Verschwörungstheorien liefern manchen Menschen einfache Antworten auf komplexe Fragen. Das macht sie gerade in Krisen wie Corona erfolgreich. Philipp Kohler berät Angehörige und Aussteiger – und sagt, was helfen könnte.
Waiblingen - Philipp Kohler berät Menschen, die nicht mehr ein noch aus wissen: Die Frau, deren erwachsene Tochter überzeugt ist, dass im Impfstoff gegen das Coronavirus Mikrochips versteckt sind, die gefährliche Strahlen abgeben – und die der eigenen Mutter deshalb den Umgang mit dem Enkelkind verwehrt. Oder den Selbstständigen, der wegen der Coronakrise alle Aufträge verloren hat, in Verschwörungstheorie-Kreise geraten ist und nun obendrein mit seiner Familie im Clinch liegt, also nicht nur seine wirtschaftliche, sondern auch seine soziale Basis verloren hat.
Es ist kein modernes Phänomen
Noch vor wenigen Jahren wollten die meisten Ratsuchenden, die sich bei Philipp Kohler meldeten, wissen, ob es sich bei dieser oder jener Gemeinschaft um eine Sekte handelt. Inzwischen beherrscht vor allem ein Thema die Arbeit des Referenten für Weltanschauungsfragen bei der evangelischen Landeskirche: Verschwörungstheorien. Neu seien diese nicht, sagte Kohler bei einem Vortrag, zu dem die evangelische Kirchengemeinde in Waiblingen-Neustadt eingeladen hatte – solche Behauptungen habe es auch schon vor 100 Jahren gegeben. Doch seit Beginn der Coronapandemie und mithilfe von Medien wie dem Internet und sozialen Netzwerken hätten Verschwörungstheorien eine viel stärkere Wirkmacht als früher. Sie spalteten die Gesellschaft in zwei Lager, entzweiten Familien und Freundeskreise.
Die Zahl der Anfragen ist stark angestiegen
In den knapp zwei Jahren der Pandemie sei die Zahl der Anfragen zu Verschwörungstheorien sprunghaft angestiegen. „Sie hat sich verdoppelt, im Jahr 2020 eventuell sogar verdreifacht“, berichtete Kohler bei seinem Vortrag am Mittwochabend. In diesem erklärte Kohler, der seit dem Jahr 2016 als Referent für Weltanschauungsfragen tätig ist, warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben. Meist sei es so, dass ein Mensch in einer Verschwörungstheorie oder einer bestimmten Gruppe überzeugende Antworten auf eine wichtige Lebensfrage finde, erklärte Philipp Kohler. Das Stichwort sei dabei die sogenannte Passung.
„Verschwörungstheorien geben Antworten, wo Probleme sind und bieten klare Erklärungen, wie die Welt funktioniert, so ergibt sich Sinn“, sagte Kohler. Dass solche Theorien in unsicheren Zeiten wie der Coronapandemie einigen Zulauf haben, sei also wenig verwunderlich. Typisch für Verschwörungstheorien sei deren jeweiliger Absolutheitsanspruch. „Es kann keine andere Sichtweise geben, deshalb sind die Anhänger der verschiedenen Theorien untereinander total verstritten“, berichtete der Referent für Weltanschauungsfragen.
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In der Gruppe selbst finden die Anhänger der jeweiligen Theorie Anerkennung, fühlen sich als Teil eines Kreises, der mehr weiß, als die anderen. Ebenfalls typisch sei ein tiefes Misstrauen gegen die Wissenschaft und die Demokratie, erläuterte Philipp Kohler. Die Beratung müsse sehr individuell sein. Eine Zauberformel gegen Verschwörungstheorien hat auch der Experte nicht zu bieten, aber einige Tipps für Betroffene. Er rät dazu, möglichst früh eine Beratungsstelle einzuschalten – sei es die der Landeskirche oder die religiös neutrale zentrale Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen (Zebra). „Die Beratung ist anonym und kostenlos.“
In früher Phase helfen Faktenchecks
In der frühen Phase, wenn ein Mensch noch Zweifel an einer Theorie habe, könnten Faktenchecks viel helfen, so Kohler: „Später bringt es meiner Erfahrung nach aber wenig, argumentativ vorzugehen.“ Er setze auf die Devise „fragen statt sagen“. Angehörige und Freunde sollten dem Anhänger einer Theorie nicht sagen, was er falsch macht, sondern fragen: „Was fasziniert dich an dieser Theorie? Warum glaubst du das?“
Durch solche Fragen könne man den Betroffenen auf andere Gedanken und andere Themen bringen. Wichtig sei auch, sich von Aussagen abzugrenzen – „Das sehe ich anders“ – aber nicht den Betroffenen auszugrenzen. Denn seine Erfahrung sei: „Die höchsten Chancen hat man dann, wenn Menschen neben einer Verschwörungstheorie noch andere Dinge und andere Sichten auf die Welt haben.“