Auf der Streuobstwiese sprießt der erste wilde Schnittlauch – für Nadja Münster eine gute Ergänzung im Fastensüppchen. Foto: Gottfried / Stoppel

Nadja Münster aus Berglen fastet seit mehr als 25 Jahren. Ihre Erkenntnis: Jeder muss herausfinden, was für ihn das Beste ist. Sie erklärt, wie das geht.

Berglen - Wenn Nadja Münster im Frühjahr an ihren Gelenken merkt, dass es wieder einmal Zeit fürs Fasten ist, dann orientiert sie sich bei der Wahl des Zeitpunkts an vielem – aber nicht am Kalender. Sie schaut, ob im Garten oder auf der Wiese schon die ersten Wildkräuter für ihre Fastensuppe wachsen. Ob es warm genug ist, dass sie beim Fasten nicht viel frösteln muss. Und ob der geplante Zeitpunkt zu ihrem persönlichen Zyklus passt. Der heutige Aschermittwoch, sagt sie, wäre für sie jedenfalls nicht der richtige Zeitpunkt. Sie wartet lieber bis zum nächsten Vollmond am 18. März. Noch besser wäre eigentlich der April – aber da würde das Fasten dieses Jahr mit den Osterferien kollidieren. Eine fastende Mutter und vier Kinder zu Hause – das geht gar nicht.

 

Wichtig ist nicht nur die Planung, sondern auch die Vorfreude

Wie jedes Mal beginnt ihre Fastenkur mit einer Phase der Vorfreude. Dieses Jahr will sie deutlich mehr als die empfohlenen zwei Entlastungstage am Anfang absolvieren: Zum ersten Mal wird sie eine ganze Woche lang vegan und kohlenhydratarm essen. „Ich merke einfach, dass es mir besser geht, je länger ich entlaste“, sagt sie. Der Stoffwechsel stelle sich dann schon in dieser Zeit auf die sogenannte Ketose um, auf die Verbrennung von körpereigenem Fett also.

Diese Umstellung kommt sonst erst am zweiten oder dritten Fastentag und sorgt dann für ein, zwei Tage Unwohlsein, die sogenannte „Fastenkrise“. Das schreckt viele ab. Dabei muss nach Nadja Münsters Erfahrung das Fasten nicht schwerfallen. Seit die 50-Jährige nach ihren eigenen Regeln fastet, hat sie keine Fastenkrise mehr erlebt.

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Wie ein roter Faden zieht sich das Fasten durch das Leben der vierfachen Mutter, die mit ihrer Familie in Berglen lebt und schon lange bei den Landfrauen aktiv ist. 1997, als sie ihre Ausbildung zur Heilpraktikerin absolvierte, probierte sie neben vielen anderen Dingen auch zum ersten Mal das Fasten aus. Damals hielt sie sich streng an die Regeln der Buchinger-Methode: Einmal pro Tag gab es eine klare Gemüsebrühe, als zweite Mahlzeit etwas frisch gepressten Saft, dazu viel Tee, und das fünf Tage lang. „Ein Graus“, sagt sie. Schrecklich fand sie auch die F.-X.-Mayr-Kur, bei der man trockene Brötchen kauen muss.

Fencheltee hilft, den Hunger zu mildern

Trotzdem ist sie dabei geblieben. Inzwischen orientiert sie sich beim Fasten an den Erkenntnissen von Hildegard von Bingen, einer Äbtissin und Universalgelehrten aus dem 11. Jahrhundert, die Gemüse wie Fenchel und Dinkel schätzte, vom Genuss der Nachtschattengewächse aber abriet.

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Auch Nadja Münster hat den Fencheltee bei Fastenkuren schätzen gelernt. Er nimmt ihrer Erfahrung nach den Hunger. Dazu gibt es mittags und abends eine kleine Schüssel Dinkelsüppchen. Dafür kocht sie eine Handvoll Gemüse und gibt zwei Esslöffel Dinkelgrieß in die Suppe. Abends macht sie sich einen Leberwickel: Auf die rechte Bauchseite kommt ein feuchtes Tuch, darauf die Wärmflasche, dann deckt man sich zu. In der Fastenzeit nimmt sie sich für solche Gesundheitsrituale viel Zeit – sei es Trockenbürsten, Yoga und Ölziehen. In der Summe, sagt sie, addieren sich diese Kleinigkeiten. „Unsere Autos bringen wir schließlich auch jedes Jahr zur Inspektion – das Fasten ist für den Körper ganz ähnlich“, sagt Münster. Bis zum Beginn der Pandemie hat sie bei den Landfrauen regelmäßig Fastenkurse angeboten. Die Gruppen treffen sich dann während der fünf Fastentage abends auf eine Tasse Tee, um sich auszutauschen. Für Anfänger sei das ideal, sagt sie. Man bleibe dran, auch wenn man mal einen Durchhänger hat.

Entlasten mit Leberkäsweckle – eher nicht empfehlenswert

Wie zum Beispiel jener Mann, der von seiner Frau zur Fastengruppe mitgeschleppt worden war. Am Entlastungstag war er im Wald, um Holz zu schlagen. Gemüse war da nicht drin. Die letzte Mahlzeit vor der fünftägigen Enthaltsamkeit bestand aus zwei Leberkäsweckle – das widersprach sämtlichen Regeln. „Er hat zum Glück kein Bauchweh bekommen“, sagt Münster. Im Gegenteil: Er werde auf jeden Fall wieder fasten, sagte der Teilnehmer am Ende damals begeistert.

Seit 15 Jahren führt Nadja Münster bei jeder Fastenwoche Tagebuch, immer im gleichen Notizbuch: Warum faste ich? Was erwarte ich mir davon? Was soll sich ändern? „Im Prinzip sind es immer die gleichen Dinge“, sagt sie beim Durchblättern dieser Notizen. „Ich will mehr auf mich hören“, heißt es da. Oder: „Das Tempo drosseln, auf meine innere Uhr hören.“ Ein bis zwei Kilo Gewicht hat sie in der Regel verloren. Aber nicht nur das: Auch die Seele befreie sich von Müll, sagt sie. Das dürfe man nicht unterschätzen. Auch dabei sei Begleitung hilfreich.

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Angesichts des Kriegs in der Ukraine hat sie in den vergangenen Tagen an ihrem Vorhaben gezweifelt. Es schien Luxus, angesichts der Not im Krisengebiet, wo viele Menschen nichts zu essen haben. Dann rang sie sich dazu durch, es wie geplant durchzuziehen. „Es lässt mich das Essen, das ich habe, wieder anders wertschätzen. Und etwas Ehrfurcht zu haben, das schadet in diesen Zeiten nicht“, sagt Nadja Münster.