Das mildere Klima begünstigt die Ausbreitung von Arten aus wärmeren Gefilden. So tauchte ein ungewöhnliches Krabbeltier jetzt in einem Marbacher Schlafzimmer auf.
Zartbesaitete Seelen hätten den Raum wahrscheinlich fluchtartig und laut kreischend verlassen. In dem Biologen Claus-Peter Herrn weckte die Spinne, die es sich am 3. Dezember in seinem Schlafzimmer in Marbach auf einem für die Reinigung bereitliegenden Stapel von Jacken gemütlich gemacht hatte, dagegen den Forschergeist. Der 85-Jährige lockte das Tier in ein Glas, versperrte die Öffnung mit einem Bierdeckel und fotografierte den uneingeladenen Besucher. Eine Google-Suche bestätigte alsbald den ersten Verdacht des früheren Naturschutzbeauftragten im Landkreis Ludwigsburg: Er hatte es mit einer Nosferatu-Spinne zu tun.
Vermutlich wird das Vorkommen von Zoropsis spinimana in der Schillerstadt damit zum ersten Mal öffentlich dokumentiert. Ursprünglich beheimatet sind die Achtbeiner rund um den Mittelmeerraum, von wo aus sie sich den vergangenen Jahren mehr und mehr ausgebreitet haben. 2005 sei die Nosferatu-Spinne erstmals in Baden-Württemberg in Freiburg gesichtet worden, sagt Herrn. „Inzwischen wurde sie überall in Deutschland nachgewiesen, also nach nur 17 Jahren. Das ist typisch klimabedingt“, erklärt der Fachmann. Relativ neu ist, dass sich die Tiere nun auch im Landkreis Ludwigsburg heimisch fühlen. Erste Meldungen, wonach die Spinnen in Kellern und Wohnungen der Stadt Ludwigsburg beobachtet wurden, sorgten im Spätsommer für Schlagzeilen. Claus-Peter Herrn kann die Aufgeregtheit ein Stück weit nachvollziehen. Der Anblick der verhältnismäßig großen Jäger mit den langen Beinen sei für ungeschulte Augen ungewöhnlich. „Sie laufen ausschließlich und bauen kein Spinnennetz, können sogar auf Glas laufen, weshalb sie über die Fenster in Häuser gelangen“, erklärt er. Und ja: Wie alle Spinnen sei auch diese Spezies giftig, aber normalerweise nicht für Menschen. „Außer man ist Allergiker“, schränkt der Biologe ein. Insofern laute die wichtigste Regel: niemals solche Tiere anfassen.
Krabbeltier macht Schlagzeilen
Spinne sucht den Schutz von Häusern
Herrn selbst hat die Nosferatu-Spinne in seinem Schlafzimmer auch nur eingefangen, fotografiert und dann wieder freigelassen. Man muss aber davon ausgehen, dass die Spinne in irgendein anderes Gebäude in Marbach geschlüpft ist. Denn hierzulande komme das Tier bislang im Prinzip nur in Häusern, nicht aber in freier Wildbahn vor.
Die frühere Lehrkraft an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg hat in den vergangenen Wochen aber nicht nur von der Nosferatu-Spinne Besuch bekommen, sondern auch von einer weiteren invasiven Art: der Nordamerikanischen Kiefernwanze. „Der Name rührt daher, dass sie die Samen aus den Zapfen saugen“, erläutert Herrn. Laut Nabu wurde diese Wanzenart in Deutschland erstmals 2006 nachgewiesen. „Mittlerweile ist sie über ganz Europa verbreitet“, berichtet Herrn, was sie wohl auch dem Umstand verdanke, leidlich fliegen zu können. Gefährlich für Menschen oder das ökologische Gleichgewicht sei die Kiefernwanze in der Regel ebenso wenig wie die Nosferatu-Spinne, betont Herrn. Aber wegen der Umweltprobleme und dem Klimawandel „ist davon auszugehen, dass wir irgendwann täglich damit rechnen müssen, dass invasive Arten auftauchen, die weniger harmlos sind“, sagt er.
Einige eingeschleppte oder eingewanderte Pflanzen und Tiere sorgen auch jetzt schon für Probleme, bereiten insbesondere Landwirten, Kleingärtnern oder kommunalen Bauhöfen Kopfzerbrechen. Ein solcher, eher unwillkommener Neuankömmling ist der Japanknöterich, der kaum bis überhaupt nicht mechanisch bekämpfbar sei, dafür extrem schnell wachse und zum Beispiel an der B 27 beim Blühenden Barock vorkomme, berichtet Andreas Fritz, Pressesprecher im Landratsamt Ludwigsburg. Ein Graus für Allergiker ist die Ambrosia, die Fritz als weiteres Beispiel nennt, und die sich bislang vornehmlich in Süddeutschland ausgebreitet hat und sogar Asthmaanfälle auslösen kann. Als „sehr problematisch“ stuft das Landratsamt zudem die Samtpappel ein. Ein Unkraut, das insbesondere Zuckerrübenbauern schlaflose Nächte bereitet.
Schlupfwespen als natürliche Feinde
Ein Quälgeist im Obstbau ist die ursprünglich aus Asien stammende Marmorierte Baumwanze. Diese bevorzuge städtische Habitate und sei nur sehr eingeschränkt bekämpfbar, erklärt Fritz. Wirksame Pflanzenschutzmittel gebe es kaum. Dagegen lasse sich die ebenfalls eingewanderte Grüne Reiswanze mit natürlichen Gegenspielern wie Schlupfwespen bekämpfen. Mit großer Sorge haben landwirtschaftliche Betriebe zudem im vergangenen Jahr die Nachricht verfolgt, wonach 2021 erstmals in Baden der gefräßige Japankäfer nachgewiesen wurde. „Er geht an alle Kulturen“, erklärt Fritz.
Den Wäldern im Landkreis droht keine Gefahr
Die Amerikanische Kiefernwanze, die bei Claus Peter Herrn in Marbach an einer Fensterscheibe kauerte, sei hingegen für den Forst im Landkreis im Prinzip nicht relevant, bestätigt das Landratsamt die These von Herrn. Durch ihren Fresstrieb könne sie aber Ertragsminderungen beim Saatgut von Nadelhölzern verursachen.
Die Nosferatu-Spinne
Herkunft
Ihren Namen verdankt die Spinne dem Muster auf ihrem Corpus, das an den Vampir aus dem Stummfilmklassiker „Nosferatu“ erinnert. Das Tier wird mit ausgestreckten Beinen etwa fünf Zentimeter lang und stammt aus dem Mittelmeerraum.
Verbreitung
Inzwischen hat sich die Spinne auch in Deutschland verbreitet. Laut Gaby Schulemann-Maier von Naturgucker.de, einem Netzwerk von Naturfreunden, an das Sichtungen online übermittelt werden können, waren nach einem großen Aufruf des Nabu und von Naturgucker.de im Spätsommer bis Mitte Dezember aus ganz Deutschland 28 542 dokumentierte Beobachtungen von Zoropsis spinimana eingegangen. Der Schwerpunkt der Meldungen habe im Südwesten und Westen Deutschlands, „hauptsächlich entlang des Rheins sowie in der Metropolregion Rhein-Ruhr, gelegen“. Aus Baden-Württemberg wurde das Gros mit 16 076 Sichtungen registriert. Aus dem Kreis Ludwigsburg wurden 1085 Beobachtungen vermeldet.