Stolz zeigt Ex-IBM-Chef Erwin Staudt eine Lochkarte nach oben: Sie machte die IBM groß. Foto: Stefanie Schlecht

Ehemalige IBMer blicken mit zwei IBM-Chefs auf das Gestern und das Heute des Hightech-Konzerns. Ein Tag zwischen Lochkarten-Nostalgie und KI-Zukunft.

Viel mehr IBM geht kaum: In der Sindelfinger Stadthalle trafen sich am 6. Juni einmal mehr ehemalige Mitarbeiter des IT-Konzerns. Sie blickten an diesem Nachmittag erst in die Zukunft, dann in die Vergangenheit von „Big Blue“, wie IBM auch genannt wird.

 

Auf der Bühne standen mit Wolfgang Wendt, dem amtierenden Deutschlandchef, und seinem Vorgänger Erwin Staudt zwei Persönlichkeiten, die für zwei sehr unterschiedliche, aber jeweils prägende Epochen bei IBM stehen.

Unterschlupf beim Laborteam

Wendt, gebürtiger Sindelfinger, heute verantwortlich für das Geschäft in Deutschland, Österreich und der Schweiz, blickte nach vorn. Er sprach über IBM als „AI for Business Company“, über Effizienzgewinne von 3,5 Milliarden US-Dollar durch eigene KI-Lösungen, über WatsonX und die Z 17 – den neuesten Mainframe, der Künstliche Intelligenz nicht nur mitdenkt, sondern mitrechnet. Über viele Generationen dieser Großrechner läuft etwa der komplette Zahlungsverkehr in Deutschland und darüber hinaus. Kunden seien traditionell große Kreditinstitute und Sparkassenverbände.

Wolfgang Wendt will am 18. November den neuen Tech-Campus einweihen Foto: Stefanie Schlecht

„Die Erfolgsgeschichte schreibt sich fort“, sagte Wendt und dankte dem Laborteam in Böblingen. Dort, wo IBM zuletzt notgedrungen Unterschlupf fand, bis der neue Campus in Ehningen am 18. November eröffnet werden soll.

Nicht fehlen durfte dabei der Rückblick auf turbulente Monate: eine Insolvenz beim Bauträger, ein sanktionierter Vermieter, ein Umzug unter Druck. Wendt sprach offen von einer „Pechphase“. Doch der Stolz ist zurück: „Ehningen wird das neue Walldorf – alles an einem Ort, von Quantum bis Vertrieb.“

Dann betrat Erwin Staudt die Bühne – sichtbar bewegt und gewohnt pointiert. Der frühere IBM-Deutschlandchef, von 1998 bis 2003 im Amt, schlug den Bogen von den 1970er-Jahren bis in die Gegenwart: „Das ist ganz und gar natürliche Intelligenz“, rief er gleich zu Beginn dem Publikum zu und hielt eine Lochkarte in die Höhe.

Ein guter Rat vom Onkel

Diese erste Form der maschinellen Datenverarbeitung, mit der die IBM groß wurde und die sich erstaunlich lange gehalten hat, ehe elektronische Datenverarbeitung ihr den Rang ablief.

1973 war der gebürtige Leonberger zur IBM gekommen, in einer Zeit politischer Krisen und autofreier Sonntage. Wie auch Wolfgang Wendt stand Staudt damals vor der Wahl: Mercedes oder IBM? „Dann geh’sch lieber zur IBM“, riet ihm sein Onkel, der zwar eine große Mercedes-Vertretung leitete, aber seinem Neffen mitten in der Ölkrise von einer Auto-Karriere abriet. Eine Entscheidung, die Staudt bis heute nicht bereut. „Wenn mich einer fragt, ob ich alles wieder so machen würde, sage ich: Ohne Wenn und Aber.“

Die richtige Antwort: „Einen Porsche kaufen“

In seiner gewohnt humorvollen und direkten Art ließ Erwin Staudt Anekdoten aus der Zeit der Großrechner aufleben: Notare, die per Losentscheid verteilten, wer den nächsten Mainframe bekam, Auswahlverfahren im „Goldfischteich“ für Nachwuchstalente oder sein eigenes Bewerbungsgespräch, bei dem er überraschend überzeugend auftrat.

Staudt: „Der Personaler fragte mich, was ich tun würde, wenn er mir 50 000 D-Mark auf den Tisch legen würde? Ich antwortete: Mir einen Porsche kaufen. Er: Sie haben den Job. Sprich: Man wollte Leute, die mutig vorangehen und nicht lange abwägen.“

Gut gefüllte Tische in der Stadthalle Foto: Stefanie Schlecht

Doch neben dem Witz war da auch Ernst. Staudt betonte die Werte, die IBM für ihn ausmachen: Fairness, Toleranz, Respekt für den Einzelnen. „Be a good citizen“ – das sei für ihn nie nur ein Spruch gewesen, sondern gelebte Haltung, auch als späterer Stadtrat in seiner Heimatstadt Leonberg. Seine Erfolgsformel: Fleiß, Enthusiasmus und Kommunikationsfähigkeit. „Eine faule Sau macht keine Karriere“, sagte er – und erntete zustimmendes Lachen.

Manch alter Wein in neuen Schläuchen

Er erinnerte daran, dass viele Angebote, die heute als neu gepriesen werden, schon in seiner Ära entwickelt wurden. „Statt Cloud Computing haben wir damals schon Business on demand entwickelt, was im Kern das Gleiche ist.“ Außerdem das Geschäftsfeld „Software as a Service“ intern SAS genannt. „Ich war einer der ersten Vertriebler, die den Service-Bereich für Großrechner aufgebaut haben, obwohl ich dachte, meine Karriere gehe damit in eine Sackgasse“, erinnerte er sich und erntete murmelnde Zustimmung.

Staudt plädierte für eine Kultur, in der das „Wir“ mehr zählt als das „Ich“, und in der auch ein Misserfolg offen besprochen werden kann – ganz ohne Schuldzuweisungen. „Davon lebt auch jede Ehe“, sagte er und bekam dafür den vielleicht ehrlichsten Applaus des Tages.

IBM brachte Wohlstand und „New Work“

Die Veranstaltung in Sindelfingen atmete den Geist des Hightech-Riesen, der nicht nur viel Wohlstand in den Kreis Böblingen brachte sondern auch neue Arbeitswelten, besser bekannt als „New Work“. Dieser Gemeinschaftssinn scheint viele IBMer auch im Ruhestand noch zu verbinden, wie die bis auf den letzten Platz gefüllten Tische in der Stadthalle bewiesen.

Veranstaltung „meetIBMer“

Teilnahme
Die Veranstaltung „meetIBMer“ ist die einzige ihrer Art, bei der sich im festlichen Rahmen aktive oder bereits in Ruhestand befindliche IBM-Mitarbeiter zu einem Erfahrungsaustausch und zwanglosem Beisammensein treffen können.

Anmeldung
Interessierte wenden sich per E-Mail an meetIBMer@gmx.de, die von Initiator Volker Straßburg betreut wird, dem ehemaligen Vorsitzenden des IBM Klub.