Ex-VfBler im Interview Robert Vujevic: "Mein Körper hat nicht standgehalten"

Von Henrik Lerch 

VfB gegen den HSV: Robert Vujevic war bei dieser Partie im August 2001 dabei. Danach nie wieder.

Stuttgart - Timo Hildebrand im Tor, Marcelo Bordon als Turm in der Abwehr, Zvonimir Soldo und Krassimir Balakov die Dirigenten im Mittelfeld - mit diesen bekannten Namen ging der VfB Stuttgart am 4. August 2001 in die Bundesliga-Partie des 2. Spieltags der Saison 2001/02 beim Hamburger SV. Auf der Stuttgarter Trainerbank ein ebenso populärer Mann: Felix Magath.

Durch Treffer von Jörg Albertz und Erik Meijer ging das Spiel mit 2:0 an den HSV - ein VfB-Kicker aber erlebte dennoch "den größten Tag meines Fußballerlebens": Robert Vujevic, ein 20-jähriger Nobody, absolvierte vor zehneinhalb Jahren in der AOL-Arena sein erstes Bundesligaspiel. Und am Samstag trifft der VfB wieder mal auf Bundesliga-Dino HSV.

Mittelfeldmann Vujevic (31) aber, der es auf fast 150 Regionalligaspiele und sechs Tore für den VfB II, die Sportfreunde Siegen und den SSV Reutlingen brachte und vor kurzem Gast in der VfB-Videoserie "Bruno sieht rot" war, kickt nun beim Bezirksligisten Calcio Leinfelden-Echterdingen: In der Hinrunde in der Innenverteidigung, nun wieder als Sechser in der Zentrale. Warum die Partie 2001 auch sein letzte im Profibereich wurde, erzählt Vujevic uns nun im Interview.

Herr Vujevic, der Hamburger SV lag am 4. August 2001 mit zwei Treffern vorne und Felix Magath probierte es in der 75. Minute mit einem Doppelwechsel: Adhemar und Sie kamen für Ganea und Soldo ins Spiel. Eine undankbare Situation, oder?

Robert Vujevic: Naja, die Partie in der letzten Viertelstunde in Hamburg noch zu drehen, war schon schwierig. Ist uns ja auch nicht gelungen.

Wie lief Ihr großer Moment auf der Bundesliga-Bühne genau ab?

So genau weiß ich das gar nicht mehr. Ich weiß aber, dass mich Magath schon vor dem Spiel mit der ersten Elf warmlaufen ließ.

Bitte?

Ja. Zvonimir Soldo war angeschlagen und es war fraglich, ob er überhaupt spielen konnte. Und so war ich mir auch sicher, dass ich irgendwann ins Spiel komme. Ich wurde dann für Soldo eingewechselt und habe alleine hinter Krassimir Balakov gespielt. Ich war nervös, vor so vielen Zuschauern (39.000; Anm. d. Red).

Besonders aufdrängen konnten Sie sich in der Viertelstunde offenbar nicht.

Wieso? Weil ich nie wieder in der Bundesliga gespielt habe?

Genau. Wie viele Ballkontakte hatten Sie eigentlich?

Weiß ich nicht, keine Ahnung. Ich glaube nicht, dass es insgesamt an diesem Kurzeinsatz lag. Da war nichts mehr zu holen.

Sondern?

Um es verkürzt zu sagen: Mein Körper hat den hohen Anforderungen nicht standgehalten. Ich war zu oft verletzt. In dieser Zeit, als ich dran war an den Profis, hatte ich Pech.

Was ist passiert?

Ich glaube, alles begann mit einer Bandscheibenquetschung. Ich habe mir nicht so viel Zeit genommen, wie mein Körper gebraucht hatte. Ich stand unter Druck.

Und Felix Magath gilt nicht als der geduldigste Trainer.

Klar, wer bei ihm nicht mitgezogen hat, war raus. So einfach war das. Magath ist nicht auf jeden Einzelnen eingegangen, das gab es nie.

Hätten Sie bei einem anderen Trainer mehr Bundesligaspiele gemacht?

Vielleicht. Wenn derjenige etwas mehr Geduld mit mir gehabt hätte, hätte das gut passieren können. An meinen Verletzungen war Magath aber nicht schuld. Ich habe gemerkt, dass er auf die Art, wie ich gespielt habe, gestanden hat. Ich war am 18. Spieltag in Köln auch nochmal im Profikader und als er mal bei den VfB-Amateuren zugesehen hat und ich ein überragendes Spiel gemacht habe, hat er Kevin Kuranyi und mich hochgezogen. Ich war dann im Winter 2001/02 im Trainingslager der Profis in Portugal dabei.

Aber?

Wie gesagt, ich war unter Druck, habe mir selbst einigen gemacht. Ich wollte zu schnell wieder ran. Und das Ergebnis waren dann drei Muskelfaserrisse in den Oberschenkeln in sechs Monaten. Da ist doch klar, dass ich da weg vom Fenster war. Vorwerfen muss ich mir, dass ich zu schnell resigniert habe, ich hätte mehr kämpfen müssen.

Gab es damals einen Mentaltrainer beim VfB? Psychologische Hilfe?

Nein, glaube ich nicht. Brauchte ich auch nicht. Es ist nicht so, dass ich durch das alles einen psychischen Knacks bekommen habe. Aber dass ich nur ein Erstligaspiel gemacht habe, ist fatal. Man arbeitet die ganze Jugend darauf hin, man wartet auf den Durchbruch und dann läuft das so ab. Ich bin wohl einer der seltenen Fälle, in denen auf das erste Bundesligaspiel kein zweites folgte.

Zehneinhalb Jahre danach: Sind Sie stolz auf Ihr eines Spiel? Oder überwiegt der Ärger, dass es nur zu einem gereicht hat?

(zögert) Gute Frage. Also direkt nach der Partie in Hamburg war ich einerseits natürlich froh und stolz, es gab Glückwünsche ...

... von wem?

Zvonimir Soldo hat mir, als wir mit dem Flieger wieder in Stuttgart gelandet sind, in die Augen gesehen und mir zum ersten Bundesligaspiel gratuliert. Das weiß ich noch ganz genau. Dann haben meine damaligen Freunde gratuliert: Kevin Kuranyi, Christian Tiffert, Andy Hinkel, Timo Hildebrand. Und natürlich Aleks Hleb, mit ihm habe ich mich besonders gut verstanden.

Und andererseits?

Bin ich absolut enttäuscht. Wenn ich sehe, was ich verpasst habe, wer alles Profifußballer geworden ist, wer 100 Bundesligaspiele und mehr gemacht hat - und ich habe eben nur diese 15 Minuten. Das tut weh.

Wie viel Geld hatten Sie für die Viertelstunde damals bekommen?

Es gab eine Einsatzprämie, wie für die anderen auch. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, wie hoch die war. Ich glaube, es müssten 2000 Mark gewesen sein.

Und im Jahr 2012 arbeiten Sie als gelernter Industriemechaniker bei Daimler im Werk Mettingen und kicken in der Bezirksliga.

Ganz genau. Mit Freunden aus alten Zeiten spiele ich bei Calcio Leinfelden-Echterdingen, just for fun. Unser Ziel ist es aber schon aufzusteigen.

Werden Sie von Gegenspielern manchmal als der Ex-VfB-Spieler erkannt?

(lacht) Ja, manchmal! Es gibt schon Sticheleien, aber das ist auch okay so.

Und am Samstagnachmittag ist es wieder soweit: Der VfB spielt wieder mal beim HSV ...

... und für mich ist das überhaupt keine besondere Partie. Es ist nicht so, dass ich, wenn ich HSV höre, sofort an meinen damaligen Einsatz denke. So wild ist das alles nicht. Aber klar ist, dass ich dem VfB weiter die Daumen drücke. Er ist und bleibt mein Verein.

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