Darja Varfolomeev (li. und oben re.) ist Olympiasiegerin. Ex-Sportgymnastin Magdalena Brzeska hatte es geahnt. Foto: IMAGO/Xinhua/IMAGO/Xu YaNan

Darja Varfolomeev vom Bundesstützpunkt in Fellbach-Schmiden hat als erste Deutsche Gold in der Rhythmischen Sportgymnastik gewonnen. Was Magdalena Brzeska dazu sagt, die 1996 in Atlanta bei Olympia dabei war? Wir haben mit der Ex-Gymnastin gesprochen.

Bis 1998 gehörte Magdalena Brzeska zu den besten Sportgymnastinnen der Welt, 1996 turnte sie bei den Olympischen Spielen in Atlanta. Heute trainiert sie junge Sportgymnastinnen – und kennt auch Darja Varfolomeev gut. „Sie“, sagt Brzeska über die Olympiasiegerin, „ist eine komplette Gymnastin.“

 

Frau Brzeska, sicher haben Sie am Freitagabend den Olympiasieg von Darja Varfolomeev live verfolgt, oder?

Natürlich, gemeinsam mit einigen von meinen Gymnastinnen, die ich bei der TSG Söflingen trainiere. Kurz zuvor bin ich allerdings erst von einer Südostasien-Rundreise zurückgekehrt. Ich habe den Jetlag noch ganz schön gespürt.

Zum Ende des olympischen Wettkampfs in der Rhythmischen Sportgymnastik waren Sie aber hellwach?

Das kann man wohl sagen. Es war wirklich unglaublich gut, was die beiden deutschen Gymnastinnen da abgeliefert haben.

Hatten Sie damit gerechnet?

Ob Sie es mir nun glauben, oder nicht: Ich hatte sogar mit zwei Medaillen gerechnet. Dass Darja Olympiasiegerin wird, war mir im Grunde schon im vergangenen Jahr klar.

Da hat sie fünf WM-Titel gewonnen.

Eben. Zudem bin ich mit meinen Kaderathletinnen immer wieder zum Training in Schmiden zu Gast. Da habe ich sehen können, wie akribisch und hart Darja mit ihrer Trainerin Yulia Raskina und dem ganzen Team am Stützpunkt in Schmiden arbeitet. Das ist so eine Detailarbeit, das kann man sich kaum vorstellen. Die beiden geben sich erst zufrieden, wenn auch der letzte Fingernagel richtig positioniert ist.

Was zeichnet Darja Varfolomeev aus?

Da könnte ich jetzt Vieles aufzählen. Sie ist elegant, von Natur aus schlank und beweglich, tritt sehr sicher auf – sie ist einfach eine komplette Gymnastin. Es passt bei ihr einfach alles, sie hat alles, was man braucht. Dazu ist sie extrem nervenstark.

Dagegen berichtete Yulia Raskina, wie sehr sie als Trainerin selbst nervös gewesen sei am Freitag in Paris.

(Lacht) Oh ja, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Einerseits, weil ich Yulia sehr gut kenne und immer wieder mit ihr telefoniere. Andererseits, weil ich nun selbst als Trainerin arbeite – wenn auch auf etwas niedrigerem Niveau. Da war es viel leichter, selbst zu turnen.

Waren Sie am Freitag auch nervös, als Darja Varfolomeev turnte?

Nein. Denn, wie gesagt, ich war mir sehr sicher, dass sie ihre beste Leistung wird zeigen können. Sie war einfach bereits. Schade ist ein wenig, dass Margarita Kolosov ganz am Schluss noch vom dritten Rang verdrängt worden ist. Ich hätte ihr eine Medaille von Herzen gegönnt, sie hätte sie auf jeden Fall verdient gehabt.

Eine Deutsche ist nun Olympiasiegerin in der Rhythmischen Sportgymnastik. Klingt irgendwie kaum zu glauben, oder?

Ja, es ist schon total verrückt. Es zeigt aber auch, dass sich die Sportart in den vergangenen Jahren in die richtige Richtung entwickelt hat.

Wie meinen Sie das?

Bis vor einigen Jahren konnten eigentlich nur Sportlerinnen aus Russland, Belarus und vielleicht noch der Ukraine Medaillen bei Großereignissen gewinnen. In der Sportgymnastik, zum Beispiel zu meiner Zeit, wurde von den Athletinnen keine Widerrede geduldet, es ging sehr hart und streng zu. Dazu hatten nur Mädchen eine Chance, die extrem dünn waren. Nun haben auch viele andere Nationen Gymnastinnen in der Weltspitze. Das alles hat sich total verändert.

Inwiefern?

Das Training findet mehr auf Augenhöhe statt, die Sportart macht Spaß, die Turnerinnen sind nicht mehr alle sehr jung – im Finale am Freitag stand sogar eine 30-Jährige. Und es sind auch nicht mehr alle nur spindeldürr. Auch Mädchen mit einem etwas anderen Körperbau betreiben diese Sportart mittlerweile auf höchstem Niveau. Und: Sie alle bieten eine wirklich schöne Show mit meist moderner Musik – die Stimmung am Freitag in der Halle von Paris war jedenfalls sensationell.

Was kann dieser Olympiasieg von Darja Varfolomeev für die Sportart bewirken?

Ehrlich gesagt: Wir haben schon im vergangenen Jahr die Auswirkungen ihrer Erfolge gespürt. Viele Mädchen sind neu zu uns gekommen, weil sie gesehen haben, welch schöne Sportart die Gymnastik heutzutage ist. Ich denke, das kann sich nun noch einmal verstärken – zumal ja auch von Darja noch einiges zu erwarten ist.

SIe trauen ihr zu, ihre Erfolge zu wiederholen?

Auf jeden Fall. Sie ist ja noch sehr jung. Allerdings wird es demnächst wieder neue Regeln geben, die Arbeit geht also von vorne los. Aber so, wie ich Yulia Raskina kenne, hat sie schon wieder neue Ideen im Kopf. Dabei habe ich ihr nach diesem Olympiasieg gesagt: Genieß das doch jetzt auch einmal.

In Paris fehlten die bereits angesprochenen Gymnastinnen aus Russland und Belarus. Hat erst dieser Umstand den Erfolg von Darja Varfolomeev möglich gemacht?

In einigen Wettkämpfen der vergangenen Monate waren belarussische Athletinnen am Start – und auch da zählte Darja zu den Besten. Ich bin sicher: Sie hätte auch unter anderen Umständen mindestens eine Medaille geholt. Weil sie einfach eine Mega-Gymnastin ist.

Wird sie mit dem Trubel, der einer Olympiasiegerin bevorsteht, klarkommen?

Ich denke schon. Sie hat auch bislang schon alles gut gemeistert. Und: Sie hat in Schmiden ein tolles Team um sich, das gut auf sie aufpassen wird.