Ralf Kettemann als Trainer des SC Paderborn und im Dress der Stuttgarter Kickers. Foto: Imago/Zink und Imago/Rudel

Die Stuttgarter Kickers waren seine erste Profistation als Spieler, inzwischen sorgt Ralf Kettemann als Trainer des SC Paderborn in der zweiten Liga für Furore. Was zeichnet ihn aus?

Stuttgarter Kickers? Wenn Ralf Kettemann auf die Erinnerungen an seine erste Profistation als Spieler angesprochen wird, dann gehen seine Mundwinkel nach oben. „Alles war so vertraut, so familiär, mit dem schönen Trainingsgelände mitten in der Natur. Und der damalige Trainer Minkwitz hat mich mit den Füßen auf dem Tisch und der Zigarette im Mund in seinem Büro empfangen“, erzählt der 39-Jährige mit einem Lachen. Gut 17 Jahre später mischt er als Chefcoach des SC Paderborn die Zweite Fußball-Bundesliga auf. Zuletzt gab es acht Siege hintereinander. An diesem Samstag (13 Uhr) geht es als Spitzenreiter gegen Hannover 96.

 

Dann gibt es ein Wiedersehen mit Marcus Mann. Mit Hannovers Sportgeschäftsführer spielte Kettemann in der Drittligasaison 2008/09 gemeinsam bei den Blauen. Genauso wie mit Alexander Rosen, Marcel Rapp und Danny Galm, die später auch Sportdirektoren oder Trainer bei höherklassigen Clubs wurden.

Co-Trainer von Marco Wildersinn

„Im Nachhinein ist das superinteressant. Vielleicht waren wir ein zu verkopftes Team und sind auch deshalb abgestiegen“, meint Kettemann, der auch eine spezielle Verbindung zum aktuellen Kickers-Trainer hat: Von Marco Wildersinn übernahm er vor seinem Einstieg in Degerloch dessen Wohnung im Stuttgarter Westen. Später, in der Saison 2019/20, fungierte er als Assistent von Wildersinn in der U 23 der TSG Hoffenheim.

Danach wollte Kettemann eigentlich seinen Trainerschein in Spanien machen, doch Corona kam dazwischen. Nach einem Jahr Pause arbeitete er dann vier Jahre als Jugendtrainer beim Karlsruher SC, ehe er dann vor dieser Saison das Angebot des SC Paderborn bekam. Ob er realisiert hat, dass er als Profitrainer-Novize das Bundesliga-Unterhaus mit seinem Team aufmischt? „Das Ganze ist schon surreal. Wenn ich von außen draufschauen würde, würde ich fragen: Was passiert hier eigentlich gerade? Da ich aber selbst immer im Alltag sehr aktiv bin, nehme ich das nicht so wahr.“

Immer engagiert an der Linie: Ralf Kettemann. Foto: IMAGO/Ulrich Hufnagel

Kettemann redet unerschrocken, offen, erfrischend und frei von der Leber weg, aber immer überlegt. Klartext ist sein Markenzeichen. Er räumt ehrlich ein, dass er nicht der wahnsinnig strukturierte Fußball-Nerd ist, sondern eher ein Freigeist. Einer, der nicht zwingend der Erste ist, der auf dem Trainingsgelände aufschlägt, und nicht der Letzte, der das Licht ausmacht.

Lust auf Paddel und Tennis

„Wenn Sie meine Freundin fragen, dann sagt sie, dass es für mich 24/7 Fußball gibt, aber ich weiß, dass es extremere Kollegen gibt“, erklärt Kettemann. Ideen kämen ihm nicht bei der Arbeit, eher bei einem Spaziergang im Wald, unter der Dusche, in der Sauna oder beim Sporttreiben: „Ich brauche andere Dinge für meinen Kopf. Am liebsten würde ich immer spielen, beispielsweise Paddel oder Tennis.“ Er sei nicht per se Fußballer, sondern Sportler.

Als aggressiver Mittelfeldmann spielte der gebürtige Crailsheimer in der Jugend beim TSV Goldbach, beim TSV Crailsheim und auch beim SSV Ulm 1846, vor seiner Zeit bei den Kickers noch bei der SpVgg Greuther Fürth II, danach beim VfR Aalen (unter Trainer Ralph Hasenhüttl). 2011 begann er, als Spielertrainer den TSV Ilshofen von der Bezirks- bis in die Oberliga zu führen. 2019 holte ihn der damalige Hoffenheimer NLZ-Chef Dirk Mack als Co-Trainer zu „Hoffe zwo“. Sein Ex-Chef Wildersinn sagt über ihn: „Kette ist ein lockerer Typ, immer empathisch. Ein Menschenfänger mit einer klaren Idee von Fußball und enormem Fachwissen.“

Ralf Kettemann als Spielertrainer des TSV Ilshofen 2018 im WFV-Pokal-Finale gegen den SSV Ulm 1846 (0:3) mit David Braig (li.). Foto: Pressefoto Baumann

Dass er in Paderborn gelandet ist, ist kein Zufall. Dort holen sie traditionell keine „fertigen“ Trainer, sondern welche mit Entwicklungspotenzial. So war das bei Steffen Baumgart (2017 bis 2021), so war das bei Lukas Kwasniok (2021 bis 2025). Alle drei vereint eine Philosophie, die sich in drei Worten beschreiben lässt: Energie, Leidenschaft, Emotionen.

Die ruhige Atmosphäre in Ostwestfalen ist für aufstrebende Trainer ein Vorteil. „Wenn man Dinge ausprobieren, Fehler machen oder einfach schräg reden darf, ohne dass einem die Aussagen direkt um die Ohren fliegen, ist das schon hilfreich. Von daher ist Paderborn einer der besten Standorte, um Erfahrungen zu sammeln“, räumt Kettemann ein.

Viele Ex-Stuttgarter beim SCP

In seinem Kader tummeln sich auffallend viele Spieler aus dem Großraum Stuttgart. Die VfB-Leihgabe Dennis Seimen im Tor, die früheren VfB-Jugendspieler Mika Baur, Laurin Curda, Nick Bätzner und Niklas Mohr sowie Anton Bäuerle (früher Kickers-Nachwuchs). Mohr und Bäuerle trainieren oben mit, spielen aber im Regionalligateam. „Es war mein Wunsch, sie zu verpflichten, dann fällt mein Schwäbisch nicht so auf“, sagt Kettemann mit einem herzhaften Lachen, „aber im Ernst, das ist Zufall.“

Der Höhenflug seiner Mannschaft kommt dagegen nicht von ungefähr. Trotz der hochkarätigen Abgänge im Sommer von Aaron Zehntner (für 4,5 Millionen Euro zum VfL Wolfsburg) und Ilyas Ansah (für vier Millionen Euro zu Union Berlin) spielt das Team klasse Fußball und entscheidet enge Spiele für sich: Sieben der neun Siege gelangen mit einem Tor Unterschied.

Reicht es zum dritten Aufstieg?

„Wir haben keine zwei, drei Spieler für 1,5 Millionen Euro geholt, die Woche für Woche abliefern, wir haben die jüngste Mannschaft der Liga und wehren uns dennoch Woche für Woche, das ist schon erstaunlich“, lobt Kettemann sein Team. Ob das am Ende nach 2014 und 2019 zum dritten Paderborner Erstliga-Aufstieg reicht? „Keine Ahnung. Jetzt haben wir erst einmal fünf top Gegner vor der Brust. Wenn wir in der Winterpause immer noch oben stehen, werden wir uns sicher nicht über den Klassenerhalt unterhalten. Das ist klar.“

Nicht nur bei den Kickers wird man es gespannt verfolgen.