StN-Mittendrin: Diskussion über den Wandel der Stadt im Delphi-Kino. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Eine Stadt bewegt sich zwischen den Interessen von Investoren, Politik und Bewohnern. Viele haben den Eindruck, der Kommerz dominiere alles. Doch es tun sich Lücken auf, die sich für die Bürger nutzen lassen. So wie demnächst unter der Paulinenbrücke.

Stuttgart - Gleich zu Beginn brandet Beifall auf unter den rund 150 Besuchern, die am Dienstagabend ins Delphi-Kino gekommen sind. Als StN-Titelautor und Moderator Sven Hahn bekannt gibt, dass sich der Gemeinderat am selben Tag dafür entschieden hat, unter der Paulinenbrücke Parkplätze zum öffentlichen Aktionsraum umzuwandeln, steigt die Stimmung. Nicht zuletzt deshalb, weil viele Vertreter des Vereins Stadtlücken in die Tübinger Straße gekommen sind, um bei der Diskussionsrunde Mittendrin unserer Zeitung über die Stadtentwicklung zu reden. Und eben dieser Verein fordert seit einiger Zeit vehement, aus diesem „Unort“ etwas Lebendiges zu machen.

Zum Wandel der Stadt und zum Umbruch im Gerberviertel finden Sie hier unsere Multimedia-Reportage

Der Stadtlücken-Vertreter auf dem Podium ist denn auch voll des Lobes. „Wir freuen uns wahnsinnig, dass die Entscheidung so gefallen ist. Wir hätten vor einem Jahr noch nicht gedacht, dass dieser Raum dem Viertel zurückgegeben wird“, sagt Sebastian Klawiter. Wenn man von der Stadt ins Boot geholt werde, wolle man gemeinsam mit den Anwohnern Ideen für die Fläche entwickeln. Was das sein könnte, darüber gehen die Meinungen noch auseinander. Nur Aktionsfläche? Oder doch auch individueller Handel und Gastronomie? Hannes Steim, Macher des Fluxus in der Calwer Passage, könnte sich dort „eine moderne Interpretation des Dorfmarktplatzes“ auch mit regelmäßigen Veranstaltungen vorstellen. Und für Veronika Kienzle, Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, ist vor allem wichtig, „dass aus dieser Resterampe der Stadt, diesem toten Blech, etwas Beseeltes wird, das die Menschen, die dort leben und arbeiten, zusammenbringt“.

Schwierige Lage des stationären Einzelhandels

Das Delphi-Kino ist für die Diskussion der richtige Ort. Denn das Gerberviertel steht wie kaum ein anderes Quartier in Stuttgart für Wandel. In den vergangenen Jahren ist dort viel passiert - vom sogenannten Shared Space in der Tübinger Straße, einer Verkehrsfläche mit gleichen Rechten für alle, bis hin zum fast 300 Millionen Euro teuren Gerber-Einkaufszentrum der Württembergischen Lebensversicherung. Deren Vertreter Klaus Betz spricht über die Schwierigkeiten, anhand langer Planungs- und Bauzeiten überhaupt abzuschätzen, welche Nutzung am Ende sinnvoll für ein Großprojekt sein könnte. Und er bekennt offen: Aufgrund der schwierigen Lage des stationären Einzelhandels würde man das Gerber heute wohl anders planen: „Aus heutiger Sicht würden wir sicher mehr Wohnungen bauen.“ Dennoch habe das Projekt dazu geführt, das gesamte Umfeld aufzuwerten – da sind sich die Experten weit gehend einig.

Konkurrenz im Internet

Die Entwicklung der Stadt bereitet dennoch vielen Sorgen. In den vergangenen Jahren sind mit dem Gerber, dem Milaneo und anderen Projekten große Handelsflächen hinzugekommen. Gleichzeitig kämpfen die Läden mit der Konkurrenz im Internet und dem neuen Angebot in den Einkaufszentren. „Das ist ein zweischneidiges Schwert, denn im Städtewettbewerb brauchen wir Fläche, Auswahl und Angebot, um Menschen anzulocken“, sagt Citymanagerin Bettina Fuchs. Gleichwohl räumt sie ein: „Hätte man die Entwicklung vorhergesehen, hätte die Politik wohl in kleineren Dimensionen geplant.“

So bleibt bei manchem der Eindruck, den Hannes Steim so formuliert: „In den Innenstädten ist jeder Quadratzentimeter darauf getrimmt, möglichst viel Geld umzusetzen. Da geht es nicht um die Bedürfnisse der Leute, die dort wohnen.“ Es sei denn, es tut sich zumindest eine kleine Lücke auf. So wie demnächst unter der Paulinenbrücke.

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