Holger Fleisch (links) mit einem Kollegen. Foto: Baumann

Der Ex-Bundesligareferee Holger Fleisch erklärt, warum die letzte Aktion für die Handball-Schiedsrichter so kompliziert zu regeln war, als die deutschen Handballer beim 25:25 gegen Slowenien einen nachträglich gegebenen Siebenmeter zum Ausgleich nutzten.

Stuttgart - Herr Fleisch, haben die Schiedsrichter aus Litauen in der letzten Aktion des Spiels zwischen Deutschland und Slowenien korrekterweise auf Strafwurf entschieden?
Das war eine ganz knifflige Situation und ist auch wirklich nicht einfach zu erklären.
Versuchen Sie es bitte?
Zunächst einmal gibt es ja seit Beginn der Saison 2016/17 folgende Regel: Begeht ein Abwehrspieler in den letzten 30 Sekunden eine grobe Regelwidrigkeit oder unterbindet er regelwidrig eine Wurfausführung, zum Beispiel einen Anwurf, Abwurf, Freiwurf oder Einwurf, sieht er Rot – und das andere Team bekommt einen Strafwurf.
Dann haben die Schiedsrichter doch korrekt entschieden?
Streng regeltechnisch haben sie das nicht getan. Paul Drux hat nach dem letzten Tor der Slowenen den Ball nach dem Anpfiff der Schiedsrichter ja noch geworfen, ohne davor gefoult worden zu sein.
Aber der Abstand wurde nicht eingehalten.
Genau und das wird, wenn der Ball geworfen wurde, laut Regel mit einer Zeitstrafe geahndet, und hat eine Wiederholung des Anwurfs zur Folge, so fern noch Spielzeit ist. Es gibt jedoch ein Aber.
Das da wäre?
Ich habe vom Fernseher aus nicht die Spielzeit sehen können. Deshalb ist folgende Situation denkbar: Drux konnte nach dem Anspiel nicht sofort werfen, da der Gegenspieler vor ihm stand. Wenn dies noch innerhalb der Spielzeit war und Drux den Ball aber erst aus der Hand gab nach Ende der 60 Minuten, dann wäre der Strafwurf korrekt gewesen, da er davor durch den zu geringen Abstand am Wurf behindert wurde. Wie gesagt das Regelwerk ist hier äußerst komplex.
Und ein bisschen unlogisch.
Meine persönliche Spielauffassung ist auch die, dass wenn jemand den Wurf behindert, es auch zum Strafwurf führen muss. Aber die offizielle Lehrmeinung des Weltverbandes IHF ist eine andere.
Kann es sein, dass die Partie doch noch für Slowenien gewertet wird?
Ich kann mir es nicht vorstellen, aber man sagt ja: Vor Gericht und auf hoher See...
Die Schiedsrichter nutzten den Videobeweis. Drohen uns solch minutenlange Diskussionen künftig auch in der Bundesliga?
Bei einer EM darf der Videobeweis bei spielentscheidenden Situationen angewandt werden, in der Bundesliga derzeit noch nicht. Aber die Diskussionen werden jetzt wohl neu aufflammen.
Was trauen Sie dem deutschen Team noch zu?
Dieses Spiel kann einen Schub geben. Die Mannschaft hat sich mit einer kämpferischen Leistung am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen.
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