Zwischen Böblingen, Holzgerlingen und Ehningen könnte einer der größten Windparks im Landkreis entstehen. Die Entscheider der drei Kommunen waren nun auf Exkursion in Winterbach, um noch besser zu verstehen, worum es geht.
Regen ist lauter als Windräder, erst recht wenn die Tropfen auf Schirme prasseln. Das dürfte eine der Lektionen dieses Ausflugs sein. Das Wetter ist richtig fies für einen Termin, an dem der Reisebus den einzigen Unterschlupf bietet. Weil einem aber nicht alle Tage kundige Gesprächspartner zwischen drei Windrädern Rede und Antwort stehen, gelingt es den meisten Teilnehmern, das Mistwetter zwischenzeitlich auszublenden.
Oberhalb von Winterbach haben sich rund vier Dutzend Menschen versammelt, um die Windräder zu hören, zu sehen und letztlich auch zu fühlen. Die Besuchergruppe würfelt sich zusammen aus Gemeinderäten von Böblingen, Holzgerlingen und Ehningen. Die besondere Exkursion ist ein Angebot des Forums Energiedialog, ins Leben gerufen vom Umweltministerium Baden-Württemberg. Ziel sei nicht, die Kommunen von Windkraft zu überzeugen, sondern sie neutral zu informieren. Es gehe nicht um Akzeptanzbeschaffung, „es ist ein Instrument zur Urteilsbildung“, erklärt Rainer Carius, im Ministerium zuständig für das Projekt. „Wir setzen darauf, dass die Menschen erkennen, abwägen und gut entscheiden.“ Seit 2016 wurden in diesem Sinne bereits um die 100 Kommunen unterstützt.
Überregionale Gegnergruppen fachen die Kontroverse oft an
Kündigen sich Windräder an, und das dürfte in naher Zukunft wegen der Ausbauziele zunehmen, sind lokale Debatten ums Für und Wider programmiert. Sorgen gibt es viele: zum Beispiel dass die Windräder laut sind oder dass der Wald mit Windkraftwerk nicht wiederzuerkennen ist. In vielen Fällen fachen gut organisierte, oft überregionale Gegnergruppen die Kontroversen vor Ort an. Um erhitzte Gemüter wieder abzukühlen, wollen Sarah Albiez und Michel-André Horelt vom Forum Energiedialog die Fakten sprechen lassen – und zwar theoretisch und praktisch.
Zugegeben, wenn man von Winterbach aus in Richtung Manolzweiler fährt und kurz vorher links in den Wald abbiegt, steht da plötzlich ein sehr dicker, weißer Baum zwischen den Stämmen. Je nach Perspektive verbergen sich die Rotorblätter hinter dem Blätterdach. 164 Meter Nabenhöhe hat das Windrad, das Fundament 21 Meter Durchmesser und drei Meter Tiefe, erklärt Michael Soukup, Projektentwickler für Windenergie bei der EnBW, dem Betreiber der drei Windräder. Zusammen bringen sie es auf eine Leistung von zehn Megawatt. Ein Wert, den ein modernes Windrad heute fast schon allein erreicht. Abgesehen von dem geschotterten Parkplatz, der sich an diesem Regentag in eine Seenlandschaft verwandelt hat, hat sich die Natur die Umgebung zurückgeholt. Wie insgesamt Gras über die Sache gewachsen zu sein scheint.
Gegenwind damals vor allem in Manolzweiler
„Es ist eigentlich kein Thema mehr“, erzählt Jürgen Nachtrieb, Gemeinderat der Bürgerlichen Wählervereinigung und Ortsvorsteher im Teilort Engelberg. Er und Karl Gohl, ein Kollege aus Manolzweiler, berichten den Gästen, wie es ist, seit 2017 mit den Windrädern in der Nachbarschaft zu leben. „Die Befürchtungen haben sich nicht bewahrheitet“, sagt Gohl. Auch gegen ihren Windpark gab es damals Widerstand, erzählen die beiden. Vor allem in Manolzweiler, das mit knapp anderthalb Kilometer am nächsten dran ist. Wobei das mit „ihren Windrädern“ formal nicht stimmt. Die Windmühlen befinden sich im Staatswald, die angrenzenden Kommunen schauen letztlich nur zu. Im Kreis Böblingen liegt die Sache an diesem Punkt anders.
Der größte Teil des möglichen Windparks, den sich die drei Gemeinden teilen würden, läge auf kommunaler Fläche. Das macht zum einen die Verpachtung unkomplizierter, bringt der Gemeinde aber natürlich auch finanziell mehr. Die Gemeinderäte haben ein wichtiges Wörtchen mitzureden beim gesamten Projekt, können steuern, dass möglichst viele vor Ort etwas davon haben.
Kehrtwende in Ehningen kam Anfang 2024
Dass beim Ausflug in den Rems-Murr-Kreis Vertreter aller drei Kommunen dabei sind, danach sah es im Sommer 2023 zunächst nicht aus. Anders als die Gremien in Böblingen und Holzgerlingen hatte eine Mehrheit in Ehningen gegen die Absicht gestimmt, überhaupt in erste gemeinsame Überlegungen einzusteigen. Die Kehrtwende kam dann Anfang dieses Jahres, die Ehninger schlossen sich den Nachbarn doch an.
Womöglich spitzen sie nun bei der Exkursion besonders die Ohren. Doch das Regengeprassel übertönte alles, obschon die Rotoren bei dieser Wetterlage gerade auf Volllast laufen. Wenn man den Regenschirm auf Anraten des Schallexperten der Uni Stuttgart etwas zur Seite hält, ist da ein leichtes Geräusch; sobald vorne auf der Straße ein Auto durchfährt, ist es aber verstummt. Keinen Mucks hören die Besucher, als sie etwas später am Ortsrand von Manolzweiler stehen, 900 Meter von den Windrädern entfernt. Der Wind trumpft auf und stülpt die ersten Regenschirme um. Fürs Erste haben die Gäste aus dem Kreis Böblingen genug, sie eilen zum Bus. Ob sie in Zukunft nicht mehr so weit fahren müssen, um unter einem Windrad zu stehen, wird sich zeigen.
Ausbau der Windkraft
Projekt BB14
Die fünf bis sechs Windräder, die in einem interkommunalen Windpark aufgestellt werden könnten, würde mit einer Fläche von 179 Hektar zu den größten im Landkreis Böblingen zählen. Es hat den Namen „BB14“. Der Standort befindet sich im Wald und großteils auf kommunalen Flächen.
Ausbau
Bisher dreht sich im Landkreis Böblingen noch kein einziges Windrad. Das Wind-an-Land-Gesetz des Bundes verlangt, den Ausbau zu forcieren. Die Regionalverbände in Baden-Württemberg sind aktuell dabei zu definieren, an welchen Stellen Wind- und Groß-PV-Anlagen entstehen sollen. Insgesamt zwei Prozent der Landesfläche sind dafür vorgesehen, 1,8 Prozent für Wind, 0,2 Prozent für Solar. (ana)