Ärzte bieten alle vorgegebenen Impfungen an. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Experten schlagen Alarm: Gegen viele wichtige Infektionskrankheiten werden in Baden-Württemberg zu wenige Kinder und Jugendliche geimpft.

Stuttgart - Experten schlagen Alarm: In Baden-Württemberg sind Kinder und Jugendliche deutlich schlechter als in anderen Bundesländern vor Infektionskrankheiten geschützt. So haben laut dem Gesundheitsreport 2019, den die Krankenkasse Barmer am Montag in Stuttgart vorgelegt hat, nur 86,2 Prozent der Sechsjährigen im Land die erste und zweite Masern-Impfung erhalten. Im Ländervergleich habe nur Sachsen eine noch niedrigere Impfquote. Nach Zahlen des Robert-Koch-Instituts liegt der Südwesten beim Anteil der Sechsjährigen mit vollständigem Masern-Impfschutz sogar auf dem letzten Platz.

 

Auch bei anderen Impfungen schneidet Baden-Württemberg schlecht ab. Insgesamt wird nach Angaben der Barmer bei keiner der 13 wichtigsten Infektionskrankheiten eine Impfquote von 95 Prozent erreicht. Dieser Wert ist Epidemiologen zufolge aber nötig, um den sogenannten Herdenschutz sicherzustellen – also auch solche Menschen zu schützen, die sich nicht oder noch nicht impfen lassen können wie etwa Schwangere und Babys.

Geringe Akzeptanz von Impfungen

„Die geringe Akzeptanz von Impfungen in Baden-Württemberg macht eine Ausrottung von Infektionskrankheiten wie Masern oder Röteln unmöglich“, sagte Barmer-Landeschef Winfried Plötze. Wer sich oder seine Kinder nicht impfen lasse, verhalte sich unsolidarisch. Hinzu komme, dass Impflücken aus der Kindheit in der Regel im Erwachsenenalter nicht mehr geschlossen würden. Das im Bundestag beschlossene Masernschutzgesetz sei ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung.

Plötz nannte eine ganze Reihe von Gründen für die geringe Impfbereitschaft. So würden viele Infektionskrankheiten nicht als gefährlich empfunden, weil sie kaum noch aufträten. Weitere Ursachen seien die Angst vor Impfschäden, aber auch der Alltagsstress, der viele Menschen von Impfungen abhalte. Sowohl bei Menschen mit niedriger Bildung als auch bei solchen mit hoher seien die Impfquoten tendenziell niedriger. „Bildung schützt nicht vor irrationalen Ängsten“, sagte die Leiterin des Landesgesundheitsamts, Karlin Stark.

Ziel ist eine Quote von 95 Prozent

Sozialminister Manfred Lucha, der sich bereits zuvor für eine Impfpflicht ausgesprochen hatte, beziffert die Zahl der harten Impfverweigerer aber nur auf etwa zwei Prozent. „Viele Menschen vergessen notwendige Impfungen schlichtweg.“ Er appelliert deshalb an die Bürger, regelmäßig den Impfstatus zu überprüfen und versäumte Impfungen nachzuholen. Ziel sei auch im Land eine Impfquote von 95 Prozent zu erreichen. „Das ist eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung.“ Helfen soll dabei auch die im vergangenen Jahr gestartete Landesarbeitsgemeinschaft Impfen. Barmer-Chef Plötze sieht auch die Ärzte in der Pflicht, das Thema Impfen aktiv anzusprechen.