In der Coronakrise entstehen viele neue Begriffe. Die Sprachwissenschaftlerin Annette Klosa-Kückelhaus vom Leibniz-Institut für Deutsche Sprache beobachtet die Entwicklung und erklärt, was das besondere an der Corona-Sprache ist und welche Wortschöpfungen heute schon legendär sind.
Mannheim - Das Coronavirus hat nicht nur unseren Alltag, sondern auch unsere Sprache verändert. Das Leibniz-Institut für Deutsche Sprache in Mannheim ist die zentrale wissenschaftliche Einrichtung zur Dokumentation und Erforschung der deutschen Sprache. Dort kommt man mit dem Aufspüren und Sammeln der neuen Begriffe rund um Corona derzeit kaum hinterher, da beinahe täglich neue Wortschöpfungen hinzu kommen. Die Sprachwissenschaftlerin Annette Klosa-Kückelhaus leitet den Programmbereich Lexikographie und Sprachdokumentation und erklärt im Interview, wie die Krise unsere Sprache beeinflusst.
Frau Klosa-Kückelhaus, es gibt inzwischen so viele neue Wortschöpfungen, dass man ein ganzes ABC daraus machen kann. Was ist ihr aktueller Favorit?
Das Wort habe ich erst diese Woche entdeckt und es ist der Hygienehaken. Das ist ein Gegenstand, den man in die Hand nimmt und der vorne mit einem Haken versehen ist. Mit dem kann man kontaktfrei und hygienisch Einkaufswägen schieben oder Türen aufmachen.
Also eine Art Piratenarm?
Ja genau. Kann man wohl auch demnächst beim Discounter kaufen. Davor war mein Lieblingswort der Geistermeister. Ein Begriff aus dem Fußball und anderen Sportwettbewerben, die nun vorerst ohne Zuschauer stattfinden. Meister wird es aber trotzdem geben, Geistermeister eben.
Außergewöhnliche Ereignisse prägen die Sprache – hat die Coronakrise unseren Wortschatz besonders stark verändert?
Ja, da die Krise den Alltag aller Menschen massiv beeinflusst, haben sich in fast allen Lebensbereichen Wörter herausgebildet: in der Arbeits- und Freizeitwelt, auf der Schul- und Universitätsebene, im medizinischen und im politischen Bereich. Wobei wir nicht wissen, welche Worte überdauern und welche wieder aus dem Wortschatz verschwinden werden. Bei einem Begriff wie Balkonkonzert bin ich mir nicht sicher, ob er sich halten wird.
Welche Ereignisse haben den Sprachgebrauch ebenfalls geprägt?
Annähernd so stark wie die Coronakrise hat in Deutschland zuletzt die Wiedervereinigung den Sprachgebrauch beeinflusst. Denken Sie an Ossi und Wessi, Begrüßungsgeld oder Buschzulage. Auch von den Anschlägen auf das World Trade Center 2001 ist manches geblieben: Nine-Eleven oder Ground Zero.
Manche Politiker haben in der Coronakrise Kriegsvokabular verwendet, was bezwecken sie damit?
Damit soll, wie im Fall der USA, eine bestimmte Anhängerschaft bedient werden oder es ist eine kulturell gewachsene emotionale Rhetorik, wie in Frankreich. In Deutschland ist das tabu, es wird Wert auf eine neutrale, sachliche Kommunikation gelegt.
Was mit dem Begriff Öffnungsdiskussionsorgien aber gründlich danebengegangen ist.
Ja, das ist richtig. Damit hat Angela Merkel vermutlich unfreiwillig einen erstaunlich emotionalen Begriff geprägt. Orgie selbst bedeutet, etwas ist zügellos und maßlos, die Kritik steckt bereits im Wort. Es gibt Wörter, die wecken sofort Assoziationen oder Emotionen wie zum Beispiel das Geisterspiel. Das Wort gab es schon vor Corona und ist negativ konnotiert, weil ein Spiel ohne Zuschauer ursprünglich als Strafe verhängt werden konnte.
Vereint die Coronasprache die Menschen?
Die ganze Krise vereint die Menschen, man hat einen gemeinsamen Bezugspunkt, was sich in der Sprache und neuen Wortschöpfungen ausdrückt.