Wohntraum im Stuttgarter Westen: Loft mit 285 Quadratmetern Wohnfläche. Vor dem Umbau stand der ehemalige Kirchenraum lange Zeit leer. Foto: Andrea Block/Christian Haas

So lässt sich Wohnraum schaffen in der Stadt: Ein kreatives Paar hat eine entweihte Kirche im Stuttgarter Westen in einen großzügigen Ort zum Leben und Arbeiten verwandelt. [Plus-Archiv]

Wohnen in der Stadt – in einem Townhouse, wie Einfamilienhäuser heute genannt werden, in einem Loft oder einer Altbauwohnung mit Stuckdecken – ist ein Traum. Kaum zu verwirklichen heute, weil es an Angeboten fehlt. Und weil derlei Objekte für viele Menschen unbezahlbar geworden ist. Selbst ein unrenoviertes Häuschen mit kleinem Garten kostet heute schon 800 000 Euro.

 

Was aber bedeutet luxuriöses Wohnen in der Stadt? Warum kostet eine von der Edelimmobilienabteilung von Sotheby’s, Engel & Völkers und anderen Maklern angebotene Behausung einen höheren siebenstelligen Betrag, wenn man sie kauft? Oder dreitausend Euro, wenn man sie mietet? Werden goldene Wasserhähne verbaut? Fünffach verglaste Fenster? Dienstbotenservice?

Nicht grundsätzlich, wie Blicke in Objekte wie ein aufgestocktes Dachgeschoss im Stuttgarter Osten zeigen, das auf 170 Quadratmetern großzügiges Wohnen für eine Familie oder eine Wohngemeinschaft ermöglicht.

Oder ein 444 Quadratmeter großes Loft mit 285 Quadratmetern Wohnfläche im Stuttgarter Westen, das für einen Immobilienvermittler wie Sotheby’s, der auch Villen für 15 Millionen Euro anbietet, „ein vergleichsweise bescheidenes Objekt“ darstellt, wie Immobilienmakler Stéphan Kocijan, Leiter von Baden-Württemberg Sotheby’s International Realty, sagt. Goldene Wasserhähne jedenfalls sind hier Fehlanzeige.

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Wohl aber gibt’s jede Menge Luft nach oben in dem 4,65 Meter hohen Raum. Und tierische Besucher. Eichhörnchen auf der Loggia, die regelmäßig zu Besuch kommen und sich ihre schon bereitgelegten Nüsse abholen, wie die Bewohner des Lofts sagen.

Andrea Block und Christian Haas hatten 2007 schon getan, was heute politisch gewollt und gefördert wird – Wohnraum im Bestand zu schaffen, statt neu zu bauen. Hier war es eine nicht mehr genutzte koptische Kirche, Baujahr 1958.

Aus einer Kirche wird Wohnraum

Ein Jahr lang war das Kirchenloft angeboten worden. Niemand hatte sich offenbar vorstellen können, was man daraus machen könnte. Mit einem Saal, der so groß war, dass man hier Federball spielen konnte – was sie auch erst einmal gemacht haben, wie Andrea Block sagt. Die Architektin und Regisseurin für Animationsfilm der Filmakademie Ludwigsburg, die mit ihrem Partner Luxx Film gegründet hat und führt, hatte sofort Ideen, wie sich nicht nur Sport treiben, sondern leben – und arbeiten – ließe.

Im Loft entstehen auch Filme

Andrea Block und Christian Haas sind als Regisseure, Visual Effects Supervisor und Filmproduzenten spezialisiert auf visuelle Effekte und Animation für Blockbuster wie Emmerichs „Independence Day 2“ ebenso wie für Arthouse-Werke wie Wes Andersons „Grand Budapest Hotel“. Sie realisieren seit 2011 eigene Filme. „Manou“ etwa, mit Stimmen von Cassandra Steen, Kate Winslet und Willem Dafoe, ein preisgekrönter Animationsfilm.

Der aber auch der Grund dafür ist, dass sie das Loft nun verlassen werden. „Obwohl er in 50 Länder weltweit verkauft wurde, hatte er acht Prozent (in Relation zu acht Millionen Euro Herstellungskosten) weniger eingebracht, als er gekostet hatte. Wir hatten mit dem Loft gebürgt. Der Kinostart in den USA und Kanada war am 20. März 2020 zu Beginn der Coronapandemie. Und dazu waren wegen der Coronapandemie Projekte kurzfristig verschoben und abgesagt worden und dadurch Erträge in den letzten zwei Jahren leider nicht möglich.“

Andrea Block sagt, sie sei zwar enttäuscht, aber voller Tatendrang: „Wir fokussieren uns auf neue Filmprojekte wie ‚Hörnli‘, ‚Inverted‘ und ‚Jen129‘, die für Streaming auch interessant sind. Und ja, es war eine schöne Zeit hier und so ein Loft ist einzigartig und die kreative Atmosphäre besonders anregend. Wir finden aber sicher ein anderes Wohn- und Arbeitsprojekt zur Umgestaltung, ein 3-D-Druck-Gebäude könnte ich mir gut vorstellen.“

Umbau mit familiärer Hilfe

Den Umbau damals hatten die Bauherren in nur drei Monaten gestemmt – mit familiärer Hilfe. „Mein Vater ist Architekt und Projektleiter mit 40 Jahren Berufserfahrung. Ohne ihn hätten wir die Sanierung nie so rasch geschafft“, sagt Andrea Block. „Es roch erst noch ein bisschen nach Weihrauch, aber der sakrale Raum war zuvor natürlich offiziell entweiht worden.“

Unten wird gewohnt, an die Küche schließt der offene Wohn-Essbereich an – samt einigen alten Kirchenstühlen am Tisch. Hinter einem Regal als Raumteiler finden sich das Sofa und eine Wand, die sich für Filmvorführungen eignet. Da, wo die Kanzel war, ist ein Schlafzimmer mit Durchgang zum Badezimmer. „Da wir hier mit unseren Mitarbeitern arbeiten, wollten wir einen Rückzugsraum.“ Auf der anderen schmalen Seite ist unten eine offene Küche, ein Badezimmer, ein Rückzugsraum für Konferenzen. Auf einer zweiten Ebene an den schmalen Seiten wird gearbeitet.

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Erst einmal saßen sie aber auf einem Berg von Schutt. „Der war allein schon drei Meter hoch“, wie sich Christian Haas erinnert. Linoleumboden, alte Bleiglasfenster, die wenig Sonne einließen, Trennwände, Toiletten – das musste alles weichen. Schöne Buntglasfenster von Christian Oehler konnten bleiben, sie sind nun Erinnerungen an sakrale Zeiten neben Hightech-Arbeitsplätzen der Mitarbeiter.

Andrea Block: „Dann haben wir Parkett verlegt, Wände verputzt, große Fenster eingebaut, die viel Licht ins Loft bringen.“ In der Mitte des Raumes gibt’s nun eine Loggia, 30 Quadratmeter mit Blick in den Garten. „Hier machen wir im Sommer Mittagspause oder feiern, wenn ein Filmprojekt gelungen ist.“

Die Galerie – Treppen und Einbauten – an den schmalen Seiten sind aus Schwerlastregalen, die auch für Industriezwecke taugen würden. Andrea Block: „Wir fanden, das passt gut zum industriellen Loftstil.“

Ob das Loft demnächst zum Kreativ-Büro wird oder ob es zu zwei Wohnungen umgebaut wird, sinnvoll sind derlei Umbauten jedenfalls, beleben sie doch ein Quartier und schaffen Wohnraum – gebraucht wird er ja, egal ob für gut verdienende Familien oder für Wohngemeinschaften.

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Anreize zur Schaffung von Wohnraum
Aus dem Amt für Stadtplanung und Wohnen der Stadt Stuttgart heißt es: „Die Stadt fördert mit dem städtischen Förderprogramm ,Schaffung von Wohnraum zur Miete’ den Ausbau nicht genutzter Flächen, zum Beispiel Dach- und Gartengeschossflächen.

Weiterhin werden Erweiterungsmaßnahmen wie die Aufstockung eines Gebäudes oder die Umwandlung von bisher nicht genutzten gewerblichen (Laden-) Räumen gefördert. Voraussetzung ist unter anderem, dass die Maßnahmen baurechtlich genehmigungsfähig sind.

Wer neuen Wohnraum schafft, erhält einen Zuschuss in Höhe von 20 Prozent der nachgewiesenen Investitionssumme. Da in Stuttgart insbesondere ein starker Bedarf an kleinen Wohnungen für Singlehaushalte besteht, wird für Wohnungen bis 45 QM eine zusätzliche Förderung von 2500 Euro je Wohnung gewährt.“

Dieser Text erschien erstmals am 01.06.2022.