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Matschinger über die dunkle Seite des Sports: „Fußball ist eine prädestinierte Sportart für Doping.“

Stuttgart - Er hat selbst gedopt, und er ist ein ver- urteilter Doping-Dealer. Und trotzdem – oder gerade deshalb – ist Stefan Matschiner ein gefragter Gesprächspartner. Weil er Einblicke in eine Szene gewährt, deren Geschäftsmodell die Vertuschung ist. „Wer absoluten Erfolg haben will“, sagt er, „der muss dopen.“

Herr Matschiner, schauen Sie sich die Tour de France im Fernsehen an?
Nicht mehr so intensiv wie früher. Aber bei einer spannenden Bergetappe kann es durchaus sein.

Welche Gedanken gehen Ihnen dabei durch den Kopf?
Ich bin mittlerweile völlig neutral, ohne irgendwelche Emotionen. Ich denke sicher nicht: Oh, da war ich mal, schön war’s, und der Wein war gut nach getaner Arbeit.

Ihre Arbeit bei der Tour 2008 war, den österreichischen Profi Bernhard Kohl aus dem Gerolsteiner-Team mit Blutbeuteln zu versorgen.
Richtig.

Wie oft haben Sie ihn auf diese Weise gedopt?
Ich selbst zweimal, einmal ein Assistent.

Aber es gab vier Beutel mit Blut, das ihm vor der Tour abgenommen worden war.
Die vierte Applikation wäre zu viel gewesen.

Aus gesundheitlichen Gründen?
(Lacht) Nein. Aber er wäre derart explodiert, dass er den späteren Sieger Carlos Sastre hinauf nach L’Alpe d’Huez auch noch ­gepackt hätte.

Kohl wurde am Ende Dritter und gewann das Bergtrikot. Hätten Sie ihn zum Tour-Sieg ­dopen können?
Sicherlich – auch wenn das jetzt eine sehr plakative Aussage ist.

Weil Doping allein nicht reicht?
Genau. Kohl war ein absolutes Supertalent mit vielen, vielen Trainingsjahren in den Beinen. Er war damals top in Form, mental extrem stark, und der gesamte Aufbau hat auch noch perfekt gepasst – einschließlich eines Sturzes bei der Rundfahrt zuvor, nach dem er Cortison nehmen durfte. Und dann kamen noch die drei Prozent Leistungssteigerung aus den Blutbeuteln dazu.

Nur drei Prozent?
Das hört sich jetzt nicht viel an. Aber drei Prozent sind bei einer sechsstündigen Etappe auf dem Rad immerhin, rein rechnerisch, mehr als zehn Minuten. Das wiederum ist extrem viel. Doping ist das i-Tüpfelchen. Zu sagen, ich hätte ihn zum Tour-Sieg dopen können, ist zwar richtig, weil er ohne Doping nicht dorthin gekommen wäre. Den weitaus größeren Teil zu seinen Leistungen hat er aber selbst beigetragen. Doping macht aus einem Ackergaul kein Rennpferd.

Andere Experten behaupten, durch Doping ließe sich die Leistung um 10 bis 15 Prozent steigern.
Nie im Leben, maximal fünf Prozent, mehr geht nicht – egal was und wie viel ein Athlet nimmt. Am besten quantifizieren kann man Doping mit einem Blick auf den 100-Meter-Lauf. Gehen wir von zehn Sekunden aus, dann ist ein Zehntel ein Prozent. Drei Prozent machen also aus einem 10,2- einen 9,9-Sprinter. Das sind Welten. Wenn ein Usain Bolt heute 9,58 als Weltrekord stehen hat, dann kann dieses absolute Mördertalent wahrscheinlich auch sauber gerade noch unter zehn Sekunden laufen.

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