Guttenberg trat im fränkischen Kulmbach als weltgewandter Analytiker auf. Foto: dpa

Sechs Jahre nach seinem Abgang ist der Ex-Minister zurück und macht Wahlkampf für die CSU. Vor begeistertem Publikum erklärt er im fränkischen Kulmbach die große Weltpolitik. Eines bleibt dabei offen: Was will er selbst?

Kulmbach - Brütend heißt ist es in der Kulmbacher Stadthalle. Die Klimaanlage wird der gut 1100 Menschen nicht mehr Herr, die da dicht gedrängt im Plateau stehen. Tische und Stühle hat man gar nicht erst aufgestellt, sonst – sagen die Veranstalter – hätten sie „diesen Mega-Andrang“ von vorneherein niemals bewältigt.

Die Menschen sind gekommen aus Neugier, aus Heimatstolz – und zum Feiern. Den immer noch jugendlichen, agilen, schlanken Mann, der da die Bühne auf und abgeht, eineinhalb Stunden lang, als mache ihm die Hitze gar nichts aus. Auf’s Rednerpult verzichtet er: Dann wäre er „nur Gefahr gelaufen, eine abgeschriebene Rede zu verlesen“. Das Publikum kapiert die selbstironische Anspielung sofort. Lautes Gelächter, tosender Applaus.

In der alten Heimat ist die Jugendsünde längst vergeben

Sechs Jahre nach seinem unehrenhaften Abgang wegen einer abgeschriebenen Doktorarbeit ist Karl-Theodor zu Guttenberg wieder da. Für seine Partei, die CSU, startet er am Mittwochabend in Kulmbach eine Wahlkampftour durch alle sieben bayerischen Regierungsbezirke. So viele möchten ja sehen, wie er ankommt, nach sechs Jahren USA. Die einen, die ihn mögen, aber auch die anderen.

Kulmbach, das ist für „KT“ ein Heimspiel. In der Nähe steht seit 700 Jahren das Stammschloss derer von und zu Guttenberg; Vater Enoch zu Guttenberg, der Dirigent, ist in die Stadthalle gekommen, um den Sohn zu hören. Die Freiherrlichen Wälder und Fluren sind so umfangreich, dass das Vermögen der Familie auf mehr als eine Viertelmilliarde Euro geschätzt wird. Im Dorf Guttenberg selber, das zwar nur mehr 517 Einwohner zählt, betrachten sie laut Auskunft von Bürgermeister Eugen Hain die akademische Jugendsünde des Freiherrn als gar nicht erwähnenswert. Sie hätten ihren Polit-Star gerne wieder – so wie ihn der gesamte Wahlkreis Kulmbach im September 2009 mit den deutschlandweit höchsten Erststimmenanteil in den Bundestag gewählt hat: 68,1 Prozent bekam Guttenberg damals für sein drittes Mandat.

Wie plant der Freiherr seine Zukunft?

An diesem Abend tritt Guttenberg als ein Beobachter von außen auf, der „von deutscher Renten- und Sozialpolitik nichts mehr versteht“. Das Publikum nimmt er mit auf einen „Streifzug durch diese Welt, die in bedenkliche Unruhe geraten ist“. Und die Reaktion der Zuhörer straft alle Lüge, die behaupten, mit Außenpolitik sei im Wahlkampf kein Blumentopf zu gewinnen. Die Leute hängen förmlich an Guttenbergs Lippen, wenn er durch die Krisenherde der Welt zieht, wenn er den „blonden Wüterich“ im Weißen Haus ebenso attackiert wie lächerlich macht; wenn er vor der globalen Gefahr eines Atomkriegs mit Nordkorea warnt; wenn er „Herren“ kritisiert, „deren Ego nur noch von dem meines Rauhaardackels übertroffen wird“: Putin, Erdogan und so weiter. Die Leute applaudieren ausgiebig, wenn Guttenberg, der nun weltweise Analytiker, „unser Land“ in besten Händen sieht, „bei meiner früheren Chefin, einer Frau, die umgehen kann mit solchen männlichen Alphatieren, die vor Muskeln nicht mehr laufen können.“

Aber was will Guttenberg selbst? Dazu sagt er gar nichts, auch nicht im zweiten Teil seiner Rede, in dem er plötzlich vom weltpolitischen Analytiker zum Einpeitscher von CSU-Parolen wird. In Deutschland zurück haben wollen ihn viele im Publikum, auch wenn manche argwöhnen, „die Medien und die Opposition“ würden Guttenberg bei einem Comeback „in der Luft zerreißen“.

Guttenberg weiß, dass er auf Seehofer nicht zählen kann

Zurückhaben will auch CSU-Chef Horst Seehofer diesen „erstklassigen, sehr begabten, sprachmächtigen“ Politiker. Schon 2008, kaum selber an die Parteispitze gelangt, hatte er Guttenberg zum Generalsekretär gemacht. Heute sähe Seehofer es gerne, Guttenberg würde sich „wieder in unsere politische Familie einfädeln“. Die Leute, so sagt der Chef, „wählen spannende Figuren; sie wollen keine Technokraten.“

Seehofer sagt auch, er rechne es Guttenberg hoch an, dass er „ohne Netz“ auftrete: „Es gibt weder vor noch hinter den Kulissen eine Zusage, dass er nach der Bundestagswahl ein Amt kriegt.“ Selbst wenn – was wäre eine Zusage Seehofers schon wert? Guttenberg weiß genau, dass Seehofer eine Personalstrategie nach wechselnden machtpolitischen Gesichtspunkten betreibt. Ein Versprechen von heute ist morgen womöglich nichts mehr wert. Wohl deshalb endet Guttenberg ohne Schlusspointe, ohne Knaller. Er sagt nur: „Wenn ein abgehalfterter Politiker mal eineinhalb Stunden geredet hat, dann ist es Zeit für ein gutes fränkisches Seidla Bier.“ Und zumindest die Bierstadt Kulmbach liegt ihrem wiedergefundenen Star zu Füßen.

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