Die meisten wollen nur einen Menschen lieben – die Realität sieht anders aus. Foto: imago/Pond5 Images

Mindestens ein Viertel der Menschen ist schon in Beziehungen fremdgegangen, polyamore Beziehungen sind auf dem Vormarsch. Sind wir also gar nicht für die Monogamie gemacht?

Mehr als die Hälfte, exakt 53 Prozent der Menschen in Deutschland halten Monogamie für „nicht natürlich“. Das zumindest ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov. Etwa ein Drittel bis ein Viertel der Menschen hierzulande ist in einer Beziehung schon fremdgegangen. Manche kommen zum Ergebnis, dass Frauen (33 Prozent) öfter fremdgehen als Männer (27 Prozent), wie etwa eine Erhebung des Portals Elitepartner ergab. In anderen Umfragen ist es auch andersherum.

 

Ein Ideal, das von den Wenigsten gelebt wird

Wenn Menschen von Monogamie reden, meinen sie meistens serielle Monogamie. Also: Zum jeweiligen Zeitpunkt gibt es einen Partner oder eine Partnerin, übers Leben verteilt aber mehrere. Menschen in Deutschland haben über ihr Leben verteilt etwa acht Sexpartner, das ergibt etwa die sogenannte „Studie zu Gesundheit und Sexualität in Deutschland“. Und durchschnittlich haben Menschen in Deutschland laut einer Umfrage von Elitepartner 3,8 Beziehungen. Ebenso glauben zwei von drei Menschen an die eine große Liebe, die ein Leben lang hält, so eine Umfrage von Parship.

Monogamie gilt also mehrheitlich als Beziehungsideal, auch wenn sie von den meisten Menschen nicht gelebt wird – und polyamore Beziehungsmodelle mit mehreren festen Partnerinnen und Partnern beliebter werden. Aber ist Monogamie für Menschen nun etwas Natürliches? „Alles kommt in der Natur vor, wir müssen nichts unnatürlich nennen“, sagt Franca Parianen, Neurowissenschaftlerin aus Berlin.

Man könne vor allem zwei biologische Aspekte heranziehen, um die Natürlichkeit der Monogamie zu beurteilen, so Parianen. Zum einen seien Menschen nicht so gemacht, „dass eine Person ein Kind großziehen kann. Unser unglaublich hilfloser Nachwuchs, der am Beginn nicht mal seinen Kopf halten kann, braucht am Anfang die Versorgung von eigentlich sogar mehr als zwei Personen.“ Das heißt: Monogamie würde vor allem in dieser Phase Sinn ergeben.

Wo Männer mit Gorillas und Schimpansen nicht mithalten

Bei unseren Verwandten in der Natur gibt es durchaus gelebte Polygamie. „Wir sehen bei den Gorillas eine Haremsstruktur. Damit jemand einen Harem bilden kann, muss er aber – wie die Gorillamännchen – sehr viel größer sein als die Frauen, man braucht also starke Geschlechterunterschiede. Die Schimpansen dagegen haben eine Jeder-mit-jedem-Kultur, da muss man sich biologisch durchsetzen. Man braucht eine hohe Spermienquantität und -qualität“, sagt Parianen. Beides, der Größenunterschied und die Spermien, sind laut Parianen bei Männern aber eher mittel ausgeprägt.

„Das spricht dafür, dass wir weder für Polyamorie noch für Monogamie in Reinform gemacht sind“, sagt sie. „Menschen trennen sich relativ häufig nach drei bis vier Jahren. Das ist ungefähr die Zeit, die es braucht, um ein Kind aus dem Gröbsten rauszubringen. Deswegen sagen manche Forscherinnen und Forscher, dass wir Serien-Monogamisten sind.“

Es kommt auch auf den Bindungstyp an

Es gebe Faktoren, die Einfluss darauf hätten, wie monogam oder polyamor wir leben würden, sagt Parianen: „Es gibt auch genetische Unterschiede, manche haben etwa mehr Oxytocin-Rezeptoren im Gehirn als andere.“ Diese Rezeptoren machen uns fähig, eine längerfristige Bindung einzugehen. Und es gebe soziale und epigenetische Unterschiede, „zum Beispiel, wie viel Stress oder Liebe wir als kleines Kind erlebt haben“. Das beeinflusse etwa, ob man als Erwachsener eine Berührung eher beruhigend oder als unangenehm empfinde, also welcher Bindungstyp man sei.