Ex-VfB-Profi Sami Khedira „Ich habe noch lange nicht genug“

Von Marco Seliger 

Sami Khedira spielt bei Juventus Turin eine tragende Rolle. Foto: AFP
Sami Khedira spielt bei Juventus Turin eine tragende Rolle. Foto: AFP

Weltmeister Sami Khedira spricht über die Chancen von Juventus Turin in der Champions League, das schwache Niveau in der Bundesliga – und eine mögliche Rückkehr zu seinem Heimatverein, dem VfB Stuttgart.

Stuttgart - Er ist Weltmeister, Champions-League-Sieger, deutscher, spanischer und italienischer Meister – Sami Khedira, der ehemalige Profi des VfB Stuttgart aus Fellbach-Oeffingen, der nun mit Juventus Turin um den Einzug ins Champions-League-Viertelfinale kämpft, hat eine Weltkarriere hingelegt. Und er hat noch lange nicht genug.

Herr Khedira, an diesem Mittwoch stehen Sie mit Juventus Turin bei Tottenham Hotspur nach dem 2:2 im Hinspiel unter Zugzwang. Klappt das noch mit dem Einzug ins Viertelfinale der Champions League?
Ja, ich bin überzeugt davon, dass wir weiterkommen werden. Die Chancen stehen immer noch bei 50:50. Wir haben beim Hinspiel daheim in Turin kein gutes Spiel gemacht. Tottenham war dagegen richtig stark und war auch besser als wir.
Was macht Ihnen dann Hoffnung fürs Spiel in London?
Unsere Mannschaft. Wir sind auch nach den Erfolgen in den vergangenen Jahren noch lange nicht satt, das zeichnet uns aus. Wir haben viel Erfahrung und wissen, wie man große Spiele angeht, das haben wir vielen anderen Teams voraus – auch Tottenham.
Wenn es um die Titelfavoriten in der Champions League geht, werden stets die üblichen Verdächtigen genannt: die großen spanischen Clubs, der FC Bayern, einige englische Clubs, zuletzt auch Paris St.-Germain. Juventus scheint sich zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung immer etwas unter dem Radar zu bewegen.
Was ich zwar weniger verstehen kann, aber dennoch nicht für nachteilig halte. Auch in den vergangenen Jahren waren wir nie der Favorit, standen aber trotzdem in den letzten drei Jahren zweimal im Endspiel der Champions League.
Das hat Real Madrid auch geschafft – und zweimal gewonnen. Juve hat zweimal verloren.
Stimmt. Aber trotzdem zeigt es unsere sportliche Entwicklung, auch im Vergleich zur internationalen Konkurrenz. Was ich damit sagen will: Wir sind zu Recht selbstbewusst, und wir wissen, was wir können. Wir wollen auch dieses Jahr wieder ins ­Finale und uns dieses Mal mit einem Sieg belohnen.
Was kann Juve denn alles?
Wir haben schon seit Jahren einen klaren Plan, wir sind ein eingespielter, taktisch extrem disziplinierter und verschworener Haufen, der jedem Gegner den Zahn ziehen und ihn vor Probleme stellen kann. Und das Streben nach Erfolg lässt bei uns allen nicht nach. Da muss man sich nur mal unseren Keeper Gigi Buffon angucken, der lebt das vor und ist mit seinen 40 Jahren mindestens noch genauso erfolgshungrig wie vor ein paar Jahren.
Auch die Bayern sind heiß auf den ganz großen Wurf – sie sind mal wieder der einzige verbliebene deutsche Club in der Champions League. Wie stufen Sie das Niveau der ­Bundesliga ein?
Ich verfolge den deutschen Fußball sehr intensiv, wann immer es geht, schaue ich mir die Spiele im Fernsehen an. Und man muss schon feststellen, dass man im internationalen Vergleich in der Breite etwas hinterher ist.
Was meinen Sie damit?
Der FC Bayern dominiert die Liga und steht auch international sehr gut da. Ansonsten ist in der Champions League kein anderer deutscher Verein mehr im Achtelfinale vertreten. Vor ein paar Jahren hieß das Finale noch Bayern gegen Dortmund.
RB Leipzig allerdings hat in der Europa League zuletzt den SSC Neapel rausgeworfen – den aktuellen Tabellenführer der Serie A, gegen den Sie mit Juventus um die Meisterschaft kämpfen.
Ich habe das Hinspiel in Neapel gesehen (3:1 für RB Leipzig, Anm. d. Red.). Das war nicht das Napoli, das ich aus der Serie A kenne. Sie haben beim Hinspiel viele Stammspieler geschont, und daher ist das Spiel kein wirklicher Gradmesser.
Wo steht denn die Bundesliga im internationalen Vergleich?
Spanien und England sind momentan einen Tick voraus, was man an der Anzahl der Mannschaften in den verbleibenden Wettbewerben sehen kann.
In Spanien haben Sie vor Ihrer Zeit bei Juventus mit Real Madrid große ­Erfolge gefeiert – England fehlt in Ihrer Karriere noch als Top­liga. Träumen Sie von der Premier League?
Generell reizen mich neue Herausforderungen, mich reizen Dinge, die ich noch nicht kenne. Dinge, wo ich nicht weiß, was mich erwartet. Wo man sich neu erfinden muss, eine neue Mentalität, eine neue Stadt, ein neues Land. Ich bin noch relativ jung, ich habe noch ein paar Jahre. Und ich weiß, wie toll es ist, in ein fremdes Land zu kommen und zu lernen, wie die Leute wirklich ticken. Da wird so manches Klischee widerlegt.
Erzählen Sie!
Na ja, vom Spanier heißt es ja gerne aus der Ferne, dass er es gerne mal locker angehen lässt, dass er seine Siesta hält, seinen Rotwein trinkt und das Leben genießt. Das stimmt – aber nur teilweise. Denn die ­Spanier können sehr, sehr hart arbeiten. Und sie wissen vor allem, wann sie das tun müssen. Sie sind voll da und fokussiert, wenn es darauf ankommt.
Und die Italiener?
Beim guten Essen und beim Kaffee stimmen Klischee und Wirklichkeit natürlich überein, da kann ich mich nicht ­beschweren (lacht). Sonst heißt es ja oft, dass der Italiener Fremden gegenüber manchmal ein bisschen verschlossen ist, das habe ich aber überhaupt nicht so kennengelernt. Ich bin in Turin sehr warmherzig und offen empfangen worden. Die Leute sind extrem gastfreundlich, und ich fühle mich pudelwohl.
Und bald reizt es Sie, England und die Premier League kennenzulernen?
Mich begeistern im englischen Fußball das Tempo und die Intensität, da wird oft schnörkellos nach vorne gespielt, es wird mit offenem Visier im besten Sinne gekämpft. Das gefällt mir sehr gut, ja.
Also beendet Sami Khedira seine Karriere in England?
Im Fußball sollte man nie etwas ausschließen. Ich muss aber nochmals betonen: Ich fühle mich bei Juventus Turin pudelwohl, und Juve ist mein allererster Ansprechpartner. Ich habe noch bis Sommer 2019 Vertrag. Auch ein Karriereende in Turin ist möglich.
Und eines beim VfB Stuttgart?
Wie gesagt – man kann im Fußballgeschäft nichts ausschließen.
Ihr alter Weggefährte Mario Gomez macht es Ihnen gerade vor.
Der VfB ist mein Heimatverein, es ist immer mein Verein. Aber was die Zukunft irgendwann mal bringt, das wird man sehen.
Sie werden im April 31 Jahre alt – wie lange wollen Sie noch spielen?
Ich denke noch nicht ans Karriereende – auch weil ich mich so fit fühle wie schon lange nicht mehr. Nehmen Sie Arjen Robben oder Franck Ribéry – die sind jetzt beide 34 Jahre alt und spielen immer noch auf internationalem Topniveau. Ich habe noch lange nicht genug und möchte noch viele Titel gewinnen.

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