Von Stuttgart aus eroberte Sami Khedira die Fußballwelt. Er wurde Meister in drei verschiedenen Ländern, Champions-League-Sieger und Weltmeister. Ein Blick zurück – auch in Bildern – auf eine außergewöhnliche Karriere. Und in die Zukunft.
Stuttgart - Es ist schon eine Weile her, aber ja: Stuttgart hat sich einst für die Austragung der Olympischen Spiele beworben. 2012 sollte die Jugend der Welt zu Gast sein in der baden-württembergischen Landeshauptstadt – und schon Jahre vorher hatte man sich gefragt: Welche Stuttgarter hätten das Zeug dazu, dann für Deutschland mit dabei sein? Die damalige Antwort von Thomas Albeck, vor einigen Jahren viel zu jung verstorben und damals Nachwuchschef beim VfB Stuttgart: einer auf jeden Fall.
Sein Name: Sami Khedira (heute 34).
Zurückhaltend und höflich, so erschien der Teenager dann also zum Fototermin. Aber auch: mit damals schon klaren Gedanken und Vorstellungen. Die Stuttgarter Olympiabewerbung scheiterte wenig später krachend. Die Karriere des jungen Sami Khedira dagegen nahm mehr und mehr Fahrt auf, führte den Mann aus Fellbach-Oeffingen nach oben in der Fußballwelt, ist gekrönt von beinahe unzähligen Titelgewinnen. Und sie endet nun an diesem Samstag.
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„Heute ist ein Tag, der mir persönlich sehr, sehr schwer fällt“, sagt Sami Khedira am Mittwochabend in Berlin. Dort also, wo einst seine Laufbahn in der Fußball-Bundesliga begann. Und an jenem Datum, das seinen ersten großen Erfolg markiert. Am 19. Mai 2007 köpfte Khedira den VfB Stuttgart zur Meisterschaft. Am 19. Mai 2021 verkündet er: „Es fällt mir schwer, darüber zu sprechen.“ Aber der Entschluss ist unumstößlich: „Es ist ein Bauchgefühl, das sich richtig anfühlt. Meine Fußballkarriere wird enden.“ Dort übrigens, wo er einst auch sein letztes Spiel für den VfB bestritten hat: in Sinsheim, im Stadion der TSG Hoffenheim.
Die Eltern lehren ihn harte Arbeit
Sami Khedira muss immer wieder grinsen, wenn er diese Parallelen formuliert. Denn sie häufen sich. Als Fredi Bobic in Stuttgart als Manager anfing, war er 2010 gerade zu Real Madrid gewechselt. Nun kommt Bobic nach Berlin – Khedira ergreift wieder die Flucht. Wobei: Geflüchtet ist er ja nie. Sami Khedira hat sich den Herausforderungen des Fußballerlebens immer gestellt, von klein auf und mit den Mitteln, die ihm zur Verfügung standen. Und die ihm vor allem seine Eltern an die Hand gaben: „Mein Papa hat mir beigebracht: sei höflich. Sei diszipliniert. Arbeite hart.“ Drei Sätze, die Sami Khediras Laufbahn gut beschreiben. 15 Jahre Jahre Profifußball sind so abgelaufen. Beim VfB Stuttgart, bei Real Madrid, bei Juventus Turin, am Ende noch ein paar Monate bei Hertha BSC. Wer es komprimierter haben will, lauscht Khediras Geschichte aus der Saison 2013/2014.
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Er riss sich damals im Länderspiel gegen Italien das Kreuzband, schuftete monatelang für sein Comeback, schaffte es gerade so, zum Saisonende fit zu werden. Wurde Champions-League-Sieger und Weltmeister. Weil es nach einem kurzen Urlaub schon weiter ging im Hamsterrad Profifußball, erzählt er, blieb kaum Zeit, das alles zu verarbeiten. „Diese Zeit“, sagte er, „ist jetzt.“
Reisen will er – wenn es wieder uneingeschränkt möglich ist. Ausspannen, sich weiterbilden, verschiedene Bereiche des Fußballbusiness kennenlernen. Und: „Meine Karriere verarbeiten.“ Zum Zurückblicken gibt es einiges.
Unzählige Titel in verschiedenen Ländern
Meister in der B- und in der A-Jugend, später dann Meister in Deutschland, Spanien und Italien ist Khedira geworden. U-21-Europameister und Weltmeister. Sieger der Champions League. Pokalsieger in Spanien und Italien. 77 Länderspiele hat er bestritten. In der Region Stuttgart engagiert er sich mit seiner Stiftung sozial, ist zudem Teil eines Talentförderprogramms. Auf die Schulter klopfen will er sich deswegen nicht. Er formuliert den Stolz auf seine Laufbahn anders: „Ich bin dankbar.“
Allen Mitspielern, Trainern, Betreuern, Physiotherapeuten, Ärzten, Angestellten der Vereine. Aber vor allem seinen Eltern und seinen beiden Brüdern. Rani spielt künftig beim 1. FC Union Berlin, Denny übernimmt schon seit Jahren Managementaufgaben rund um die Geschwister. Sami Khedira („15 Jahre Profifußball haben Spuren hinterlassen“) verspricht der Fußballwelt für die Zeit nach der schöpferischen Pause: „Ich werde dem Fußball erhalten bleiben.“ Wie und wo – das weiß er noch nicht. Was er weiß: „Es hat sich gelohnt zu kämpfen.“
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Verletzungen haben vom Jugendalter seine Karriere begleitet, „vielleicht war er auch deshalb schon sehr früh sehr reif“, vermutet Armin Veh. Der Meistertrainer des VfB von 2007 hatte Khedira bei seiner Ankunft in Stuttgart erst gar nicht kennengelernt – eben weil dieser verletzt war. Dann sah Veh den jungen Khedira in der zweiten Mannschaft spielen, erkannte dessen Talent und Willen – und traf eine Absprache mit dem damaligen Amateurcoach Rainer Adrion: „Du gibst Bescheid, wenn er so weit ist.“ Es dauerte nicht lange. Und, so schätzt Armin Veh, wird es wieder nicht allzu lange dauern, bis man Sami Khedira wieder im Fußballbusiness trifft.
Lob von Meistertrainer Armin Veh
„Er hat sich mit eisernem Willen viel erarbeitet“, sagt der Ex-Trainer des Weltmeisters von 2014, „ich glaube, dass er noch mal was anderes machen kann im Fußballbereich.“ Warum? „Weil er ist, wie er ist.“
Ein Sportler mit hohen Ansprüchen an sich selbst. Die kann er nun nicht mehr erfüllen, bleibt konsequent und tritt ab. Am Samstag, so gegen 17.20 Uhr endet eine große Karriere. Die von Sami Khedira, dem Kandidaten für die Spiele 2012. Der Weltmeister 2014 wurde. Der nun sagt: „Ich bin erst mal raus.“ Aber auch betont: „Auf Wiedersehen.“