden Nachfrage liegt’s nicht, weiß Grietje Semar, Unternehmensberaterin für die Erotikbranche.

Für Grietje Semar gibt es viel zu tun: Die auf die Erotikbranche spezialisierte Unternehmensberaterin – die erste ihrer Art – arbeitet täglich mit Erotikshops, Pornokinos und Swingerclubs zusammen, die nicht mehr in das Jahr 2026 passen. Nicht mal ins Jahr 2000, wenn man es genau nimmt. „Da wurde vieles verschlafen“, sagt die Expertin aus dem Raum Stuttgart. Viele Betriebe stehen vor dem Aus. Woran das liegt? Viele in der Erotikbranche seien wie die Jungfrau zum Kinde gekommen, hätten das Unternehmen entweder von jemand anderem übernommen oder es aus privatem Interesse angefangen – mit wenig oder keinem unternehmerischem Knowhow.

 

Verstaubt und verschlafen: das Dilemma der Erotikbranche

Als zwangsläufig dann die roten Zahlen kamen, wurden die Swingerclubs und Co. von der Unternehmensberatung entweder abgetan oder „sie haben sich gar nicht erst getraut, bei den entsprechenden Instanzen um Hilfe bei der Unternehmensführung zu bitten, da es schwer ist, jemandem von außen die Eigenheiten der Erotikbranche zu erklären“, weiß Semar.

Das Schubladendenken ist aus den Köpfen der Menschen schwer herauszubekommen, bei vielen, die nichts mit der Szene zu tun haben, gingen direkt die Rotlicht-Alarmglocken an, wenn sie „Erotikbranche“ hören. Semar und ihr Partner sind privat hingegen selbst Teil der BSDM-, Fetisch- und Swingerszene. Die Unternehmensberaterin weiß, womit sie es zu tun hat, kennt die Eigenheiten, Stolperfallen, Fachtermini und Beteiligten persönlich.

Die stille Krise: Warum Swingerclubs sterben, obwohl die Lust groß ist

Die Mittdreißigerin ist in ihrem Arbeitsalltag täglich im Austausch mit verschiedensten Akteuren und kennt die Wehwehchen der einzelnen Sparten. „Mir ist die Arbeit zum Teil auch eine Herzensangelegenheit“, seufzt sie mit Blick auf schäbige Leuchtreklamen, antiquierte Deko und noch antiquiertere Webauftritte. Viele Swingerclubbesitzer kenne sie persönlich. Und bei vielen sähe es nicht rosig aus. „Diesem Teil der Branche geht es extrem schlecht, in den letzten fünf bis zehn Jahren hat über die Hälfte der Clubs in Deutschland zugemacht“, erklärt sie.

Natürlich wirkte die Pandemie auch wie ein Brandbeschleuniger, doch gar nicht so selten sei es auch auf Misswirtschaft zurückzuführen, wie Semar sagt. Denn Nachfrage und ein Publikum seien an sich da, teils nehmen die Swingenden lange Anfahrten quer durch die Republik auf sich, um zum nächsten Swingerclub zu gelangen.

Auch was LGBTIQ*- und Flinta*-Angebote angeht, sei bei den meisten Clubs noch sehr viel Luft nach oben, findet Semar. „Solche Angebote sind gerade in der Swinger- und BDSM-Szene erst am Kommen – und das ist eigentlich schon 20 Jahre zu spät.“ Dabei liege das ganz und gar nicht daran, dass man dem gegenüber feindlich eingestellt sei, „ganz im Gegenteil“, betont die Expertin. „Sie wissen nur oft nicht, wie sie das Publikum abholen können. Gerade die neue Generation fühlt sich vom alten Angebot und Auftritt selten angesprochen.“ Die optische Umsetzung sei ein Punkt, die Themen Consent, Sicherheit und Awareness noch andere, bei denen sehr viel Verbesserungsbedarf herrsche.

Grietje Semar berät unter anderem Swingerclubs dabei, wie sie sich zeitgemäß als Betrieb der Erotikbranche aufstellen. Foto: Lichtgut/Ferdinando Iannone

Als herausstechendes Positiv-Beispiel nennt sie die Veranstaltungsreihe „Female only“, die unter anderem im frauengeführten Swingerclub Lilith in München stattfindet. Dort sei nicht nur eine alle Geschlechter ansprechende Atmosphäre und Umgebung geschaffen worden. „Sie – eine einzelne Frau, die sich ‚Blue’ nennt – hat dort auch ein Veranstaltungskonzept mit der Hilfe von ganz vielen Frauen nur für weiblich gelesene Personen hochgezogen“, berichtet Semar begeistert. „Das ist richtig cool und man hat ein ganz anderes Partygefühl.“ Es gäbe sie, die Glanzlichter in der Branche, sagt die Expertin, nur eben nicht so viele.

Einen Swingerclub eröffnen? Die unterschätzte Chance für Gründer

Per se davon abraten, einen Swingerclub neu zu eröffnen, würde sie nicht. Gerade wenn man auf den Süden des Landes schauen würde, täte sich da eine große Lücke auf, obwohl genügend Bedarf da sei. „Wenn man eine geeignete Location findet, in der man tatsächlich einen Swingerclub oder BDSM Club eröffnen kann, und man ist einigermaßen gut vernetzt in der Szene, um das Publikum auf sich aufmerksam zu machen und reinzuholen, dann lohnt sich das. Und der Investitionsaufwand ist auch nicht so hoch wie viele denken.“

Die Swingerszene suche in erster Linie einen lokalen Ort, an dem sie zusammenkommen kann, der müsse nicht riesig sein, weiß Grietje Semar. Foto: imago/Dreamstime/xDreamstimexTsuguliev

Viele Gründer hätten ein Bild von einem zwei- bis dreihundert Menschen fassendem Club, in dem dann am besten noch eine Sauna und Whirlpool untergebracht sind. „Fakt ist aber, dass es reicht, einen Ort anzubieten, an dem die Leute zusammenkommen können. Nicht unbedingt im großen Rahmen, sondern gerne auch lokal orientiert. Vergrößern kann man sich dann immer noch.“ Einen Club aufzumachen, koste bei 500 Quadratmetern rund drei bis vier Millionen Euro, je nachdem, ob noch Renovierungsarbeiten am Objekt selbst anfallen und an welchem Standort man ihn eröffnen möchte, rechnet sie vor.

Die größte Hürde: Wo darf mein Swingerclub überhaupt hin?

Das Schwierigste sei dabei in der Tat die Location. „Swingerclubs laufen unter der Kategorie Vergnügungsstätten und dürfen zum Beispiel nur in speziellen Gebieten sein, etwa Mischgebieten. Keinen reinen Wohn- oder Industriegebieten“, klärt sie auf, „das wissen viele nicht, die etwas in die Richtung gründen möchten.“ Viele ihrer Kunden kämen daher zu ihr, um sich Hilfe bei der Immobiliensuche und Standortberatung zu holen. „Ich bekomme fünfmal im Jahr eine Mail von Pärchen, die seit zwei Jahren in den Swingerclub gehen und nun selbst einen eröffnen möchten“, sagt sie lächelnd.

Die meisten ihrer Kunden fänden sie über die Websuche. „Sie suchen nach ‚Wie eröffne ich einen Swingerclub?‘ oder ähnlichem“, berichtet die Selbstständige. Dabei ist sie auf allen gängigen Social-Media-Plattformen wie Instagram, Facebook, Pinterest und Youtube vertreten, „dort finden mich aber eher Privatleute.“ Die lassen sich von Semar unter anderem bei der Einrichtung ihres Spielzimmers, wie in der Szene Fetisch- und/oder BDSM-Räume genannt werden, beraten.