Die Neue Nationalgalerie in Berlin – frisch saniert und trotzdem eine Energieschleuder. Das muss sich laut einem Museumsexperten dringend ändern. Foto: dpa/Christophe Gateau

Der Museumsexperte und Konservierungswissenschaftler Stefan Simon geht hart ins Gericht mit den deutschen Museen: Sie verbrauchen nicht nur viel zu viel Energie – sondern das auch noch unnötig. Er fordert mehr Transparenz und dringendes Umdenken.

Nicht nur Privathaushalte, sondern auch Museen sollen Energie sparen. Der Museumsexperte und Direktor des Berliner Rathgen-Forschungslabors, Stefan Simon, ist überzeugt, dass die Akzeptanz für Museen in Zukunft schwinden wird, wenn sie nicht bald umdenken.

 

Herr Simon, Museen sind Energieschleudern. Haben Sie ein Patentrezept, wie man das flugs ändern kann?

Die Herausforderungen, die die Klimakrise an uns alle stellt, sind enorm. Gerade wegen ihres auf ihre Flächen bezogen beträchtlichen Energieverbrauchs und der damit verbundenen Treibhausgasemissionen müssen sich auch die Museen grundsätzlich umorientieren. Ein Weiter-so, wie wir es seit Jahrzehnten in eklatantem Widerspruch zu allen Erkenntnissen der Wissenschaft erleben, geht nicht mehr.

Was also tun?

Bei komplexen Zusammenhängen helfen die Werkzeuge eines ganzheitlichen Risikomanagements. Sie erleichtern den Umgang mit Zielkonflikten. Es gibt ja verschiedene Ziele und Ansprüche eines Museums, die leider nur auf Kosten des jeweils anderen vorangetrieben werden können. Zunächst sind da die konservatorischen Anforderungen an ein möglichst konstantes Raumklima, stabile Feuchte- und Temperaturwerte. Dann müssen die Behaglichkeitsansprüche der Mitarbeiter und Besucher berücksichtigt werden. Außerdem muss man erkennen, was das jeweilige Gebäude überhaupt leisten kann. Wie ist es gebaut? Und schließlich die wirtschaftlichen und ökologischen Aspekte eines nachhaltigen Betriebs. Diese vier Faktoren müssen sorgfältig abgewogen werden.

Also für jedes Museum ein spezifisches Konzept?

Sicherlich muss man nach individuellen Lösungen suchen. Da die meisten Museen keine Expertise im Risikomanagement haben, braucht es dazu externe Beratung. Vor allem aber braucht es ein tiefgreifendes Umdenken: Auch Museen müssen viel sorgfältiger mit unseren Ressourcen umgehen. Die Zeit der Glaspaläste muss vorbei sein.

Wie bitte? Sie sind doch der ganze Stolz unserer Kulturlandschaft!

Sie sind vor allem ein Zeugnis des Versagens. Von diesem Teil der Kulturlandschaft wird mittelfristig nicht viel bleiben. Es ist gegenüber unseren Kindern und Enkeln nicht zu rechtfertigen, Museen zu bauen, die mehr Energie verbrauchen als ihre Vorgänger. Es geht ja nicht nur um die gegenwärtige Energiekrise, es geht vor allem darum, dass wir uns endlich des Klimawandels als Krise bewusst werden. Die Illusion, dass nach dem Winter alles wieder gut wird, sollte niemand haben.

Ein Land wie Baden-Württemberg wird seine kulturellen Flaggschiffe sicher nicht zusperren.

Darum geht es ja auch nicht. Hören Sie den Kindern bei Fridays for Future zu. Denen ist klar, dass es Weiter-so nicht mehr geben darf. Die großen Museen mit oft exzessiver und konservatorisch oft nicht nötiger Klimatisierung zählen zu den größten Energieverbrauchern in der Stadt. Diesem Problem müssen sie sich stellen.

Das heißt?

Transparenz und Offenheit. Dazu gehört, dass Museen über ihren Energieverbrauch und damit ihren ökologischen Fußabdruck Rechenschaft ablegen. Darüber, welche Klimabedingungen in ihren Räumen wirklich vorherrschen. Das sollte von den Trägern und Mittelgebern gefordert werden – als Förderbedingung. Mittelfristig müssen sie überlegen, wie können sie mit weniger Ressourcen auskommen und ihre Bestandsgebäude nachhaltiger nutzen.

Also das Publikum frieren lassen?

Auch wir werden unsere Behaglichkeitsansprüche an Mindesttemperaturen im Winter und Höchsttemperaturen im Sommer an die Bedingungen anpassen müssen, die uns die Krise vorgibt.

Konservatorische Argumente wiegen schwer.

Natürlich. Sie stehen auch für mich im Risikomanagement im Vordergrund. Aber eine Klimatisierung ganzer Häuser auf enge Temperatur- und Feuchtekorridore ist seit jeher stärker am technisch Möglichen als am konservatorisch Notwendigen ausgerichtet. Der überwiegende Teil des Kulturerbes in unseren Sammlungen kommt mit Schwankungen des Raumklimas deutlich besser zurecht als von vielen befürchtet. Das zeigt schon ein Blick in unsere Kirchen. Für empfindliche Werke, die es natürlich auch gibt, müssen individuelle Lösungen gefunden werden. Das beste Museum ist eines, welches keine Klimaanlage braucht, weil es sein Gebäude als erste, passive Kontrollinstanz für das Raumklima nutzt. Dicke Mauern, traditionelle Baumaterialien, hohe thermische Trägheit, Kopplung an den Baugrund und niedrige Luftwechsel helfen dabei.

Gibt es überhaupt Museumsbauten, die zukunftsfähig sind?

Das Depot des Nationalmuseums Dänemark wird mit acht Kilowattstunden pro Quadratmeter betrieben, das Nationalarchiv in Polen baut ein neues Depot, das noch weniger Energie verbrauchen soll. Das sind innovative Konzepte, wie wir sie in Deutschland noch nicht sehen. Da haben wir Nachholbedarf.

Soll man die Glaspaläste schließen?

Nein. Museen haben eine wichtige Rolle in der Gesellschaft als Identitätsstifter und auch einen Bildungsauftrag. Das kulturelle Erbe soll für nachfolgende Generationen bewahrt werden. Aber was sicherlich nicht geht, ist, immer größere Flächen in immer mehr und immer klimafeindlicheren Gebäuden zu bauen und zu betreiben. In Zukunft werden viele Häuser ihre Anlage ausschalten, weil sie den Betrieb nicht mehr bezahlen können.

Das klingt düster.

Das stimmt leider. Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Fragen der Nachhaltigkeit in der Kulturerbeforschung. Die Klimakrise ist real. Wir haben sie verursacht. Sie ist eine Bedrohung für die gesamte Menschheit. Aber wenn wir das auch in den Museen endlich verstanden haben, dann können wir auch anfangen, etwas dagegen zu tun.

Stefan Simon hat das Thema schon früh angesprochen

Person
Stefan Simon, geb. 1962, ist Chemiker und Konservierungswissenschaftler und mahnt schon lange den enormen Energieverbrauch von Museen an. Er ist Direktor des Rathgen-Forschungslabors, das zu den Staatlichen Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz gehört und sich mit konservatorischen und Echtheitsfragen von Kulturobjekten befasst.

Museen im Land
Das Kunstministerium Baden-Württemberg rät in Ausstellungs- und Depoträumen von einer „kurzfristigen Temperaturabsenkung“ ab, da dort konstante Verhältnisse herrschen sollten. Einsparmöglichkeiten sieht man dagegen in Büros, Bibliotheken oder Beratungsräumen. Die Energiekosten fast aller staatlichen Museen werden durch den Landesbetrieb Vermögen und Bau getragen. Landeseinrichtungen, die Energiekosten selbst finanzieren müssen, werde man aber „nicht alleine lassen“. adr