Kai Wagner (li.): Der ehemalige Spieler des SSV Ulm 1846 gehört zu den besten Linksverteidigern der Major League Soccer (MLS) in den USA. Foto: imago/Ricky Fitchett

Was für alternde Stars der Karriereausklang ist, soll für Kai Wagner das Sprungbrett ganz nach oben werden. Der gebürtige Geislinger eilt in der US-amerikanischen Profi-Fußballliga von Erfolg zu Erfolg. Vielleicht reicht es sogar zum Titel?

Stuttgart - Was er vermisst? Kai Wagner muss nicht lange überlegen: Spätzle, Maultaschen – die schwäbische Küche eben. Der gebürtige Geislinger, aufgewachsen im 200-Seelen-Dorf Radelstetten im Alb-Donau-Kreis spielt seit Februar 2019 in der 1,6-Millionen-Einwohner-Metropole Philadelphia für den Club Union in der US-Profiliga MLS. Und dort ist der 23-Jährige nicht nur die in Play-Offs um die Meisterschaft eingezogen. Der frühere Spieler des SSV Ulm 1846 hat mit seinem Team auch das begehrte „Supporter Shield“ geholt. Das erhält in der Major League Soccer (MLS) die Mannschaft, die nach der regulären Saison die meisten Punkte gesammelt hat. „Es läuft wirklich richtig rund für mich – sportlich und familiär“, sagt der Linksverteidiger am Telefon. Im Hintergrund schreit Liam und fordert die Aufmerksamkeit des Papas. Den Sohnemann brachte Wagners Frau Jenny vergangenen März auf die Welt. Sie ist die Schwester von Ex-HSV Profi Pierre-Michel Lasogga, der aktuell in Saudi-Arabien seine Brötchen verdient.

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Angesprochen auf seinen Schwager sagt Wagner mit einem Lachen: „Da kann ich in zehn Jahren vielleicht auch mal hinwechseln.“ Aktuell fühlt er sich in der MLS super aufgehoben. „Da hat sich mächtig was entwickelt, das technische Können der Spieler ist enorm gestiegen“, schwärmt Wagner. Es werde hoch gepresst und über die Außen viel Druck gemacht. „Das kommt meiner offensiv ausgerichteten Spielweise sehr entgegen“, sagt er. Wie er die Stärke der Liga im Vergleich zu Deutschland einschätzt? „Das Niveau ist mit der Zweitligaspitze vergleichbar, die Topteams könnten auch mit dem unterem Drittel in der Bundesliga mithalten“, ist er sich sicher. Was für alternde Stars wie Bastian Schweinsteiger, Andrea Pirlo oder David Villa der Karriereausklang war, soll für ihn zum Sprungbrett werden. Zum Sprungbrett in die Bundesliga oder in die Premier League.

Siebrecht holte ihn nach Ulm zurück

Bisher blieb ihm der Durchbruch in Deutschland verwehrt. Nach der Jugendzeit beim SV Lonsee, SSV Ulm 1846 und dem FC Augsburg holte ihn Lutz Siebrecht, der aktuelle Sportliche Leiter der Stuttgarter Kickers, zu den Spatzen zurück. Als A-Jugendspieler hatte er bereits Einsätze in der ersten Mannschaft. Dann kaufte ihn Schalke 04 2016 aus dem Vertrag, setzte ihn in seiner Regionalligamannschaft ein. Nach dem Abstieg von S04 II in die Oberliga konnte er ablösefrei wechseln. Kontakte zum Hamburger SV und dem VfL Bochum zerschlugen sich, Wagner landete 2017 bei Drittligist Würzburger Kickers. Als es darum ging, den Vertrag bei den Franken über 2019 hinaus zu verlängern, lehnte Wagner das Angebot ab. Um wenigstens noch eine Ablösesumme zu erzielen, ließ ihn Würzburg schon im Februar 2019 ziehen.

Tanner suchte Linksverteidiger

Über die Kontakte seines damaligen Beraters Dirk Lips zu Ernst Tanner kam der Wechsel in die USA zustande. Der ehemalige Hoffenheimer suchte in einer Funktion als Sportdirektor bei Philadelphia Union (Torwarttrainer ist der Ex-Frankfurter Oka Nikolov) noch einen Linksverteidiger. Wagner unterschrieb einen Zweijahresvertrag mit der Option auf zwei weitere Spielzeiten. Die Späher aus der Bundesliga haben ihn aber jetzt schon im Visier. Vergangenes Frühjahr schickte Mainz 05 eigens einen Scout ins Training, um Wagner zu sehen. Ausgerechnet da fehlte der Linksfuß verletzt.

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Jetzt gilt seine volle Konzentration den Play-offs. Drei Siege fehlen bis zum Einzug ins Finale. Los geht es am 24. November gegen New England Revolution. 3000 Zuschauer durften in Coronazeiten zuletzt ins Stadion. Normalerweise kommen in die 19 000 Zuschauer fassende Arena im Schnitt 18 000 Besucher. „Wir haben das Zeug, den Titel zu holen“, ist sich Wagner sicher. In seinem Team stehen mit Andrew Wooten (31) und Kacper Przybylko (27) zwei Spieler, die schon Bundesligaeinsätze hatten und im Gegensatz zum Urschwaben Wagner vermissen der US-Boy und der Deutsch-Pole auch keine Maultaschen und Spätzle.

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