An Seen, im Freibad, im Hohenheimer Park: Nilgänse kommen allerorten vor. Zugleich nimmt ihre Beliebtheit rapide ab. Foto: dpa

An etlichen Stellen in den Stuttgarter Filderbezirken sind erneut Nilgänse aufgetaucht. Im Herbst sollen sie gejagt werden. Ist das wirklich nötig? Wir haben nachgeforscht.

Filder - Einst galten die Tiere als heilige Vögel oder gar als Götter. Mit ihrem bunten Gefieder und den markanten dunkelbraunen Flecken um die Augen sind die Nilgänse hübsch anzusehen – und wurden deswegen als Ziervögel nach Europa gebracht. Doch mittlerweile hat sich ihr Ruf deutlich verschlechtert; sie sollen aggressiv und gefährlich sein, heißt es. Immer wieder tauchen die Tiere auch in den Stuttgarter Filderbezirken auf: unter anderem in den Hohenheimer Gärten sowie in Vaihingen am Rosentalsee, am Feuersee und im Freibad. Zumindest in Hohenheim misslang 2018 die Vertreibung der Tiere; im Herbst wurden sie bejagt. Zwei Nilgänse starben dabei.

Woher stammen Nilgänse?

Nilgänse kommen ursprünglich aus Afrika; schwerpunktmäßig aus Ost- und Zentralafrika. Nach Westeuropa gelangten sie im 17. und 18. Jahrhundert, wo sie anfangs in Parks und Menagerien (heutige Zoos) gehalten und gezüchtet wurden. Nach und nach entstanden jedoch immer mehr wilde Populationen, weil einige Nilgänse aus ihrer Gefangenschaft geflohen waren. Sowohl in Afrika als auch in Europa besiedeln Nilgänse heutzutage nahezu alle Gewässertypen bis zu 4000 Meter Höhe. Lediglich kleine und schnellfließende Bäche meiden sie.

Breiten sich die Tiere aus?

Ja. Bis in die 1970er Jahren blieb die Anzahl von 400 bis 500 Nilgänsen in ganz Europa relativ stabil. Dann begann eine rasante Ausbreitung; anfangs kamen die Tiere vor allem aus den Niederlanden und breiteten sich entlang des Rheins in Mitteleuropa aus. Seit den 1990er Jahren vermehren sich die Tiere zunehmend auch in Deutschland. Mittlerweile kommen sie allerorten in Parks, an Badeseen, in Freibädern und anderen von Menschen stark frequentierten Orten vor. Laut deutschem Jagdverband haben Nilgänse allein in den vergangenen acht Jahren ihr Verbreitungsgebiet um 71 Prozent ausgedehnt.

Warum sind sie nicht gern gesehen?

Einerseits kann die Verbreitung der Nilgänse Auswirkung auf die heimische Vogelwelt haben; insbesondere auf Wasservögel. Dazu kommt, dass insbesondere im städtischen Raum Nilgänse zunehmend als Plage empfunden werden, da die Tiere im großen Rahmen Liegewiesen und Radwege erobern können, wenn diese in ihrem Revier liegen. Das stört Erholungssuchende. Zudem wird der Kot auf Liegewiesen als hygienisches Problem empfunden – auch weil es gefährlich sein kann, wenn Kinder in Kontakt damit kommen und sich den Kot in den Mund stecken.

Es gibt aber auch Gegenstimmen: Einige Wissenschaftler sagen, dass der Kot der Nilgänse nicht gefährlicher sei als jener von anderen Tieren. Zum anderen wird kritisiert, dass noch nicht abschließend untersucht worden sei, in welchem Ausmaß Nilgänse tatsächlich zur Verdrängung von heimischen Vögeln beitragen.

Wie ist die rechtliche Lage?

Nilgänse gehören zu den in Deutschland weit verbreiteten invasiven Arten der Unionsliste, in der die EU zu bekämpfende Tier- und Pflanzenarten benennt. Die Liste bildet die rechtsverbindliche Grundlage zum Schutz der biologischen Vielfalt von Arten, die nicht ins hiesige Ökosystem gehören und einheimische Lebewesen verdrängen. 49 solcher Tier- und Pflanzenarten sind gelistet – darunter auch Nilgänse. „Für diese Arten muss die zuständige Behörde jedes Mitgliedsstaats einen Managementplan erarbeiten – doch für die Nilgans gibt es bis jetzt noch keinen“, erläutert Helmut Dalitz, wissenschaftlicher Leiter der Hohenheimer Gärten. „Man kann daher momentan nur von der generellen Intention der EU-Verordnung ausgehen, dass diese Maßnahmen die heimische Flora und Fauna schützen sollen.“

Laut dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) ist eine vollständige Beseitigung der Tiere nicht möglich und wird auch nicht gefordert. „Vielmehr sollen unter naturschutzfachlichen Abwägungen und unter Berücksichtigung von Kosten und Nutzen Maßnahmen zur Bestandsreduzierung ergriffen werden“, heißt es.

Werden Nilgänse nicht geschützt?

Generell werden alle Vogelarten, die natürlicherweise in der EU vorkommen, geschützt. Diese Definition erfasst laut Nabu auch „gelegentlich auftretende Irrgäste“, wie die Nilgänse. Nach Auffassung der EU-Kommission sind die Brutvögel als in der EU eingebürgert anzusehen, gelten aber nicht als europäische Art im Sinne der Vogelschutzrichtlinie und sind somit auch nicht „besonders geschützt“.

Wie wird man der Vögel Herr?

Mehrere Städte versuchen, die Tiere zunächst auf verschiedene Weisen zu verdrängen und notfalls zu jagen – also abzuschießen. Aus Naturschutzgründen dürfen Nilgänse lediglich von September bis Januar gejagt werden – nämlich dann, wenn die Küken groß genug sind, um fliehen zu können. Auch in Hohenheim könnten die Tiere im Herbst gejagt werden.

Ist dieses Vorgehen auch strittig?

Ja, weil Wissenschaftler, Naturschutzbund und Tierschutzorganisationen die Gefährdung durch Nilgänse unterschiedlich beurteilen. In Hohenheim hat zum Beispiel die Tierschutzorganisation Peta schriftlich Protest gegen das Jagen von Nilgänsen eingelegt.

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