Szene einer Teufelsaustreibung aus dem amerikanischen Horrorfilm „Devil Inside“, der derzeit in den Kinos zu sehen ist. Foto: Paramount

Exorzismus ist eines der umstrittensten­ Rituale der Katholischen Kirche. Nun gibt's eine Renaissance.

Stuttgart - Die Exorzisten kamen ein-, zweimal pro Woche. Sie sollten die psychisch kranke Anneliese Michel (23) aus dem unterfränkischen Klingenberg im Auftrag des Bischofs von Würzburg, Josef Stangl, vom Teufel befreien. Doch die „religiöse Therapie“ von Pfarrer Ernst Alt und Pater Arnold Renz schlug fehl: Die Studentin starb am 1. Juni 1976 an Entkräftung, abgemagert auf 31 Kilo. Priester und Eltern wurden zu je sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Pfarrer Alt gab damals zu Protokoll: „Wir haben sechs Teufel aus der Anneliese ausgetrieben.“

Der Fall Michel, der den Filmen „Der Exorzismus der Emily Rose“ (2005) und „Requiem“ (2006) zugrunde liegt, schreckte auf. Seitdem ist laut Deutscher Bischofs­konferenz hierzulande kein Exorzismus mehr durchgeführt worden. Stattdessen erhalten vermeintlich Besessene „umfassende ärztliche Hilfe“. Und doch ist der Glaube an den Satan lebendiger denn je. Für die Katholische Kirche ist die Existenz des Bösen eine Glaubenswahrheit. „Es gibt den Teufel. Es gibt ihn, und er wirkt. Aber er ist keine Person“, sagt Uwe Scharfenecker, Dekan von Heilbronn-Neckarsulm. „Die Kirche geht davon aus, dass es eine Macht gibt, die den Menschen zum Bösen verführen will.“

Der Exorzismus ist kein esoterischer Hokuspokus

Das Rüstzeug, mit dem Priester dem Bösen zu Leibe rücken, heißt offiziell Großer Exorzismus. 1614 wurde sein Ablauf im liturgischen Buch „Rituale Romanum“ geregelt, 1999 wurden die Regeln überarbeitet. In verschiedenen christlichen Kirchen sind zudem sogenannte Befreiungsdienste entstanden, die sich eine ähnliche Aufgabe gestellt haben. Selbst in der deutschen katholischen Kirche ist die Befreiung vom Bösen allgegenwärtig. So wird bei jeder Taufe der Kleine Exorzismus vollzogen. Bei der Kindertaufe, heißt es in einem Schreiben der Bischofskonferenz, wird der „Schutz des Kindes vor dem Bösen und der Macht des Satans erbeten“.

Der Große Exorzismus ist dabei kein esoterischer Hokuspokus. Die Richtlinien sind streng: So muss die Teufelsaustreibung von einem Bischof­ angeordnet werden. Um religiöse Besessenheit­ von psychiatrischen Störungen zu unterschieden, muss der Priester ärztlichen Rat einholen. „In keinem Fall ist der Exorzismus ein Ersatz für ärztliche Bemühungen“, heißt es im Schreiben der Bischofskonferenz. Trotzdem sind Teufelsaustreibungen weltweit auf dem Vormarsch. Laut Experten üben allein in Italien mehr als 400 Exorzisten ihr frommes Handwerk aus, in Frankreich sind es einige Hundert, in Polen über 50 – Tendenz steigend. In Mexiko tagte 2004 die erste internationale Exorzistenkonferenz. Seit 2005 werden an der päpstlichen Universität Regina Apostolorum in Rom sogar Exorzismus-Kurse angeboten. Im selben Jahr ermutigte Papst Benedikt XVI. während einer Generalaudienz auf dem Petersplatz die Teilnehmer eines Kongresses italienischer Exorzisten, „mit ihrem wertvollen Dienst an der Kirche fortzufahren“.

2005 nahm mit der 1971 in Padua geborenen katholischen Theologin Alexandra von Teuffenbach erstmals eine Frau an der Exorzistenausbildung teil. Die Dozentin für Dogmatik und Kirchengeschichte an der Regina Apostolorum vertritt in ihrem Buch „Der Ex­or­zis­mus – Befreiung vom Bösen“ eine schematisierte Sicht der Welt: Dort ist das Böse, hier das Gute. „Seit dem 17. Jahrhundert kennt die Katholische Kirche einige Merkmale, die auf eine Besessenheit hindeuten können, zum Beispiel das fließende Sprechen von Sprachen, die dieser Mensch bislang nicht gelernt hatte“, erklärt von Teuffenbach. Nach Ansicht eines Insiders spiegelt diese Haltung zum Bösen auch den Versuch wider, Menschen so lang mit dem Teufel zu drohen, bis sie wieder in die Kirche kommen.

Deutschland für Exorzisten tabu

Nimmt auch der Glaube zu, vom Teufel beherrscht zu sein? Alfred Singer, der frühere Sektenbeauftragte der Diözese Würzburg, berichtet, dass seit Jahren immer mehr Menschen zu ihm kommen, die sich als „teuflisch, dämonisch belastet, besessen“ sehen. Anders als in Deutschland sei der Dämonenglaube in Südeuropa, Lateinamerika und Afrika aber tief in der Volksreligiosität verwurzelt: „Die Menschen gehen unbefangener damit um.“

Wo der Exorzist den Teufel sieht, diagnostiziert der Arzt eine Geisteskrankheit – die nicht mit Hilfe von Gebeten und Beschwörungsformeln geheilt werden kann. Der Exorzismus, warnt Norbert Müller, Professor an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in München, „kann zu einer Traumatisierung führen – und dadurch zu einer Verschlechterung der Erkrankung“. Für Samuel Pfeiffer, Chefarzt der psychiatrischen Klinik Sonnenhalde in Riehen bei Basel, gehört Exorzismus allenfalls zur Alternativmedizin – „vergleichbar mit Schamanismus und Geistheilung“. Dass Exorzismen zu psychischen Schäden führen können, stellte 1984 sogar eine von der Bischofskonferenz­ zum Fall Michel eingesetzte Kommission fest.

Ungeachtet des weltweiten Booms wird Deutschland auch in Zukunft für Exorzisten tabu bleiben. Ulrich Niemann, Frankfurter Jesuit und Mediziner, hält es für ausgeschlossen, dass hierzulande jemals wieder eine Teufelsaustreibung von einem Oberhirten abgesegnet wird. Bei Besessenheit sei eine Therapie verbunden mit seelsorglicher Begleitung der richtige Weg.