Eine Krebs-Diagnose bringt für Betroffene und ihre Familien mitunter auch finanzielle Sorgen auf. Reicht das Krankengeld? Und wer sorgt im Zweifel für die Familie? Spezielle Versicherungen sollen solche Risiken absichern. Doch Experten raten zur Vorsicht.
Stuttgart - Es ist ein starkes Szenario, mit dem ein Anbieter für eine Krebsversicherung dafür wirbt, sich entsprechend abzusichern: „Wenn du an Krebs erkrankst, fehlt dir Geld. Denn das Krankengeld ist niedriger als dein Gehalt. Es kann sein, dass du deinen Job verlierst. Wer sorgt dann für deine Familie?“ Das Versprechen der Versicherung: „Solltest du oder dein Kind an Krebs erkranken, bekommst du schnell und unkompliziert eine Auszahlung. Beispielsweise 50 000 Euro.“
Nach Herz-Kreislauferkrankungen gehört Krebs zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland. Für das Jahr 2020 gehen Fachleute dem Deutschen Krebsforschungszentrum zufolge von mehr als 500 000 Krebsneuerkrankungen aus. Warum man sich eine spezielle Krebsversicherung dennoch genau überlegen sollte.
Was ist eine Krebsversicherung überhaupt genau?
Eine Krebsversicherung schützt weder vor der Krankheit noch hat sie etwas mit den regelmäßigen und wichtigen Vorsorgeuntersuchungen zu tun. Krebsversicherungen zahlen einzig für den Fall, dass man eine Krebsdiagnose bekommt einmalig Summen bis zu 100 000 Euro aus. Teilweise werden noch zusätzliche Leistungen wie Chefarztbehandlung, Einzelzimmer oder schnellere Arzttermine angeboten.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Diagnose Krebs – Wie sag ich’s meinem Kind?
Wie hoch sind die Beiträge für eine solche Versicherung?
Das kommt sehr auf Alter, Vorerkrankungen und Wert der Police an sowie auf die Konditionen des jeweiligen Anbieters. Peter Grieble, Versicherungsexperte bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg rechnet beispielsweise für einen 56-jährigen Mann ohne Vorerkrankungen vor, dass bei einer Summe von 50 000 Euro im Krankheitsfall rund 450 Euro pro Jahr für die Versicherung fällig werden. Ein 24-Jähriger zahlt etwa 350 Euro jährlich, wenn er 100 000 Euro versichern will.
Sind alle Krebsarten versichert?
„Die Versicherer definieren unterschiedlich, bei welchen Krebsformen sie leisten und welche Formen und Krebsstadien sie ausschließen“, sagt Versicherungsexperte Peter Grieble von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Wer in den letzten Jahren einen Tumor hatte, wird meist nicht versichert.
Was kann man mit dem Geld aus der Krebsversicherung machen?
Das steht dem Versicherten völlig frei. „Das Geld ist nicht an eine Behandlung oder an andere Sachkosten gebunden“, sagt Versicherungsexperte Peter Grieble. Man könne es einsetzen, um beispielsweise eine teure Spezialbehandlung im Ausland in Anspruch zu nehmen, für welche die Krankenkasse nicht aufkommt. „Man kann damit aber auch einfach noch eine Weltreise machen oder es den Angehörigen geben.“ Oder man setzt es für den Gehaltsausfall ein, sollte man keine Berufsunfähigkeitsversicherung haben. Dann jedoch kommt man mit 50 000 Euro nicht sehr weit, sollte die Krankheit längere Zeit dauern.
Wann wird das Geld ausgezahlt?
Der Anbieter Getsurance verspricht zu zahlen, sobald das Attest des Facharztes vorliegt sowie eine Bescheinigung der Krankenkasse, welche Behandlungen man in den vergangenen 18 Monaten hatte. Die Nürnberger Versicherung wirbt damit, dass das Foto eines Facharztberichtes ausreicht. Auch die Hanse Merkur zahlt eigenen Angaben zufolge direkt nach Diagnose.
Für wen sind Krebsversicherungen zu empfehlen?
Die grundsätzliche Idee, schwere Krankheiten abzusichern, kann nach Ansicht von Peter Grieble von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg für den einen oder anderen Verbraucher bedarfsgerecht sein. „Dann etwa, wenn jemand im Falle einer schweren Krankheit davon ausgeht, dass er einiges an Geld braucht – wofür auch immer.“
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: So kämpfen Berufsunfähige um ihre Versicherung
Allerdings sieht er eine solche Versicherung als zusätzliche Versicherung an, wenn man bereits eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) hat. „Die BU ist für sehr viele Menschen viel bedeutender“, sagt Peter Grieble.
Warum sollte man auf jeden Fall eine Berufsunfähigkeitsversicherung haben?
Die BU zahlt bei allen Krankheiten und Unfällen, wenn man dadurch berufsunfähig wird. „Deshalb versichert nur die BU umfassend den Einkommensstrom, der durch die Berufsunfähigkeit verloren geht“, sagt Peter Grieble. Auch der Bund der Versicherten weist darauf hin, dass Krebs nur in 15 Prozent der Fälle Grund für eine Berufsunfähigkeit ist. Die anderen 85 Prozent der Fälle seien nicht abgesichert, wenn man sich allein auf eine Krebsversicherung verlasse. Deshalb sei die BU allemal empfehlenswerter.
„Das gilt übrigens auch für Hausfrauen oder Hausmänner, auch diese können ihre Tätigkeit absichern lassen“, sagt Bianca Boss vom Bund der Versicherten. Das Gegenargument der Anbieter wie Getsurance: Nicht jeder kann sich die teurere Berufsunfähigkeitsversicherung leisten. Hier kostet eine umfassende und leistungsstarke Police rund 750 Euro jährlich. Das ist fast doppelt so viel wie der Beitrag für eine Krebsversicherung. Und manche Berufsgruppen bekämen – wenn überhaupt – nur schwer einen Vertrag. In solchen Fällen sei es auf jeden Fall sinnvoller, sich zumindest etwas absichern zu können, statt gar keine Absicherung zu haben, so der Anbieter Getsurance.
Kann man sich auch gegen andere schwere Krankheiten versichern lassen?
Ja. Schon lange sind so genannte Schwere-Krankheiten-Versicherungen (Dread Disease) auf dem Markt. Sie sichern mehrere Krankheiten ab – und haben damit einen klaren Vorteil gegenüber reinen Krebsversicherungen. „Denn woher will ich wissen, dass ich gerade Krebs bekomme?“, fragt Versicherungsexperte Peter Grieble.
Auch diese Versicherungen sieht er aber nur als Zusatz zu einer Berufsunfähigkeitsversicherung. Sei nach Abschluss einer solchen BU-Police noch Geld übrig und man habe beispielsweise im Falle einer schweren Krankheit den Wunsch nach einer teuren Reise, könne man über einen solchen Abschluss nachdenken. Bianca Boss gibt zu bedenken, dass psychische Erkrankungen und Rückenkrankheiten in diesen Versicherungen meist ausgeschlossen sind. Genau daran erkranken aber sehr viele Deutsche.
Was ist der Unterschied zu Krankenzusatzversicherungen?
Wer sich außerhalb der Schulmedizin bei egal welcher Krankheit behandeln lassen möchte, muss die Leistungen oft selbst zahlen. Alternative Behandlungsmöglichkeiten gehören der Stiftung Warentest zufolge in der Regel nicht zum Leistungskatalog der Krankenkassen. Abhilfe schaffen können private Ergänzungstarife, die Heilpraktiker-Leistungen oder Naturheilverfahren bezuschussen.
Auch manche Vorsorgeuntersuchungen wie zusätzliche Krebsfrüherkennungsuntersuchungen können gesetzlich Versicherte über eine Zusatzversicherung abdecken. „Ob man das wirklich braucht, ist bei unseren guten gesetzlichen Krankenversicherungen aber fraglich“, sagt Bianca Boss.
Welche Versicherungen man wirklich braucht
Absicherung
Mehr als 2000 Euro geben die Deutschen im Schnitt pro Jahr für Versicherungen aus – nicht immer für die richtigen, wie Verbraucherschützer betonen. Zunächst einmal sollte man existenzielle Risiken durch eine Versicherung absichern, also alle Schäden, die einen in den finanziellen Ruin treiben würden. An erster Stelle steht hier den Experten von Verbraucherzentrale und Stiftung Warentest zufolge die private Haftpflichtversicherung, gefolgt von der Berufsunfähigkeitsversicherung.
Familien
Versicherungen wie die Risikolebensversicherung oder eine Kinderinvaliditätsversicherung sind für Familien mit Kindern relevant. Wer Wohneigentum besitzt, braucht eine Wohngebäudeversicherung und sollte bei entsprechendem Wert des Hausrats auch diesen absichern.