Ob in der Kirche oder im Trubel auf der Königstraße: „Gott und Stille kann ich mittendrin finden - oft gerade da, wo ich es am wenigsten erwarte“, sagt Kirstin Kruger-Weiß. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Gott auf der Straße finden? Das spirituelle Zentrum lädt vier Tage lang zu Straßenexerzitien durch die Stadt ein.

S-Mitte - Die Zahl der Christen in Deutschland sinkt weiter. Der Trend zum Austritt ist zwar gestoppt, aber nicht gebrochen. Das zeigen die aktuellen Zahlen der beiden großen Kirchen. Natürlich fragen sich Kirchenleute schon lange, wie soll man dem Exodus begegnen? Die einen sagen, Kirche müsse sich noch stärker in die Gesellschaft hinein öffnen und zu einem Zentrum für das Gemeinwesen werden. Andere meinen, man müsse den spirituellen Hunger der Menschen mit adäquaten Angeboten stillen.

Diesen Weg geht die katholische Kirche sehr spezialisiert im spirituellen Zentrum in der dazu umgebauten Kirche St. Fidelis. Dort sind auch Angebote zu einer mystischen Gotteserfahrung zu finden. Etwa durch die Meditation, der Reise nach Innen. Zumindest der Mystiker Meister Eckhart definierte es so: Wenn der Geist in der Kontemplation geleert werde, könne der Abstieg zum Seelengrund erfolgen. Dort sei die Gottheit stets unmittelbar anwesend und zu entdecken.

Geistliche Übung abseits des Alltags

Doch in einem neuen Angebot des spirituellen Zentrums geht die göttliche Entdeckungsreise nicht nach innen, sondern nach außen. Fast wie beim evangelischen Glaubensbruder Paul Gerhardt und dessen Sommerlied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“, so soll der Geist Gottes in den Straßen der Stadt gesucht werden: Drei Tage und einen Abend (vom 29. Juli bis 1. August) lang begeben sich die Teilnehmer auf die Suche nach Spuren von Gott. Eine geistliche Übung also, die abseits des Alltags zu einer intensiven Begegnung mit Gott führen soll.

Wie das gehen soll? „Ich ziehe ohne Stadtplan und Terminkalender los und schaue, wohin es mich treibt, wem ich begegne, was ich erlebe - einfach ohne Plan, dem inneren Antrieb folgend“, sagt die Theologin Kirstin Kruger-Weiß vom spirituellen Zentrums „station s“. Nach einem Auftakt in der Gruppe und einem geistlichen Impuls in der Kirche, soll sich jeder in seinem Straßenexerzitium alleine auf den Weg durch die Stadt machen. Erst am Abend treffen sich alle wieder zu einem gemeinsamen Abendessen, zum Austausch und zur Reflexion. Wenn alles auf den Pfaden Gottes gut gegangen ist, wird man im besten Fall gesegnet und gesendet die Nacht zu Hause verbringen.

Haltung, Wahrnehmung und Achtsamkeit

Der Kompass auf dieser spirituellen Reise ist das Herz. Ganz gleich, wohin es den Stadtpilger verschlägt, ob auf einen Friedhof, den Schlossplatz oder unter das Dach einer Kirche, es wird stets die rechte Richtung sein, macht Kruger-Weiß den Herzenswanderern Mut: „Man folgt der eigenen Sehnsucht. Alle brechen auf in der Hoffnung und dem Vertrauen, Gott unterwegs zu finden.“

Die Erfahrungen im Großstadtdschungel können dabei vielfältig – und je nach Fügung – auch tief berührend sein: „Gott und Stille kann ich mittendrin finden - oft gerade da, wo ich es am wenigsten erwarte. Es kommt auf die innere Haltung, die eigene Wahrnehmung an.“ Es ist gewissermaßen ein Aufruf zur Achtsamkeit, zur Schärfung der Sinne und des steten Bewusstmachens von Erlebnissen, Begegnungen und Gefühlen. „Die Straßenexerzitien verändern meinen Blick auf Orte und Menschen - und auch auf mich“, sagt Kirstin Kruger-Weiß. Die Theologin, die selbst schon an Straßenexerzitien teilgenommen hat, weiß: „Wenn ich mit Zeit durch die Stadt gehe, schaue ich nicht weg, haste nicht vorüber, sondern ich nehme bewusst wahr, wie Menschen lachen und weinen, sich streiten und Not leiden. Die Exerzitien öffnen mir den Blick dafür, dass jede und jeder mein Nächster sein kann. Schön ist, dass die Aufmerksamkeit, die ich anderen schenke, oft zurück kommt - vielleicht liegt das aber gar nicht am anderen, sondern an meiner anderen Haltung.“

Erfahrungen des Jesuiten Christian Herwartz

Die Straßenexerzitien gehen auf den Jesuiten Christian Herwartz zurück, der seine Erfahrungen in einem Buch veröffentlicht hat. „In den Exerzitien auf der Straße lernte ich, mich durch sonst nicht beachtete Zeichen dorthin führen zu lassen, wo der Auferstandene heute auf mich wartet. Er zeigt mir, wo er auf mich wartet und ich seine brennende Liebe wahrnehmen darf“, schreibt Herwartz, der in einer offenen Gemeinschaft in Berlin-Kreuzberg lebte, wo auch ausgegrenzte Menschen eine Heimat fanden.

Schauen, wo die Sehnsucht hinführt

Auf die Frage, ob Gott eher auf der Straße als in der Kirche zu finden sei, antwortete der Jesuit: „Das Wort Gott ist ein Hilfsmittel, um diesen Freiraum zu beschreiben, den wir nicht füllen können. Wir suchen ein Gegenüber für alles Unerklärliche und nennen das Gott. Aber das ist nicht die Bedingungen für Exerzitien auf der Straße. Die beginnen damit, dass ich frage: Worüber ärgerst du dich? Oder: Worüber wirst du traurig? Hinter diesem Ärger oder der Traurigkeit steht meine persönliche Sehnsucht. Dann suchen wir nach Wegen, wie wir diese Sehnsucht leben können. Wir schauen, wo uns diese Sehnsucht hinführt in der Stadt.“

Anmeldung zu den Exerzitien ist bis Donnerstag, 22. Juli, möglich über die Homepage der station s www.station-s.de oder telefonisch: 0711/25 25 9111. Die Straßenexerzitien sind kostenlos. Start ist Donnerstag, 29. Juli, 18 Uhr in der Kirche St. Fidelis in der Seidenstraße 39.

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