So jubelte Bernd Wahler bei seiner Wahl zum VfB-Präsidenten Foto: Baumann

Unter Bernd Wahler stieg der VfB Stuttgart 2016 ab. Wahler brauchte lange, um sich davon zu erholen. Im Rückblick auf seine Zeit als VfB-Präsident würde er heute vieles anders machen– vor allem eine Personalentscheidung bereut er zutiefst.

Düsseldorf - Bernd Wahler lässt es sich nicht nehmen, in fließendem Englisch mit schwäbischem Einschlag den Sieger zu verkünden. Die Entscheidung sei schwer gewesen, sagt er, doch habe die Jury ein einstimmiges Urteil gefällt. Jubelnd fällt ihm kurz darauf ein bärtiger junger Mann um den Hals, der den weltweit ersten interaktiven Squash Court auf den Markt gebracht hat. Er ist auf der Sportbusinessmesse Spobis in Düsseldorf der strahlende Gewinner im Start-up-Wettbewerb, eine Art „Höhle des Löwen“ für Sport-Innovationen mit Wahler in der Rolle des Oberlöwen.

Bernd Wahler (60) ist also wieder mittendrin im großen Sportbusiness. Er ist Partner und Verwaltungsratschef von Hype Sports Innovation, einer in Israel gegründeten, weltweit agierenden und zunehmend florierenden Plattform für neue Technologien im Sport. Hier ein Handschlag, dort ein Small Talk – sein kehliges Lachen durchdringt die ganze Halle. Keine Frage: ihm geht es so gut wie er aussieht. Viel besser jedenfalls als am 14. Mai 2016.

„Wir sind abgestiegen, und dafür trage ich die Verantwortung“

Ein einziges Häufchen Elend ist Wahler, als er an jenem Samstag in den Katakomben des Wolfsburger Stadions steht. „In der Geschichte des VfB ist das ein ganz schwarzer Tag“, sagt der Clubchef und ringt um Fassung. „Wir sind abgestiegen, und dafür trage ich die Verantwortung.“ Am Tag darauf legt Wahler sein Amt nieder.

Auf die denkbar unrühmlichste Art endet damit seine Präsidentschaft, die keine drei Jahre vorher mit einem Freudensprung begonnen hat. Mehr als 97 Prozent der Stimmen erhielt der frühere Adidas-Manager bei seiner Wahl und versprach, dass es künftig wieder bergauf gehe. Er schob im Hintergrund vieles an, auch die Ausgliederung – doch unterm Strich steht am Ende der Abstieg und eine am Boden zerstörte Frohnatur. Wahler taucht erst einmal ab. Drei Monate lang zieht er sich in ein Hotel in den Bergen zurück – zur „aktiven Verarbeitung“, wie Wahler das im Rückblick nennt. Er fastet und denkt nach, spricht mit vielen Menschen und bringt seine Erfahrungen zu Papier. Dann schüttelt er sich und krempelt wieder die Ärmel hoch. „Ich war schon immer ein Unternehmer“, sagt der Mann, der als Student in Tübingen ein Sportgeschäft eröffnete.

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Wahler reist nach Israel, ins Land der Start-ups, und lernt seine heutigen Geschäftspartner kennen. Inzwischen hat ihr Unternehmen einen Ableger in London und 11 000 Start-ups in der Kundenkartei, denen Wahler und sein Team mit ihrem Netzwerk und ihrer Erfahrung auf die Sprünge hilft. „Das ist total spannend und macht riesigen Spaß.“ Zu allen großen Sportveranstaltungen auf der Welt reist er – und verfolgt „ als leidender Fan“, was bei seinem Herzensclub in Cannstatt passiert.

Die vielen Trainerwechsel, die ständige Abkehr vom ausgerufenen Weg, der Abstiegskampf, die Nottransfers – es ist für Wahler „ein Déjà-vu“. Könnte er die Zeit zurückdrehen, er würde vieles anders machen. Ein „großer Fehler“ sei es gewesen, Trainer Thomas Schneider und Sportchef Fredi Bobic vor die Tür zu setzen. „Ich wäre lieber mit beiden abgestiegen, als alles über den Haufen zu werfen. Man muss seinen Weg durchziehen, wenn man davon überzeugt ist.“ Der Druck der Öffentlichkeit und die Wucht der Emotionen ließen ihn anders handeln.

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„Mit Mitgefühl“ verfolgt Wahler nun, dass es seinem Nachfolger nicht besser ergeht. „Ich hatte gedacht und es mir für den VfB gewünscht, dass Wolfgang Dietrich aufgrund seiner Erfahrung und Persönlichkeit den eingeschlagenen Weg konsequent durchzieht.“ Wahler kann nicht verstehen, warum Sportchef Jan Schindelmeiser und ein paar Monate später Trainer Hannes Wolf gehen mussten – ein Gespann, das dabei war, auf den Nachwuchs zu setzen und dem VfB ein Gesicht zu geben. Ein ähnlicher Fall wie damals bei Schneider und Bobic. „Das ist wie ein Geschwür: Es geht immer wieder in die richtige Richtung – aber es wird nie zu Ende geführt.“

Bernd Wahler steht wieder auf der Sonnenseite des Lebens

Das war bei ihm selbst so und das ist unter Dietrichs Führung nicht anders. Der VfB sei wieder an dem Punkt, an dem es nur darum gehe, „zu retten, was noch zu retten ist“. Irgendwelche Philosophien spielen auch jetzt keine Rolle mehr, wenn es ums nackte Überleben geht. Von fundamentaler Bedeutung sei das Spiel am Sonntag gegen den SC Freiburg. „Ich wünsche uns einen Sieg. Aber ich möchte lieber nicht wissen, was passiert, wenn die Partie verloren geht“, sagt Wahler. Ob der VfB gewinnt oder nicht, ob er absteigt oder die Liga hält – es ändere letztlich nichts am grundsätzlichen Problem: „Ich denke, der VfB benötigt eine Runderneuerung.“

Es ist nicht mehr sein Hauptthema, die Zeit der schlaflosen Nächte ist längst vorüber. Bernd Wahler steht wieder auf der Sonnenseite des Lebens. „Es würde mir noch besser gehen, wenn ich mich nicht so oft über VfB-Niederlagen ärgern müsste.“

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