Ex-Zootierarzt hält Vortrag in Stuttgart-Cannstatt Die Wilhelma als Spiegelbild der Evolution

Von Klaus Zintz 

Wilhelma-Gorilla-Frau Tuana ist vor kurzem zum zweiten Mal Mutter geworden. Mit ihrem Jungtier wächst die Gruppe auf zwölf Tiere an. Das Kleine, dessen Geschlecht noch nicht bekannt ist, ist der 36. in der Wilhelma geborene Gorilla. Foto: Wilhelma Stuttgart
Wilhelma-Gorilla-Frau Tuana ist vor kurzem zum zweiten Mal Mutter geworden. Mit ihrem Jungtier wächst die Gruppe auf zwölf Tiere an. Das Kleine, dessen Geschlecht noch nicht bekannt ist, ist der 36. in der Wilhelma geborene Gorilla. Foto: Wilhelma Stuttgart

Der ehemalige Tierarzt der Wilhelma, Wolfram Rietschel, hat in Stuttgart-Cannstatt über die Entstehung der Primaten berichtet. Die Zuhörer erfuhren, welches Objekt ein Makake in seiner Backentasche gehortet hat.

Stuttgart - Wenn Wolfram Rietschel einen Vortrag hält, dann füllt sich der Große Kursaal in Cannstatt auch heute noch: „50 Millionen Jahre Primaten-Evolution“ hieß das Thema, mit dem der langjährige Tierarzt der Stuttgarter Wilhelma zum 33. Mal seit 1985 den Freunden des Zoos über seine Arbeit und seine Reisen berichtete – und wieder einmal seine Zuhörer begeisterte. Vordergründig ging es dabei um die Entwicklung von Menschenaffen und Menschen. Aber Rietschel verband die Erkenntnisse der Paläontologen mit seinen vielen eigenen Erfahrungen, die er während seines langen Berufslebens gemacht hatte.

Bei der Evolution der Primaten spielte auch Deutschland eine wichtige Rolle: So lebte vor 47 Millionen Jahren das Tier „Ida“, ein Vorfahr oder vielleicht doch eher ein Großcousin der heutigen Primaten, in der legendären Grube Messel bei Frankfurt. Lang hielt sich Rietschel allerdings nicht mit Fossilien auf, sondern kam zügig auf die heutigen Primaten zu sprechen: die Lemuren in Madagaskar, die Neuweltaffen in Südamerika und die Altweltaffen in Afrika, Europa und Asien. Dabei zeigten die vielen historischen Bilder eindrucksvoll, wie viele Primatenarten die Wilhelma in den vergangenen Jahrzehnten beherbergt hat – und immer noch beherbergt.

Junger Orang Utan kommt in Sportklinik

Rietschels Rückblick umfasste auch viele Geschichten um die Heilung und Pflege von verletzten und kranken Affen. So musste etwa ein Springtamarin-Kleinkind, das sich einen Armgebrochen hatte, mühsam mit Miniportionen an Milch aus der Spritze aufgepäppelt werden. Auch eine Klammeraffen-Mutter mit zwei Babys bedurfte Rietschels besonderer Aufmerksamkeit. Und ein junger Orang Utan, der sich ebenfalls den Arm gebrochen hatte, wurde in einer Sportklinik wie ein menschlicher Patient behandelt – was heute aus hygienischen Gründen nicht mehr möglich wäre.

Ein Makake wiederum hatte in seiner Backentasche ein unbekanntes Objekt gehortet, das ihn offensichtlich sehr zu plagen schien. Erst eine Operation brachte Klarheit: Das Tier hatte den Schraubverschluss einer Thermoskanne gehortet, doch das kantige Teil nicht mehr aus eigener Kraft aus der Backe holen können.

Auch Rietschels Eindrücke aus anderen Zoos und Schutzeinrichtungen in vielen Teilen der Welt kamen nicht zu kurz. So zeigte er mit bedrückenden Bildern, wie in Sumatra junge Orang-Utans gepflegt werden müssen: Bereits als Kleinkinder werden viele dieser gemütvollen Menschenaffen zu Waisen, weil ihre Eltern abgeschossen werden: Die Tiere sind im Weg, wenn es gilt, Urwaldflächen in lukrative Palmölplantagen umzuwandeln. Auch der Nachwuchs kommt oft nicht ungeschoren davon, wie Röntgenbilder mit zahlreichen Luftgewehrkugeln zeigen, die im Körper eines jungen Tiers steckten.

Ist der Mensch wirklich die Krone der Schöpfung?

Doch zurück zum Zoo: Erst um 1874 hat der erste kleine Gorilla den Transport nach Deutschland überlebt. Damit begann eine lange Lernphase, wie die anspruchsvollen Tiere in Zoos so gehalten werden können, dass sie nicht gleich sterben. Der große Tierbuchautor Brehm schilderte, wie „menschlich“ der Gorilla Mpungus in der Zeit vor seinem Tod 1877 im Aquarium Berlin ernährt wurde: So gab es zum Frühstück „Frankfurter, Wiener oder Jauersche Würstchen, Hamburger Rauchfleisch, Berliner Kuhkäse, oder sonstwie belegtes Butterbrot und dazu ein Glas kühle Berliner Weiße.“ Und bei „Naschhaftigkeit“ setzte es eine Ohrfeige.

Heute geht es den Tieren so gut, dass sie meist viel länger als in freier Natur leben, wozu auch die gute medizinische Betreuung beiträgt. Erfreulich ist auch der regelmäßige Nachwuchs – allein in der Wilhelma sind bisher 36 kleine Gorillas geboren und dazu noch viele Gorillakinder aus anderen Zoos großgezogen worden. „Das hat sehr viel Spaß gemacht “, sagt Rietschel.

Zum Schluss seines Vortrags wird der Tierarzt dann doch recht nachdenklich, als er über die Frage nachdenkt, ob der Mensch wirklich die Krone der Schöpfung beziehungsweise die Spitze der Evolution ist. Schließlich würden die Affen im Einklang mit der Natur leben, keinen Müll hinterlassen und keine Schusswaffen benutzen. Vom Menschen kann man das nicht sagen.

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