Deutscher Trainer in Australien: Ex-VfB-Coach Markus Babbel bei den Western Sydney Wanderers Foto: Getty Images AsiaPac

Er kennt die großen Fußballbühnen – und lernt nun eine ganz andere Welt kennen. Markus Babbel ist Trainer in Australien – und hat uns vor dem Saisonstart Einblicke in sein neues Leben gegeben.

Stuttgart/Sydney - Diese 16 476 Kilometer sind eine Menge Holz. Hier Stuttgart, dort Sydney. Ganz weit weg also ist Markus Babbel derzeit von seiner einstigen Wirkungsstätte – und doch voll auf Ballhöhe. „Der VfB“, sagt der frühere Nationalspieler, „muss seine Identität wiederfinden.“ Er habe das Gefühl, ergänzt Babbel, der Club befinde sich „auf der Suche nach seiner DNA“. Dabei liege es doch auf der Hand, für was die Mannschaft stehen müsse: „Der VfB und sich einfach hinten reinstellen? Das passt einfach nicht zusammen. Der Club stand immer für offensiven Fußball, schon damals, als ich noch Spieler beim FC Bayern war.“

Damals – als Babbel nicht nur bei den Bayern erfolgreich war, sondern auch beim Hamburger SV kickte und später beim FC Liverpool. Als er beim VfB erst Meister als Spieler wurde und dann seine Trainerlaufbahn startete, die er bei Hertha BSC, 1899 Hoffenheim und beim FC Luzern fortsetzte. Bis ins Heute. Bis nach Sydney, wo er sagt: „Es ist hier traumhaft schön.“

Von der Wohnung aus hat Babbel die Harbour Bridge im Blick, das Meer ist nah. Vieles erreichen er, seine Frau und die dreijährige Tochter zu Fuß – und noch etwas ist wichtig am neuen Domizil: „Zum Trainingsgelände sind es nur zwei Minuten.“ Der Chefcoach ist nah dran an der neuen Aufgabe – bei den Western Sydney Wanderers. „Am Sonntag“, sagt er, „geht es ans Eingemachte.“

Kein Vergleich mit der Bundesliga

Der 46-Jährige kennt die Bundesliga, die englische Premier League, er hat in der Champions League gespielt und ist 1996 Europameister geworden. Ans Eingemachte geht es nun aber auf einer anderen Bühne. Auf einer kleinen in einem riesigen Land. In der A-League. „Mit der Bundesliga“, sagt Babbel, „kannst du das nicht vergleichen.“ Dennoch fiebert er dem Saisonstart an diesem Sonntag gegen Perth Glory entgegen – weil er spürt, dass der ungewöhnliche Schritt ans andere Ende der (Fußball-)Welt der richtige war: „Bis jetzt habe ich es keine Sekunde bereut.“ Warum auch?

„Ich wollte mal etwas ganz anderes erleben“, sagt Babbel über die Entscheidung für die Wanderers im Frühjahr dieses Jahres. Da träumte der frühere Abwehrspieler – wie heute noch – zwar von einem Engagement als Teammanager in England, nach dreieinhalb Jahren in der Schweiz wusste er seine Situation aber auch realistisch einzuschätzen. Also dann: Warum nicht Sydney? Wo der Fußball eben ein wenig anders ist – wie auch die Arbeit der Trainer.

Zehn Clubs treten in der erst seit 2005 bestehenden A-League an, dreimal in der Saison spielen sie gegeneinander. Die beiden Topteams qualifizieren sich direkt für die Halbfinals, die Clubs auf den Rängen drei bis sechs spielen um die anderen beiden Plätze in der Vorschlussrunde. Der Meister wird im Grand Final gekürt und erhält, wie der Erste der Hauptrunde, einen Startplatz in der asiatischen Champions League. Dazu kommt: Es gilt ein sogenannter Salary Cap, die Clubs dürfen nur einen bestimmten Betrag in ihr kickendes Personal investieren. Nur fünf Ausländer sind erlaubt, auch die Zahl der Juniorenspieler ist festgelegt. „Ich habe zehn Spieler in meinem 23-Mann-Kader, die jünger als 22 Jahre sind“, sagt Babbel, „insgesamt ist man durch die Regelungen natürlich limitiert.“ Und anders als in den USA machen die ganz großen Stars einen Bogen um die A-League. Wobei – einen Topstar gibt es doch, von dem Babbel jedoch wenig hält.

Als Fußballer hält Markus Babbel wenig von Usain Bolt

Supersprinter Usain Bolt treibt bei den Central Coast Mariners seine zweite Karriere als Fußballer voran. Kürzlich traf er doppelt in einem Testspiel, dass er sich tatsächlich durchsetzen kann, glaubt der deutsche Coach aber nicht. „Ich hab ihn spielen sehen“, sagt Babbel, „bei aller Liebe, das reicht in 100 Jahren nicht.“ Als PR-Aktion für den australischen Fußball, der im Schatten von Rugby und Australian Football steht und nur Sportart Nummer drei ist, findet er das aber „sensationell“.

So beschreibt er auch die Bedingungen bei den Wanderers – wenn es darum geht, wie sie einmal sein sollen. Das neue Stadion, eine reine Fußballarena für 30 000 Zuschauer, wird gerade gebaut, auch das neue Trainingszentrum ist 2019 fertig. Babbel arbeitet nun darauf hin, dass die schöne Hülle auch mit Leben gefüllt wird.

Top-Trainer in der Jugend, einen Videoanalysten für den Nachwuchs, Fitnesscoaches für die Talente – von derartigen Notwendigkeiten, in der Bundesliga Selbstverständlichkeiten, will er den Geschäftsführer des Clubs überzeugen – und derweil seine aktuelle Mannschaft auf ein professionelleres Level heben. Das jedoch gleiche einer „Gratwanderung“, weil die meisten Profis ein europäisches Trainingspensum einfach nicht gewohnt seien. Im Gegensatz zu Alexander Baumjohann und Patrick Ziegler, die beiden deutschen Kicker, die Babbel nach Down Under gelockt hat und die zusammen mit ihrem Coach nicht die einzigen Deutschen in der A-League sind.

Auch Georg Niedermeier kickt jetzt in Australien

Georg Niedermeier, einst hart gesottener Abwehrrecke beim VfB, kickt seit dieser Saison für Melbourne Victory. Marco Kurz, in Stuttgart geboren und ebenfalls mit VfB-Vergangenheit ausgestattet, ist Trainer bei Adelaide United und hat Mittelfeldspieler Mirko Boland zu sich geholt. Als Vorreiter gilt ihnen allen Thomas Broich. Der frühere Kölner war einst ein Star der A-League – und einer ihrer Besten. Ob Markus Babbel als Trainer einen solchen Status erreicht?

„Ich habe das Gefühl: Ich kann hier was bewegen“, sagt der Münchner, der einen Vertrag bis 2021 unterschrieben hat. Die Rückkehr nach Deutschland ist ausgemachte Sache, einen fixen Zeitpunkt dafür gebe es aber nicht. Viel zu wohl fühlen sich Babbel und seine Familie nach den ersten Monaten in Sydney, als dass sie schon wieder an Abschied denken würden. Und abgeschnitten von der Heimat ist er ja trotz der 16 476 Kilometer nicht. „Die Australier sind sportverrückt“, sagt er, „hier wird im Fernsehen fast alles übertragen.“

Auch Spiele des VfB Stuttgart.

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